Für alle, die von Insta und Stadtlärm runterkommen müssen.

Der Boden unter mir ist übersäht von dunklen Blättern, dadurch leuchtet das hellgrüne Moos noch intensiver. Erst beim Anfassen merke ich erst, wie sehr es mich flasht. Danach rieche ich an einem Birkenblatt – es duftet nach Honig! WTF. Nun habe ich endgültig das Gefühl, dass ich in einer anderen Welt bin. LSD? Nein, ich bin gerade beim Waldbaden.

Wald was? Bei der japanischen Tradition „Shinrin Yoku“ geht es darum, die Menschen, die in Städten leben, wieder zurück in die Natur zu führen und dafür bin ich extra an den Stadtrand von Berlin gefahren. Wer jetzt allerdings denkt, dass man easy im Wald spazieren gehen kann, irrt. Richtiges Waldbaden ist nicht nur für Stadtpflanzen wie mich eine Herausforderung.

Die Luft hier ist schonmal die halbe Miete Foto: Noizz.de

Zurück zum Wald. Was mir sofort nach meiner Ankunft auffällt: Die Waldluft verbessert meine Laune. Parallel dazu wird mir klar, wie scheiße die Luft in Berlin eigentlich ist!

Begleitet werde ich von Pia Hötzl, Glückslehrerin und ausgebildeter Wald-Coach. Sie erklärt mir erstmal, dass die Bäume unterirdisch in einem Wood-Wide-Web (in Anlehnung an das Internet, lol), miteinander kommunizieren können und sich sogar mit Sträuchern verknüpfen. Während wir also durch den Wald gehen, findet unter unseren Füßen ein ständiger Austausch von Wasser, Nähr- und Botenstoffen statt.

Lacht mich ruhig aus aber ich bin total beeindruckt.

Doch noch bevor es losgeht, gibt es schon die ersten Probleme mit meinen Großstadt-Vibes. „Du musst viel langsamer gehen, um richtig Entschleunigen zu können“, sagt Pia. Mein Schritttempo ist einfach normalerweise darauf ausgerichtet die nächste U-Bahn zu bekommen. Auch scanne ich den Horizont im Wald automatisch nach etwas ab– nach einem Haus oder einer Parkbank. Hier sind aber nur Bäume. Ich bin diese hundertprozentige Natur einfach nicht gewöhnt. Hilfe!

Wer genau hinschaut, sieht das so ein Baumstamm alles andere als langweilig ist. Foto: Noizz.de

Endlich: Wir kommen an die Stelle, wo das Waldbaden beginnt. Ich bin nervös – denn ich darf ab jetzt nicht mehr reden und dann gilt auch noch strenges Handyverbot. Voll die Strafe.

Am Anfang laufe ich Pia nur hinterher und komme mir irgendwie blöd vor. Dann gräbt sie in der feuchten Erde rum, ich habe erstmal voll die Hemmungen mich schmutzig zu machen. Zusammen riechen wir an der Erde und der intensive Geruch erinnert mich sofort an meine Kindergartenzeit – und, er löst in mir ein schönes Gefühl aus!

Mein Schritt wird nun endlich viel langsamer, ich beobachte meinen Fußabdruck wie er sich in den feuchten Laubboden drückt, dabei ergibt jeder meiner Schritte ein anderes Farbmuster. Den Horizont fokussiere ich auch nicht mehr, sondern nur noch was direkt vor mir ist. Ich merke, der Wald hat nicht nur eine heilende Kraft - sondern auch eine leicht psychedelische Wirkung auf mich. Kein Witz. Generell vergesse ich alles, was mich sonst so beschäftigt. Mein Studium, meine Arbeit oder auch diesen Artikel. Ich hätte Stunden so weiter machen können.

Waldbaden hilft nicht nur bei Stress

„Viele Menschen verlernen es, sich auf das „Hier-und-jetzt“ zu konzentrieren“, sagt Pia Hötzl. Damit meint sie die ständige Reizüberflutung im Alltag – also Insta vorm Fernseher checken. Waldbaden hilft aber nicht nur gestressten Großstädtern wie mir zurück zur Natur zu finden - es wird auch erfolgreich in der Traumatherapie eingesetzt, bei Depressionen und Burn-Out.

Büro meets Nature - meine gesammelten Blätter haben ihren Geruch verloren Foto: Marie Kröger / Noizz.de

Wieder zurück in Berlin. Die U-Bahn ist ausgefallen, Menschen pressen sich genervt in die überfüllten Wagons und dann fängt es auch noch an zu regnen! Kurz gesagt: bad vibes only. Doch ich bin nachhaltig so erholt und entspannt, dass es mich überhaupt nicht stört.

Mein Fazit:

In den Wald brauche ich mit der S-Bahn 45 Minuten – genauso lange wie zu meiner Arbeit. Es ist also gar nicht schwer, sich mal eine Auszeit zu „gönnen“. Wer es kürzer haben will, kann auch einen Park nehmen.

Für Waldbaden-Anfänger ist ein Coach oder eine Leitung auf jeden Fall hilfreich, da der normale Blick nicht mehr geschärft ist. Ich sehe den Wald ab jetzt mit anderen Augen.

Falls du Lust aufs Waldbaden hast, kannst du hier mehr erfahren.

Quelle: Noizz.de