Was ist bitte geil an Hongkong?

Es ist mal wieder soweit: Die britische Zeitschrift „Monocle“ hat ein Städte-Ranking veröffentlicht, in dem sie München zur lebenswertesten Stadt der Welt kürt. Berlin und Düsseldorf sind in den Top Ten, Wien ebenfalls, und die üblichen Verdächtigen aus Skandinavien finden sich auch auf der Liste wieder.

Genauso zuverlässig, wie alle paar Monate ein solches Ranking erscheint, stürzen sich sämtliche Medien darauf, um ein wenig den Lokalstolz anzukurbeln: Seht nur, wie neidisch die Welt auf uns schaut! Welch eine Ehre! Dabei sollte eigentlich jeder Bewohner der gerankten Städte besser wissen, was zum Lebensgefühl seines Ortes dazugehört. Nicht alle Aspekte sind messbar oder für Außenstehende zwingend verständlich.

Dass in Berlin der Wohnungsmangel und die Kita-Not viele Einwohner wesentlich mehr beschäftigen als die „tolle Start-up- und Kreativszene“? Egal! Dass Paris nicht nur aus Bistros und Mussen besteht, sondern auch aus sozialen Brennpunkten mit hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität? Sei's drum! Dass immer mehr Menschen in Hongkong auf winzige, fast schon gefängnisartige Behausungen angewiesen sind, weil sie sich eine würdige Unterkunft nicht leisten können? Die lesen das Ranking doch eh nicht!

Diese Männer wohnen in Hongkong in einer Art Käfig. Ob sie ihre Stadt wohl auch so lebenswert finden wie das „Monocle“-Magazin? Foto: Alex Hofford / dpa picture alliance

Überhaupt: Man hat das Gefühl, dass diese Städterankings immer den gleichen Typ Mensch vor Augen haben: Junge, liberale Millennials, die vom Laptop aus arbeiten, keine finanziellen Sorgen fürchten und nur ein Café mit WLAN und schön grünen öffentlichen Nahverkehr brauchen, um sich wohlzufühlen. Dass in einer Stadt auch einfache Arbeiter, Senioren, Familien, Behinderte und so viele andere Gruppen mit speziellen Bedürfnissen leben, deckt keines dieser Rankings ab.

Es gibt noch einen weiteren „Elephant in the room“: Kriminalität. In Kopenhagen hat es allein im Sommer 2017 mehr als 30 Schießereien gegeben. Das schafft nicht mal Berlin. Warum steht die dänische Hauptstadt dann trotzdem auf Platz fünf? Weil die Lebensqualität der Menschen in Problemvierteln weniger wichtig ist?

Dafür hebt die Redaktion von „Monocle“ immer wieder Aspekte lobend hervor, deren Relevanz mehr als fragwürdig ist – zum Beispiel die Fahrverbote für Dieselautos in Hamburg. Zur Erinnerung: Dort wurden insgesamt 2,2 Kilometer Straße für Dieselfahrer gesperrt, die jetzt einfach einen Bogen um die beiden Zonen machen können. Dass dieser minimale Eingriff in die Infrastruktur einen ernsthaften Einfluss auf die Lebensqualität von 1,8 Millionen Hamburgern haben soll? Wohl kaum.

Ebenfalls fraglich ist, warum es immer nur Städte in Nord- und Westeuropa sind, die gemeinsam mit den wohlhabenden, kosmopolitischen Mega-Cities Asiens (Tokio, Singapur, Golfregion) und einigen kanadischen Kandidaten (meist Vancouver) die Rankings bestimmen. Wieso gibt es denn zum Beispiel in Osteuropa keine lebenswerten Städte? Was ist so falsch an Baltikum und Balkan?

Dort wo es sauber und „nett“ ist wie in Skandinavien, werden die Bewohner nicht automatisch glücklich. In Stockholm sterben immer mehr Menschen allein, der Staat muss sich um ihre Beerdigung kümmern. Aber Emotionalität hat in den Rankings nun mal keinen Platz. Was zählt, sind Dinge, die das urbane Leben einfacher machen – nicht aber: erfüllter. Da muss letztlich jeder selber wissen, wo er steht. Listen helfen nicht weiter, also lasst es einfach sein!

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Quelle: Noizz.de