Shirin David hat mit "Hoes up G's down" wieder ein grandios produziertes Musikvideo veröffentlicht – aber gleichzeitig die Corona-Regeln missachtet. Ein Fauxpas von vielen. Kann man die Rapperin eigentlich noch feiern – oder ist die Kritik berechtigt?

Hefeteig, Tomatensoße, Mozzarella: ein Erfolgsrezept. Eine Pizza ist so einfach wie genial – ganz ähnlich Shirin David. Man nehme eine erfolgreiche YouTuberin, gute Produzenten, mischt sie mit einer Prise US-Rap und verpackt sie in geile Musikvideos: Fertig ist der perfekte Industrie-Popstar. Shirin David hat mit ihrem Team ein Konzept erarbeitet, das Erfolg im Mainstream garantiert. Dafür habe ich Respekt. Ich feiere Shirin. Trotzdem folgt ein Fauxpas nach dem anderen. Sie nehmen mir die Freude und verderben das große Ganze, genauso wie Ananasstückchen auf einer Pizza.

Soll ich sie trotzdem feiern oder nicht?

Shirin David

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Warum kritisiere ich eigentlich gerade Shirin David?

Shirin David ist momentan die wohl erfolgreichste Rapperin Deutschlands. Sie ist relevant und steht im Mittelpunkt – genau deswegen wird alles, was sie macht und sagt ganz genau analysiert. Allerdings fällt die Kritik ihr gegenüber meist härter aus als bei ihren männlichen Musikkollegen. Bei ihrem neusten Musikvideos zu "Hoes up G's down" merke ich selbst, dass ich bei Shirin Dinge reklamiere, die schon seit Jahren in Rap-Musikbusiness praktiziert werden: ein stereotypisches Frauenbild, fehlende Vorbildfunktion und ein Musikstil, der von US-Stars nachgeahmt wird.

Warum sehe ich das gerade bei ihr alles so kritisch? Schließlich ist der Sound ihrer neuen Single super nice und das Musikvideo so geil wie zwanzig Scheiben Mozzarella auf der Pizza. Der Titel "Hoes up G's down" – und auch Zeilen wie "Baby gib ihm" und "Ich bin nicht so eine – doch genauso eine bin ich" machen klar: Jetzt sind die Frauen dran – und sie dürfen tun und lassen, was sie möchten. Eine Message, die motiviert. Das ist geil – warum trotzdem die Kritik?

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Was fehlt, ist die Vielfalt, die Vorbildfunktion

Deutschrap ist ein männerdominiertes Genre. Wenn plötzlich eine Frau mit Highspeed die Charts erobert, ist die Erwartung groß. Vielleicht ein wenig zu groß. Ich habe von Shirin erwartet, dass sie anders ist. Dass sie klar macht, dass Frauen mehr können, als in Musikvideos hübsch mit dem Po zu wackeln. Stattdessen bedient sie sich an den gleichen Stilmitteln, wie ihre männlichen Kollegen. Das ist legitim, sie darf das. Wenn sie ihren Körper auf die Maße 90-60-111 trimmt, okay. Wenn Frauen in ihren Musikvideos im Hintergrund tanzen möchte, dann sollen sie das. Hell yes, jede von ihnen sieht fantastisch aus. Genauso wie Shirin!

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Was mir aber fehlt, ist die Vielfalt. Die Vorbildfunktion. Und nein, die fehlt mir nicht nur bei ihr. Die fehlt mir bei allen anderen männlichen Rappern. Warum tanzen die Frauen nur im Hintergrund und warum müssen sie alle perfekte Körper haben? Was ist mit Body Positivity?

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Bei Shirin kommt noch hinzu, dass ich nach und nach ein wenig enttäuscht wurde. Sie hat mit "Mittelfinger an die ganzen Fuckboys, Baby gib ihm" Hoffnung in meinem Herzen geweckt und mir Mut gemacht. Dann kam ein kleiner Fauxpas und wieder einer. Ein Ananasstücken nach dem anderen, das mir die Lust an ihrer Musik genommen hat.

Was mir die Lust an Shirins Musik nimmt

Das Musikvideo zu "Hoes Up G's down" hat Shirin David mit 70 Leuten im Berliner Stadtteil Westend gedreht – und dabei die Mundschutz- und Abstandsregeln missachtet. Sie postete mehrere Videos in ihrer Story, unter anderem auch den Post der Polizei auf Twitter. Wow, supercool? Nein! Selbst wenn das alles nur Promo war und das Video schon vor ein paar Monaten gedreht wurde: Shirin ermutigt damit ihre junge Zielgruppe, Gesetzen zu trotzen, und sorgt mit ihrer "Scheiß drauf"-Attitüde für Unmut bei all den Leuten, die unter der Pandemie leiden. Das muss nicht sein – und nimmt die Freude an dem ganzen Musikvideo.

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Screenshot von Shirin Davids Insta-Story

Abgesehen von Corona-Verstößen, wären da noch die Vorwürfe zu Blackfacing, ihrem Feature mit Fler, Xavier Naidoo und Maitre Gims – sowie ihrem fragwürdigen Song-Titel "90-60-111".

Die Frage, die ich mir stelle: Hat Shirin David überhaupt eine Vorbildfunktion, oder sollte man allein ihre Kunst, die Musik, betrachten? Da wären wir bei einem ähnlichen Dilemma wie schon bei anderen großen Musikern: Was hat die Musik mit dem Menschen zu tun – und kann man sie trotzdem hören, wenn man mit dem Künstler selbst nicht d'accord ist? Shirin kann sich nicht aussuchen, ob sie ein Vorbild sein möchte oder nicht. Es ist nun mal Fakt, dass Tausende Teenies die Rapperin anhimmeln. Sie ist ein Vorbild – und sollte sich dessen bewusst sein.

Wem Ananasstückchen auf dem Belag egal sind, der soll sich glücklich schätzen. Was bei mir am Ende bleibt, ist der schlechte Beigeschmack. Da kann die Pizza noch so gut sein.

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Quelle: Noizz.de