Zu Besuch bei einem Insekten-Kochkurs in Berlin.

Sie liegen gehäuft in Blechschüsseln neben Eiern und Mehl; Mehlwürmer, Grillen, daumengroße Heuschrecken und Buffalo-Würmer. Ihre kleinen Beinchen liegen zusammengefaltet an ihrem Körper, ihre Flügel kleben noch an ihren Rücken.

Ich bin für einen Kochkurs mit Insekten angemeldet. Kritisch laufe ich in die große, offene Event-Küche. Nach einem kurzen Scan der Lage entdecke ich sofort, weswegen ich gekommen bin: Käfer.

Wieder wird mir bewusst: Ich werde heute WIRKLICH mit diesem Ungeziefer kochen. Und fühle es so gar nicht. Ich kann Würmer nämlich nicht leiden, würde sogar behaupten, ich hätte eine ausgeprägte Maden-Phobie. Als ich im Sommer welche in meinem Mülleimer fand, sah, wie sie sich fett und vollgefressen um ihre eigene Achse wanden, wurde mir schwindelig und schwarz vor Augen, ich begann zu Zittern und floh aus der Küche, um mich zu beruhigen.

Möglicherweise habe ich noch eine posttraumatische Belastungsstörung von damals, als ich als Kind Schokostreusel auf mein Brot kippte, genüsslich ein paar Mal reinbiss, bis ich merkte, dass sich ein paar meiner Schokostreusel bewegten.

Call me zimperlich, call me elitär, I don’t care. Mit Spinnen komme ich voll klar, und ich habe bis jetzt auch jeden Zelturlaub überstanden, aber sobald es um Käfer in Kombination mit Essen geht, rastet irgendetwas in mir aus. Deswegen wird dieser Insekten-Kochkurs auch ein ziemliches Erlebnis für mich. Aber ich bin entschlossen und habe viel zu großen Hunger, als dass ich hier wieder rausgehen könnte, ohne auch nur ein Gericht probiert zu haben.

Kann ich meine Pseudo-Phobie in dem Insekten-Kochkurs überwinden?

Nicole, die Leiterin des Events, begrüßt mich herzlich. Ihr Unternehmen heißt Mikrokosmos und hat sich aufs Kochen mit Insekten spezialisiert. Nicole veranstaltet Kochkurse und bietet Catering an. Kennengelernt habe ich sie zu Weihnachten in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg. Dort versuchte sie, mir Weihnachtsplätzchen mit Mehlwürmern anzudrehen. „Niemals!“, dachte ich mir damals (und sprach's auch aus). Doch irgendwie hatte mich Nicole neugierig gemacht.

Es geht los.

Der Kurs beginnt, und Nicole erzählt erst mal eine Menge über Würmer und ihre Vorteile als Nahrung der Zukunft. Klingt alles eigentlich ganz plausibel. Zum Beispiel, dass die Insektenzucht weniger Land, weniger Nahrung und weniger Wasser verbraucht im Vergleich mit anderen Nutztieren wie Rindern. Nicole erzählt auch, was Insekten alles enthalten: viele Mineralstoffe, Vitamine wie B12, alle essenziellen Aminosäuren und Proteine – mehr wertvolle Inhaltsstoffe also als ein Rindersteak.

Zuerst begutachten wir unsere Zutaten.

Bevor wir anfangen zu kochen, lässt uns Nicole noch ein wenig mit unserem Essen spielen. Während alle anderen munter die Grillen und Heuschrecken probieren, stehe ich mit einer Armlänge Abstand vor den Blechschüsseln mit den leblosen Käfern.

Zwei Mädels unterhalten sich über eine Schüssel erstarrter Grillen. „Mh... riecht voll nach Nuss!“, sagt die eine. Und die andere: „Echt? Ich riech' nichts ...“

Überall höre ich das knackige Knirschen meiner Mit-Köche, die sich die Käfer schon mal als Snack zwischen die Zähne schieben. Immer wieder greife ich auch selbst in eine Schüssel, denke mir: jetzt. Jetzt probier‘ ich eine. In diesen Momenten völliger Entschlossenheit halte ich einen der getrockneten Käfer zwischen den Fingern. Ich drehe ihn ein paar Mal hin und her, aber je länger ich in seine dunklen Knopfaugen schaue und mir vorstelle, eines der zusammengeklappten Beine würde sich noch ein letztes Mal ausstrecken, desto vehementer breche ich mein Vorhaben immer wieder ab. Es geht einfach nicht.

