Tierschutz durch Heuchelei.

Hi. Ich bin Till, 27 und lebe vegan. Sage ich. Seitdem ich mich Anfang des Jahres für den Verzicht von Tierprodukten entschieden habe, bin ich ein Veganer. Jedenfalls in meinem Kopf. Faktisch esse ich regelmäßig Tierprodukte. "Tugend-Veganer" nenne ich meinen Ernährungsstil. Damit meine ich "so gut, wie es eben geht". Manchmal geht es gut, manchmal gehe ich zum WG-Kühlschrank, klaue meinen Mitbewohnern eine Scheibe Käse, drücke eine Bahn Majonäse in den Käse, eine Bahn Ketchup, eine Bahn Sriracha, rolle den Käse, esse: mein (geheimes) Käsegericht.

Meine veganen Arbeitskolleginnen sind entrüstet, wenn sie von meinen Ausnahmen erfahren und finden, ich sei ein richtig schlechter Veganer. Meine Freundin findet, ich bin überhaupt kein Veganer. Alles eine Frage der Perspektive, wenn ihr mich fragt. Warum ich der scheinheiligste Veganer der Welt bin und es total legitim finde.

Worüber ich mir und alle anderen Veganer im Klaren sind: Tierprodukte essen ist nicht okay. Tiere und Umwelt leiden kolossal unter der Massentierhaltung und anderen menschlichen Praktiken, die den Verzehr von Fleisch, Fisch und Käse sicherstellen. Auch, wenn uns das alles sehr gut schmeckt (für's Protokoll: Es schmeckt mir sehr gut), wollen wir da nicht mitmachen. Ein geschmackvolles Erlebnis ist uns nicht so wichtig wie das Wohl von Tier und Umwelt. Also essen wir keine Tierprodukte. So ungefähr funktioniert das bei den meisten und ich schließe mich da ein.

Die Sache ist die: Ich unterscheide mich in zwei Punkten von den meisten anderen Veganern.

Veganismus kann auch schlecht sein

Erstens: Ich finde nicht, dass vegan immer die beste Lösung ist. Manche Lebensmittel (zum Beispiel Avocados aus Südamerika) verbrauchen so viel Wasser bei der Produktion und so viel Energie beim Transport zu uns, dass es in meinen Augen unmoralischer ist, eine Avocado zu essen, als ein Demeter-Ei vom regionalen Bauern. Bevor ein Freund sein Käsebrot wegwirft, würde ich es lieber selber essen. Und ist das durch und durch in Plastik eingepackte vegane Fast-Food-Menü wirklich besser als die Instant-Ramen mit 0,2 Prozent Shrimp-Pulver? Not so sure.

Hier habe ich auf einer Party Flüssig-Käse im Kühlschrank entdeckt. Ich war betrunken und in diesem Moment gab es für mich nichts Größeres, als diesen Käse zu probieren. Ich weiß nicht, was ich der Kuh erzählen soll, aber ich musste es einfach tun. Ich weiß nicht, warum dieses Video existiert.

Es gibt kein richtig und kein falsch

Zweitens: Meiner Meinung nach, gibt es keinen moralisch einwandfreien Lebensstil – man kann im Leben nichts tun, ohne dass andere Lebensformen oder die Umwelt davon schaden nehmen. Kleidung verbraucht und verunreinigt Unmengen Grundwasser. Jeder Einkauf bedeutet Müll. Verkehrsmittel stoßen CO2 aus. Beim Joggen tritt man Käfer platt. Handys brauchen Strom. Nichts ist endlich, und wenn bestimmte Ressourcen erschöpft sind, leiden Lebewesen, die eigentlich auch auf diesen Vorrat angewiesen wären. Wenn man sich aus moralischer Überzeugung umbringen wollte, um keinen Schaden mehr anzurichten, ginge es den Liebsten und Mitmenschen richtig schlimm. Jedes bisschen Sein enthält ein bisschen Schaden und damit müssen wir umgehen.

