Warum WELT-Journalist Dennis Sand falsch liegt.

Wir fangen unseren Text mit denselben Worten an wie vergangenen Samstag WELT-Redakteur Dennis Sand: „Dieser Text über Jan Delay ist nicht bloß ein Text über Jan Delay, dieser Text über Jan Delay ist eine Korrektur. Eine Revision. Eine Umkehr.“

Wir glauben, das muss ein Missverständnis sein. Oder, wie Dennis Sand es formuliert: das „vielleicht größte Missverständnis der deutschen Popkultur“. Oder auch einfach nur das seltsame, unverhältnismäßige Abranten über einen Musiker, mit dem der Autor offenbar ein fettes, persönliches Problem hat.

Ekelhaft unter der Gürtellinie

Nicht falsch verstehen: Rants sind großartig, und, wenn sie gut gemacht sind, auch höchst lesenswert. Dennis Sand schreibt ja durchaus auch unterhaltsam – schlägt aber so ekelhaft unter die Gürtellinie, dass es nicht mehr cool ist, sondern leider ziemlich peinlich. Sein Meinungsstück ist der verzweifelte, wortgewordene Versuch, einen Musiker ohne tatsächlichen Grund fertigzumachen und dabei nicht mal gute Argumente vorzubringen.

Es geht um das Album „Bambule“, das zweite Studioalbum der Hamburger Hip-Hop-Formation Absolute Beginner, das am 10. November 20. Jubiläum feierte. Das Album hielt sich insgesamt 65 Wochen in den deutschen Top 100. Manche sagen, es habe Deutschrap verändert. Andere sagen, es sei ein „ziemlich banales Album“ – zum Beispiel WELT-Redakteur Dennis Sand.

Er versucht, zu erklären, dass Musik, die gefeiert wird, nicht deshalb schon gut ist. Super Argument, dass nur leider gar nichts aussagt.

Was bedeutet eigentlich „erfolgreich“?

Massengeschmack ist häufig vor allem eines: beliebig und deshalb eben auch erfolgreich. Gleiches gilt für so ziemlich jedes „künstlerische“ Produkt – oder macht die Platzierung in den Bestsellerlisten Kollegahs Buch „Das ist Alpha!“ automatisch zum zum Stoff fürs „Literarische Quartett“?

[Mehr zum Boss-Buch: So oft hat Kollegah seinen Ratgeber „Das ist Alpha“ verkauft]

Der Umkehrschluss dieser Argumentation ist für Sand: Alles, was erfolgreich ist – etwa, kein Scherz!, Schnappi, das kleine Krokodil –, ist deshalb auch automatisch scheiße. Ist nur halt nicht so. Es gibt Dinge, die nicht gut sind und durch Hype, Glück oder Kult erfolgreich werden. Und es gibt großartige Kunst, die ewig in der Geheimtipp-Nische verschwinden und nie Erfolge feiern.

Erfolg ist also kein Garant für Qualität – aber eben auch kein Garant für Trash

Nichtdestotrotz ist „Bambule“ aufgrund seines immerwährenden Erfolgs dem WELT-Redakteur ein Dorn im Auge, und so nimmt er das Jubeljahr des Albums zum Anlass, um über eines der Bandmitglieder herzuziehen: Hamburgs Rap-Godfather Jan Delay.

Eklige Beleidigungen? Hier entlang!

Jan Delay wird unter anderem als „Freak“ bezeichnet. Als „Freak“ mit „lustigem Hut, übergroßer Sonnenbrille“, der einen „schrill-schwulen Anzug“ trägt. Ja, Jan Delay ist ein Freak – besser gesagt: eine Kultfigur. Er hat Wiedererkennungswert. Sobald er bunte Socken trägt, kauft sich jeder „Happy Socks“. Sobald er Anzüge auf der Bühne trägt, sind sie wieder alltagstauglich. Auch solche Anzüge, die Dennis Sand als „schrill-schwul“ bezeichnet.

Wir wussten übrigens nicht, dass Anzüge schwul sein können – Homophobie, ick hör dir trapsen!

Darüber hinaus stellen wir uns die Frage: Seit wann ist das Outfit eines Musikers ein Qualitäts-Seismograph? Und das mit den schrillen Sonnenbrillen, den bunten Anzügen und flippigen Accessoires sollte Sand vielleicht noch mal mit Größen wie Bootsy Collins besprechen – möglicherweise kann dieser jenem erklären, dass es unterschiedliche Ausprägungen persönlichen Kleidungsgeschmacks gibt.

Näsel dir doch dein Leben zurecht!

Natürlich wird auch darüber gewitzelt, dass Jan Delay eine nasale Stimme hat. Der Witz ist aber älter als „Bambule“ selbst, der Witz ist sogar älter als Hip-Hop selbst. Denn gerade die derbe Stimme ist das, was den „Freak“ mit dem „lustigen Hut“ so outstanding macht. Wenn Jan sagt „Ey, gib'n Fick, Alda!“, dann schallt dieser Satz mit so viel Wumms ins Ohr wie ein hupendes Schiff, das in den Hamburger Hafen einfährt.

