Moderner Rap habe mit Kunst nichts zu tun, Travis Scott baue seine Beats nicht richtig, man könne nur acht Monate in die Zukunft planen, und weitere ungewöhnliche Thesen.

Ich drücke auf "Aufnahme", lege mein Smartphone auf den kleinen, nett mit Tee und Keksen dekorierten Tisch in unserem Interview-Räumchen und beginne ein Gespräch, das innerhalb kurzer Zeit zu einem kleinen Generationenkonflikt werden soll – und damit nicht wirklich das ist, womit ich im gerechnet habe.

Ein paar Tage im Vorfeld

Ich habe eine Interviewanfrage für Fritz Kalkbrenner in meinem Postfach. Finde ich richtig spannend: Kalkbrenner kennt man und die Chance mit einem jahrelangen Routinier zu sprechen, freut mich sehr. Selbst Musik affin, habe ich echt Bock, mit ihm über Musik, künstlerischen Zeitgeist und die Entwicklung seiner Szene zu reden. Im Nachhinein vielleicht naiv, aber in meinem Kopf gehört es zusammen, aktiv Künstler zu sein und dabei ständig den Puls der Zeit auf der Uhr zu haben.

Aber deswegen sind im Gespräch zwei Welten aufeinander getroffen – musikalisch wie menschlich. So richtig wohl habe ich mich während der guten halben Stunde also nicht gefühlt. Fritz' Positionen teile ich ebenso wenig, wie er meine. Beide gleichermaßen von unseren Werten und Idealen überzeugt, lebt und liebt Fritz die Musik seiner Jugend, während ich mich ganz dem Zeitgeist verschreibe – also der Musik meiner Jugend. Viel Spaß beim Zusammenprall, den viele, so oder so ähnlich, sicher auch schon mal erlebt haben – von der einen oder anderen Seite.

Die Institution Kalkbrenner

Fritz Kalkbrenner – deutscher Electronic Music Produzent und Live Act, der vor gut zehn Jahren gemeinsam mit Bruder Paul Kalkbrenner als Musiker durchstartete, hat es gut erwischt. Mehrere Top-10-Alben, eine Goldene dank Megahit "Sky and Sand" (zusammen mit Paul), Shows am Wochenende, für die er heute "keine Klinken mehr putzen" muss. Talent und kontinuierliche Arbeit haben sich ausgezahlt für den 37-Jährigen. So geht es ihm im Antlitz seines neuen Albums "True Colours" zwar nicht so richtig schlecht, im Antlitz des Pressetags an dem wir uns treffen aber auch nicht richtig gut.

"Bin stabil, bisschen müde. Man ist so situativ hier drin (in diesem Promotag), und am Ende hat man Baiserstücke am Mund. Aber alles in Ordnung", fasst er sich zusammen. Dann geht es los: Wieso das Streben nach Unsterblichkeit Quatsch ist, wieso moderner Rap mit Kunst nichts zu tun hat, und was Travis Scott und andere unbegnadete Produzenten seiner Generation ändern müssten, um endlich richtige Musik zu machen – ein Gespräch mit Fritz Kalkbrenner.

Moderner Rap sei keine Kunst

NOIZZ: Du machst jetzt seit über zehn Jahren erfolgreich Musik. Hast du eine Formel oder eine feste Vorgehensweise?

Fritz Kalkbrenner: Nee, keine Formel. Das ist immer anders.

Echt nicht? Von Travis Scott weiß man zum Beispiel, dass er immer zuerst die Drums macht.

Fritz Kalkbrenner: Am schlausten wäre es anders, das wär mein Tip. Weil in den Drums kein musikalischer Inhalt steckt, keine Information. Also das wäre meine Empfehlung.

Vielleicht ist es ja auch der Rap-Zeitgeist, für den coole Drums einfach wichtiger sind?

Fritz Kalkbrenner: Wenn man nur' ne 808 hat, dann ist das ja klar. Wenn man die weglässt, hat man gar nichts.

Das klingt aber ganz schön zynisch.

Fritz Kalkbrenner: Ja klar. Für das, was die da produzieren, braucht man ‘ne Viertelstunde. Mit noch Kaffee machen. Das ist weit davon entfernt, Kunst zu sein. Das ist ‘ne Fingerübung, Handgelenksport.

Ist Komplexität Maßstab für gute Kunst?

Fritz Kalkbrenner: Nicht zwangsweise. Aber meistens sind die simplen Dinge einfach nur simpel. Ich bin ganz großer Hip-Hop-Fan gewesen, aber wir reden hier von einer Zeit bis maximal 2005. Also das, was noch Musik gewesen ist. Das heute ist alles für die Kloschüssel. Ich kann damit überhaupt nicht, da wird ja nicht mal gerappt.

Was müsste mit Trap passieren, damit es dir gefällt?

Fritz Kalkbrenner: Die müssen mal Noten lernen, damit fängt es schon mal an.

Wieso glaubst du, dass die keine Noten können?

Fritz Kalkbrenner: Die können keine Noten. Sonst würden sie sie benutzen. Das sind ja keine schönen Produktionen. Neben Drumming gibt es nur Base und ein paar Obertöne. Die Base verflechtet sich nicht mit tiefen Keys und auf die tiefen Keys kommt im Refrain kein Bläsersatz – alles Sachen, die mit richtig Arbeit verbunden wären.

Ich würde sagen, dass moderner Rap einfach andere Schwerpunkte als Hip-Hop vor 20 Jahren setzt. Und – ganz ohne Vergleich – beide Strömungen etwas zu bieten haben, aus dem man künstlerisch viel ziehen kann. Außerdem gibt es ja auch einen Grund, wieso heute keiner mehr den Sound von damals macht – die Geschichte ist halt schon erzählt. Und im Kontrast zu dem was war, ist etwas Neues entstanden.