Heißt: Es gibt kein richtig und falsch, sondern nur ein besser und schlechter. Bei allem, was man im Leben tut, kann und sollte man sich fragen: Wie wichtig ist mir das? Und wer trägt wie viel Schaden, wenn ich das tue? Dann wägt man ab.

Esse ich Stopfleber einer unfassbar qualvoll gemästeten Gans, das McDonald's Menü mit Fleisch, das Vegetarische, einen vegetarischen Bio-Salat, einen veganen mit Datteln, Avocado und Olivenöl, einen veganen mit regionalen Zutaten, oder nur eine Kartoffel aus dem Garten? Die moralische Entscheidung verläuft graduell – entweder "etwas besser" oder "etwas schlechter". Das heißt auch: Es gibt immer ein "noch besser" und ein "noch schlechter".

Wenn man alles immer noch besser machen kann (Kartoffel aus dem eigenen Garten, ohne sie je selbst aktiv gegossen zu haben?), kann man alles immer nur so gut machen, wie es eben geht. Beziehungsweise: Du kannst richtig streng vegan leben, aber moralisch gesehen ist das nicht immer besser als manche unvegane Lebensstile. Jedenfalls in meinen Augen. Wenn es dem Huhn gut geht und die Avocado einen ökologischen Fußabdruck wie ein T-Rex hat, esse ich das Ei. Mit bestem Gewissen.

Gleiche Party, ein paar Drinks später. Ich enthülle ein dunkles Geheimnis: mein Käsegericht: Käse und Mayo im Kern, Ketchup und Chilisoße zur Abrundung. Dieses Video existiert nicht wirklich. Kommentar einer Freundin: "Das Perverseste, was ich dir je zugetraut hätte."

Ich und mein Meme-Veganismus

Versteht mich nicht falsch! Ich finde, vegan zu leben, ist in richtig vielen Situationen supergut und wichtig, erspart Unmengen an Leid und ist bei der globalen Klimakrise vielleicht unsere größte Hoffnung. Deswegen mache ich da ja mit – so gut ich kann. Und jetzt kommt der springende Punkt:

Weil ich von mir behaupte, Veganer zu sein, ist für mich die Hemmschwelle, vegetarische Produkte zu essen viel größer, als wenn ich mich weiterhin als Vegetarier sehen würde. Wenn in der Mensa ein vegetarischer Burger im Menü steht, würde ich den zu 100 Prozent essen, wäre ich Vegetarier. Weil meine Arbeitskollegen aber wissen, dass ich vegan lebe, nehme ich ihn nicht, da mich sonst alle shamen würden, und der vegetarische Burger ohnehin nicht mit meinem veganen Selbstbild harmoniert. Wenn der Burger ein paar Monate später wieder im Menü ist, würde ich ihn aber vielleicht essen, weil ich zu viel Lust habe. Ergebnis: Wäre ich Vegetarier, hätte ich zwei mal vegetarisch gegessen, da ich aber ein Veganer bin, nur ein mal. Hammer.

Ich sehe den Punkt: Man könnte also sagen, dass ich ein Vegetarier bin. Ich finde aber, ich bin ein Veganer; vielleicht der scheinheiligste Veganer der Welt, aber dadurch immer noch ein viel besserer Veganer, als wenn ich mich als Vegetarier verstehen würde.

Veganismus als geistige Haltung, oder so. Tierschutz durch Heuchelei. Veganer mit Instant-Ramen (0,2 Prozent Shrimp-Pulver) in der Suppenschale. Veganer mit Demeter-Ei im Mund. Aber all das eben viel seltener, als wenn ich (nur) Vegetarier wär. Also bleibe ich Veganer, kommuniziere mich als solcher, lebe mit den entrüsteten Blicken meiner veganen Kolleginnen, und vertusche meine "veganen Ausnahmen" so gut es geht. Weil ich unter dem Deckmantel meiner (scheinheiligen) veganen Ernährung mehr moralische Entscheidungen beim Essen treffe, als ich sonst je treffen würde. Hasst mich, ich finde es genial.

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Quelle: Noizz.de