Bei Interesse an euren #bestof2018 frag ich nach.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Als der zehnte „Freund“ seinen persönlichen Jahresrückblick in meinen Instagram-Feed kotzte, hab ich ganz kurz selbst erwogen, meine Highlights der vergangenen zwölf Monate herauszukramen und zu kommunizieren – als Story, Collage oder Gallery. Aber erstens kam ich selbst nach langem Grübeln auf maximal drei, vier Höhepunkte, zweitens fand ich die Sache zu zeitaufwendig und drittens – der wichtigste Punkt: Wen interessiert’s?!

Okay, die Frage „Wen interessiert’s?“ funktioniert für den Großteil der Inhalte auf Instagram, Facebook, Snapchat und Twitter. Meistens halt nur ein paar Freunde, Bekannte, Kollegen und Verwandte – aber selbst das sollte man nicht überschätzen. Oft ist Interesse synonym mit Höflichkeit. Oder mit „Es versorgt einen mit Gossip-Material“: Instagram-Storys als GZSZ-Ersatz.

Trotzdem. Wenn ich die Jahresrückblicke von Personen sehe, die nicht Lars Eidinger oder Schwesta Ewa heißen, habe ich das Gefühl, eine Billig-Version von Markus Lanz’ „Menschen 2018“ zu sehen – und ich hasse bereits das Original. Nicht dass ich an meine Instagram-Freunde den Anspruch erhebe, dass sie Promis sein müssen oder Kommunikations-Profis, die meinen Feed mit Gourmet-Content fluten. Im Gegenteil: Ich mag gerade das Rohe, Unvollkommene, Echte.

Allein, es kommt mir oft so vor, als ob viele andere diesen Anspruch hätten. Als ob sie selbst von sich denken würden: Ich muss meinen Abonennten unbedingt zeigen, dass ich den Traum leb' wie Kim Kardashian, das gute Leben führ' wie Kanye West. Und jetzt, am letzten Tag des Jahres, sollen das alle noch mal sehen – konzentriert in einer Story, in einem Pic.

Das sind dann wahlweise so viele Fotos in der Story, dass die Strichelchen am oberen Rand so kurz werden wie bei Bonez MC. Auf jedem Foto steht ein Datum, manchmal Grusel-Hashtags wie #moments oder #memories. Die andere Variante ist eine Collage aus neun bis 16 Höhepunkten. Hier ist natürlich noch mehr Platz für tolle Hashtags: #2018bestnine, #bestof2018, #best9of2018.

Best, best, best. Wie gut 2018 doch war. Wie gut mein 2018 doch war. Wie gut ich doch war, bin und sein werde.

Wer kein gutes Jahr hatte, fällt durchs Raster: Depri-Rückblicke und versammelte Scheißlights braucht auf Instagram kein Mensch.

Der dahinterliegende Mechanismus ist nicht neu, und er ist Instagram und anderen Sozialen Netzwerken eingeschrieben: ein Geburtsfehler, der als Erfolgsgarant fungiert. Insbesondere Instagram erfüllt für seine Nutzer den Zweck, sich in bestem Licht zu präsentieren, zu zeigen, wie toll das eigene Leben – ja, eigentlich man selbst – doch ist. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) die Wirklichkeit ganz anders aussieht.

Instagram ermöglicht einem, sich neu zu erfinden, ein optimiertes Ich nach außen zu kehren. Das ist für einen selbst natürlich toll, für andere häufig nervig.

Der diesjährigen Jahresrückblickstrend führt diese Funktionsweise potenziert vor Augen und macht sie dadurch besonders schwer erträglich. Sie liefert quasi das Beste vom Schlimmen. Ein Kaleidoskop der Prätention, Service-Posts, die daran erinnern, dass man jemanden schon längst stumm schalten wollte.

#worstof2018 – das wär’s gewesen. Aber vielleicht war das Jahr 2018 ja in echt schon schlimm genug.

Quelle: Noizz.de