Fritz Kalkbrenner: Mag sein, aber Trap ist mir verschlossen.

Warum ist das so?

"Wer nicht mit der Zeit geht [...]"

Fritz Kalkbrenner: Weil ich 38 bin, deshalb. Das ist die nette Antwort. Ich hatte meine Jugendzeit schon und das war meine Premiumzeit. Wer nicht mit der Zeit geht, der muss mit der Zeit gehen. Ich war schon mal jung und ich kann das auch nicht wiederholen.

Was hörst du denn gerne? So an aktueller Musik?

Fritz Kalkbrenner: Ich hör ganz viel altes Zeug.

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Wie ist das denn in der Elektro-Szene, klingt das noch wie vor 20 Jahren?

Fritz Kalkbrenner: Ja, das verändert sich wenig bis kaum. Und Sound von heute kann genauso liebevoll produziert gefunden werden wie 1980.

Bist du da eigentlich Teil einer Szene?

Fritz Kalkbrenner: Schwer zu sagen. Wenn, dann als halb ausgestoßenes Stiefkind.

Wieso das?

Fritz Kalkbrenner: Na, durch die Breitenwirksamkeit. Man hat sechs Alben, Nummern im Radio, man hat ne goldene Schallplatte. Da sagt man schnell "der gehört nicht dazu". Aber das ist alles in Ordnung für mich.

Und wie sieht es mit dem State of the Art der Elektro-Szene aus?

Fritz Kalkbrenner: Den kenne ich nicht. Ich mache halt eher so für mich. Ich glaube, gerade ist wieder Trance angesagt, allerdings ein bisschen gefälliger als früher. Aber Trends sind auf jeden Fall nicht meins, da halte ich mich fern.

Fritz Kalkbrenner: "True Colours"

Dann vielleicht doch mal zu etwas Neuem, das vielleicht auch dir taugt: Du bringst im März dein neues Album und gehst wieder auf Tour. Wie findest du denn deine neue Musik?

Fritz Kalkbrenner: Ich finde, das Album ist ziemlich gut geworden. Es war schon sehr früh klar, dass ich diesmal ein externes Augenpaar brauche, was da ganz ungezwungen Input von Außen gibt. Das hat super geklappt und gerade im Bereich der Synthies ungemein geholfen.

Was löst Musikmachen bei dir aus?

Fritz Kalkbrenner: Bei mir? Na, am besten ist es doch, sie löst was beim Hörer aus.

Na ja, du machst doch Musik, weil du es schön findest, oder?

Fritz Kalkbrenner: Ja, klar. Das bewegt einen selber. Ist auch nicht fremd einer gewissen Melancholie, die existiert. Aber das ist ja gar nichts Schlimmes. Melancholie ist nicht Tragödie. Und ich bin weit davon entfernt, ein schlecht gelaunter Mensch zu sein.

Dein Album trägt den Namen "True Colours", was man bildlich vielleicht mit dem "Wahren Gesicht" übersetzen kann. Zeigst du deines dort oder war das dein Ziel?

Fritz Kalkbrenner: Ich würde schon sagen, dass ich nicht gerade die größte Plastikpuppe bin. Aber selbst ich bin ja an verschiedenen Orten anderes – im Interview, bei den Schwiegereltern, mit den Jungs auf der Straße. Es gibt ja unterschiedliche Seinsformen. Man will zwar so ehrlich wie möglich an dieses Ideal, den ehrlichen Kern, kommen, aber 100 Prozent erreicht man nicht.

Wie ist das für dich, wenn du live auftrittst: Willst du was vermitteln? Etwas ausdrücken?

Fritz Kalkbrenner: Im Showbusiness dient man sich den Zuschauern ja an, das macht man ja. Und das verwerten die ja für sich selber. Aber natürlich: Ich gehe mit dem Anspruch daran, dass die eine gute Zeit haben.

Das kleine Flämmchen in der Brust

Hast du eigentlich eine Zukunftsvision oder ein Ziel, musikalisch oder künstlerisch?

Fritz Kalkbrenner: Nein, und das geht auch gar nicht. Wissenschaftlicher haben herausgefunden, dass man nur acht Monate in die Zukunft blicken kann. Alles andere ist Quatsch.

Bei einer Schwangerschaft hätte wir schon mal neun ...

Fritz Kalkbrenner: Ja, irgendwie geht es in die Richtung.

Lass uns trotzdem noch mal ein paar Monate weiter gehen: Ein gängiges künstlerisches Motiv ist das Streben nach Unsterblichkeit. Die ist spätestens mit dem Tod des letzten Menschen aber auch vorbei und damit vielleicht von vorn herein eine Illusion. Deinem Pressetext nach, scheinst du das auch so zu sehen. Was treibt dich an, immer noch so viel Zeit damit zu verbringen, an Musik zu arbeiten?

Fritz Kalkbrenner: Es ist dieses kleine Flämmchen in der Brust, dass das immer wieder macht. Das ist auch nicht wirklich in Worte zu fassen. Man muss den Zustand einfach so akzeptieren.

Den Zustand des Musik-machen-Wollens?

Fritz Kalkbrenner: Genau. Da darf man auch nicht zu viel graben.

"Nicht zu viel graben", Schlussworte eines Künstlers, der vielleicht ohnehin nicht wirklich graben wollte? Ich bedanke mich für das Interview und beende die Aufnahme.

Am 13. März ist "True Colours" überall erhältlich und auf allen Streamingportalen online.

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Quelle: Noizz.de