Ich weiß nicht, wie ich diesen Abend überstehen soll.

Als es losgeht, stelle ich mich an die Tempura-Station. Dort, so hoffe ich, werde ich am wenigsten mit den Käfern an sich zu tun haben. Wir rösten ein paar Handvoll Grillen, salzen und pfeffern sie und malen sie dann zu Käfer-Mehl. Am Ende vergesse ich, dass ich mit Käfern koche. Schließlich muss ich sie nicht mehr direkt ansehen, und außerdem bietet mir das Schnippeln von Gemüse die einmalige Gelegenheit, so viele Paprika-Streifen zu naschen, dass ich später nicht mehr den Druck verspüre, von den Insekten satt werden zu müssen.

Während ich fleißig mein Tempura frittiere, schlängelt sich eine Hand an mir vorbei, um zum Öl zu greifen. Auf ihr kleben zwischen Ei- und Reis-Resten noch getrocknete Mehlwürmer, und ich bin voll aus meinem Zen gezogen, als ich mich daran erinnere, was hier eigentlich vor sich geht. Mein Blick bewegt sich nach rechts, wo sich gerade eine scheinbar unbeeindruckte Frau damit beschäftigt, Buffalo-Würmer zu karamellisieren. Ich fühle mich wie im Irrenhaus.

„Komm, die musst du jetzt aber probieren!“ Bettina, die mit mir das Tempura vorbereitet, versucht, mich für die Insekten zu begeistern. Alle schwärmen von den Käfern in Puderzucker. Okay, denke ich mir. Niemand kotzt. So schlimm kann es einfach nicht sein.

Ich entschließe mich, es zu probieren

Also nehme ich zögernd ein paar der Mini-Würmer auf meine Fingerspitze, schließe meine Augen und lege sie mir auf die Zunge. Ich erwarte eine Geschmacksexplosion oder einen Würgreiz oder irgendeine extreme Reaktion. Doch es passiert: nichts. Die Käfer sind trocken und geschmacklos und verschwinden genauso schnell in meiner Speiseröhre, wie ich sie auf meine Zunge gelegt habe. „Wow“, denke ich mir. Langweilig.

Nach dieser Kostprobe fühle ich mich gewappnet für das komplette Insektenmahl. Aufgetischt sind Frikadellen aus Reis, Eiern, Gemüse und Mehlwürmern. Dann das Tempura aus gemahlenen Grillen, ein ganz normaler Avocado-Dip (der an diesem Abend noch mein bester Freund werden sollte), in Öl angebratene und mit Salz und Chili gewürzte Heuschrecken und die karamellisierten Buffalo-Würmer auf gebratener Birne. Alle häufen sich den Teller mit Frikadellen und Heuschrecken voll, ein Kursteilnehmer fängt direkt mit dem Würmer-Nachtisch an. Ich lade mir erst mal eine riesen Portion Salat auf, der erscheint mir noch relativ koscher.

Irgendwie reißen mich die anderen Insekten-Esser mit.

Doch die hungrige Meute, für die es wohl ziemlich normal ist, tote Insekten zu essen, reißt mich irgendwie mit. Ich steche mit meiner Gabel in eine Frikadelle und teile sie in zwei Hälften. Ich sehe direkt einen Mehlwurm. Ohne nachzudenken, beiße ich rein. Danach probiere ich das Tempura, den Nachtisch mit den Buffalo-Würmern, und im Wahn des Momentes nehme ich sogar eine fettige Heuschrecke in die Hand und knabbere dran. Was ist mit mir eigentlich gerade los?

Am Essenstisch hören sich normale Abendessensfloskeln irgendwie anders an. „Hier sind noch ein paar Heuschrecken, wer will“, sagt jemand in einer Ecke.

Nach dem Essen ist mein Fazit sehr ernüchternd. Es hat halt einfach nicht krass geschmeckt. Die Gerichte waren gar nicht meins, selbst die gewürzte Heuschrecke hat irgendwo nach nichts geschmeckt, und, was mich am meisten stört: Ich hätte das ganze Essen auch ohne Käfer kochen können und es hätte nicht viel am Ergebnis geändert. Ich hätte genauso viele anderweitige Zutaten benutzen können, um satt zu werden. Ich sehe, um ehrlich zu sein, nicht wirklich, dass DAS die Ernährung der Zukunft sein soll.

