Unserer Autorin ist Fußball dermaßen egal ...

Ich sitze im Wohnzimmer mit meiner Familie. Man könnte über alles mögliche reden, aber vor uns liegt ein schmieriges rot-grünes Panini-Heft voller schräg aufgeklebter Sticker – der kleine Neffe hat es mitgebracht.

Wow. Und wieso die denn diesen einen Spieler nicht gedruckt hätten, und Herr Was-weiß-ich hätte es doch viel mehr verdient, aber er hatte doch diesen Mittelohrsehnenrisskrampfbruch oder wie auch immer das noch mal war.

Ich sitze da und überlege meinen nächsten Schachzug gut.

Ich habe zwei Möglichkeiten. Entweder ich wandere jetzt gedanklich an meinen Happy-Place: auf einem Boot aus Bananen in einem Kaffee-Meer gen Horizont schippernd ... Oder ich mische mich ins Gespräch ein. Bevor ich mir Gedanken darüber machen kann, wer noch mal letztes Mal gewonnen hat, geht es gleich wieder los.

„Die Jungs von 2014 müssen sich ranhalten, um uns den Titel zurückzuholen!“, wirft einer meiner Verwandten lautstark in den Raum.

Und ich sitze da und frage mich, wie ich eigentlich vergessen konnte, dass dieses ominöse „Wir“ eine Meisterschaft gewonnen hat. Ich habe keine einzige Trainingseinheit mitgemacht, ich habe keinen Gummiball auf abgewetztem Rasen mit meinen Füßen rumgekickt. Das „Wir“ in diesem Fall bezieht sich auf elf Halbstarke, die vor Jahren irgendein Spiel gewonnen haben.

Da kommt sie wieder, die chronische Krankheit aller Desinteressierten: der Fußball-Zynismus.

Dabei will ich eigentlich keinen Rant darüber verfassen, wie kacke ich diese ganze heuchlerische Solidarität finde oder wie absolut verschwendet die menschliche Intelligenz an diesem irrelevanten Sportevent ist. Weil es ja irgendwo schön ist, wenn sich für kurze 90 Minuten Fremde in den Arm nehmen können, weil sie sich alle zusammen über irgendein Tor oder irgendeinen Freistoß oder Elfmeter freuen und schwitzende Jungs jegliche Männerherzen zum Schmelzen bringen.

Irgendwo ist es ja schön, wenn alle zusammen Emotionen kochend im Biergarten sitzen und mit glasigen Augen neben ihrem fünften Bier über die WM-Taktik von 1990 schwadronieren.

Irgendwo ist das ja schön.

Aber erlaubt mir, mich da rauszuhalten. Erlaubt mir, zu fragen, ob das Deutschland-Team noch mitmacht, ohne dass ihr eure Augen rollt, euren Kopf schüttelt, scheinheilig so tut, als ob ihr die größten Fußballkenner der Weltgeschichte seid. Erlaubt mir ein Schmunzeln, wenn sich die dritte Konversation des Tages um das Thema Rote Karte Boateng dreht und erlaubt mir, euch an einem Sonntag um 16 Uhr zum Kochen einzuladen, denn ich werde nicht wissen, ob oder dass oder seit wann dann ein Länderspielchen läuft.

Aber, weil ich lieb bin, werde ich immer weiter sichergehen, dass ihr Fußballfans zufrieden in eurer Fußballwelt schweben können. Also frage ich euch noch bis so ungefähr Herbst (das sollte hoffentlich reichen), wie denn das Spiel gestern war, in der Hoffnung, dass ihr euch in eurer Fußballwollust bestätigt fühlt. Vielleicht hat sogar Deutschland gespielt. Dann ist die nächste Stunde Gesprächsstoff auf jeden Fall gefüllt. Da fällt mir ein:

Ist Deutschland eigentlich noch dabei?

Quelle: Noizz.de