Sand meint aber, sicher zu sein, dass Jan und seine Jungs ziemlich flache Musik machen. Er zitiert einzelne Zeilen aus Songs wie „Füchse“ und findet, dass „Bambule“ und die Beginner keinen einzigen Maßstab erfüllen würden, den man an guten Hip-Hop anlegen könnte.

Sand nennt auch positive Beispiele des Deutschraps, Beispiele, die seiner Meinung nach offensichtlich den Maßstäben an guten Hip-Hop gerecht werden – etwa (den einstigen „King“) Kool Savas. Mag er mit recht haben. Kool Savas war sicherlich ein derber und elegant gemachter Gegenentwurf zum Spaß-Rap aus der Hansestadt. Nur fragen wir uns ein bisschen, inwieweit Lyrics wie „Nigga, meine Punchlines sind aus Blei und können Kung-Fu“ jetzt wortgewandter, eleganter oder besser sind als die von Sand herangezerrten Textzeilen von den Beginnern.

Aber auch Songs wie „LMS“ von Kool Savas, die unter anderem aus der mehrfach wiederholten Textzeile „Lutsch mein' Schwanz“ besteht, zeugen jetzt nicht unbedingt von schicken Reimen, sondern eher von ordinärer Härte. Diese ist im Hip-Hop durchaus erlaubt – aber warum sind es harmlosere Wortspielereien nicht?

Einmal eine Portion Intelligenz für alle, bitte

Jan Delay wird außerdem als „Zirkusäffchen“ bezeichnet, das keine Ahnung hat von Style, Kunst oder Politik. Doch damit nicht genug: „Er ist nur ein bisschen dumm, der Jan“, schreibt Dennis Sand. Argumentationen hin oder her: Jemandem aufgrund von ein paar Talkshow-Interviews seine Intelligenz abzusprechen, ist ziemlich anmaßend. Vor allem scheint das „Zirkusäffchen“ ziemlich viel geblickt zu haben: Wie „dumm“ kann denn „der Jan“ sein, wenn er nach mehr als 20 Jahren immer noch hot im Business ist?

Das „Zirkusäffchen“ weiß ganz genau, was es macht – sonst wäre es ja nicht immer noch eine der Hauptattraktionen im Zirkus.

Wenn Dennis Sand schreibt „,Bambule‘ war einfach nur ein ziemlich banales Album, das zum richtigen Zeitpunkt kam und sehr erfolgreich wurde“, dann ist das einfach falsch. Denn „Bambule“ hat keinen Zeitpunkt. „Bambule“ ist zeitlos. Das Album ist heute genauso großartig wie vor 20 Jahren. Und davon abgesehen: Ist es nicht der Sinn von populärer Musik, den Zeitgeist zu treffen? Wenn Bambule „banal“ wäre, dann müsste man vielleicht erörtern, inwiefern „Banalität“ eben genau die Schlagrichtung war, die Erfolg versprach – Erfolg, der bis heute anhält.

Was kann dieser Hip-Hop eigentlich?!

Der WELT-Redakteur hingegen meint, die Beginner hätten das gesamte Potenzial von dem, was Hip-Hop ist, restlos verschenkt. Unter anderem fehle raffinierte Sprachkunst – und tanzbare Clubmusik würden die Beginner auch nicht liefern.

Na ja. Wenn wir „Rambo No. 5“ hören, dann zuckt jede Zelle in unserem Körper. Wenn wir „Liebes Lied“ hören, dann ist unser Musikerherz so durchgenommen, dass es eine After-Sex-Zigarette braucht.

Hip-Hop muss nicht immer „ungeschönte Lebenswelten sozialer Brennpunkte sprachgewaltig auf raue Beats“ packen. Das kann Hip-Hop. Das kann vor allem Kool Savas – wie auch Dennis Sand schreibt. Doch wer sagt, dass Hip-Hop immer nur rau oder aggressiv sein muss, der denkt in ziemlich kleinen Schubalden. Denn, ja, auch ein Track mit den Wörtern „Gustav“ und „Gans“ kann ein großartiger Hip-Hop-Track sein.

Ist das Geschmack oder kann das weg?

Jan Delay ist vielleicht kein klassischer Gangster. Und, ja, er ist ein kleiner Freak mit Stil: mit lustigem Hut, übergroßer Sonnenbrille, der schnieke Anzüge trägt und Vollgas näselt. Der Style, der nasale Sound: alles Geschmacksache. Kann sein.

Was aber nicht einfach nur Geschmackssache ist: Der Erfolg von „Bambule“. Die Platte wird auch 20 Jahre später von der nächsten Generation neu entdeckt und immer noch gefeiert. So groß kann das „Missverständnis“ also gar nicht sein.

Und wenn doch – fair enough. Darüber kann man ja reden, darüber kann man auch einen Rant schreiben. Aber ohne stichhaltige Argumente den Erfolg einer Platte für nichtig zu erklären, einen Musiker, der seit guten zwei Jahrzehnten die Pop-Landschaft prägt, als überflüssig zu bezeichnen und ihn dann auch noch unreflektiert und fies zu beleidigen – darüber kann man nicht streiten, sondern einfach nur in bester Manier das eigene Näseln üben und mit Anlauf verkünden: „Chili-Chil Bäng Bäng!“

Quelle: Noizz.de