Zutaten wie Reis und Avocados und Paprika und Brokkoli, die wir gemeinsam mit den Insekten verkocht haben, müssen ja auch ganz normal angebaut werden. Dafür haben wir mit einer sündhaften Menge Fett und leeren Kohlenhydraten gekocht, und so richtig gesund hat sich das nicht angefühlt. Aber Geschmäcker sind nun mal verschieden, und eigentlich will ich das gar nicht am Insekten-Kochen allgemein bemängeln. Am Ende kann ja jeder für sich entscheiden, wie er mit Insekten als Nahrungsmittel umgeht.

Nachdem sich das Essen dem Ende zuneigt, setze ich mich noch einmal zu Nicole, und sie beruhigt mich, als sie mir erzählt, dass auch sie sich noch vor Käfern ekelt. Für sie sind Käfer nach wie vor Ungeziefer. Ihre Käfer nimmt sie auch nicht selber in die Hand. „Ich benutze eine Gabel!“ erklärt sie mir stolz und stellt klar, dass sie keine Beziehung zu ihren Käfern pflegt.

Trotzdem züchtet Nicole ihre eigenen Insekten.

Die erste Ration holt sie sich aus der Zoohandlung. Essen tut sie dann allerdings nur deren Nachkommen, weil du dir nie so ganz sicher sein kannst, was die Käfer aus dem Zoogeschäft gegessen haben. Viele ihrer Freunde schauen Nicole deswegen auch komisch an. Doch die juckt das nicht. Die kommen dann einfach nicht mehr zu Nicole nachhause.

Für Nicole gibt es keinen großen Unterschied zwischen einer Pflanze und einem Insekt. „In jedem Teller ist Tod“, so Nicole. Trotzdem findet sie nicht, dass Insekten in die Diät eines Veganers passen. Schließlich essen die ja auch kein Honig, argumentiert sie. Deswegen sollten die Insekten auch Tabu sein. Ob ein Veganer am Ende findet, dass man Insekten doch essen kann, bleibt natürlich ihm selbst überlassen.

Insekten-Essen ist woanders gar nicht so unüblich.

Deutschland ist in Sachen Insekten-Essen einigen Ländern weit hinterlegen. In Latein-Amerika gibt es bis zu 500 Gerichte mit Insekten, in Mexiko gelten manche von ihnen sogar als Delikatesse. In Asien wurden sie schon immer gegessen, weil es unter manchen Umständen nicht viel anderes gab.

Nach über drei Stunden in der Insekten-Küche mache ich mich auf den Weg nach Hause. Ich freue mich über die frische Abendluft und fühle mich nicht hundertprozentig wohl im Bauch. Ich weiß, wie viele tote Würmer und Käfer sich da gerade tummeln, und bei dem Gedanken an den Mehlwurm in meiner Frikadelle wird mir immer noch etwas übel.

Das Insekten-Kochen ist schlussendlich nichts für jedermann. Die anderen Kursteilnehmer haben sich Frikadellen mit Würmern und Tempura aus Grillen in Papierhandtücher gewickelt und mit nachhause genommen. Ich nehme die Erkenntnis mit, dass Käferessen mir nicht die weltverändernde Offenbarung gebracht hat, auf die ich spekulierte.

Mein Fazit ist zwiegespalten.

Okay, sie sind schon gesund und anscheinend umweltfreundlich. Doch im Endeffekt haben die Käfer dem Essen nichts Unverzichtbares hinzugefügt. Trotzdem bin ich gespannt darauf, wie sich Insekten-Produkte innerhalb der nächsten fünf Jahre in den Supermarktregalen verbreiten werden. Denn, dass sich im Hinblick auf die Lebensmittelindustrie die Experimentierfreudigkeit verstärkt, wissen wir spätestens seit Produkten wie Ketchup-Kaviar und Bratwurst-Smoothie.

Meine Maden-Phobie habe ich durch den Abend übrigens auch nicht besiegt. Doch vielleicht mache ich es in Zukunft einfach wie Nicole – und ersteche die Dinger mit einer Gabel.

(Spaß, das würde ich nie machen ...)

Quelle: Noizz.de