Wenn uns ein Popmusiker daran erinnern muss, was Demokratie ist, wird es höchste Zeit, aktiv zu werden!

Herbert Grönemeyer ist so ziemlich DIE Mitte Deutschlands. Auf den können sich alle einigen. Ich meine, wer kann auch schon "Männer", "Mensch" oder "Flugzeuge im Bauch" scheiße finden? Eben. Herbert Grönemeyer einigt Deutschland, wie keine andere Instanz. Alt, jung, West, Ost, reich, arm – seine Musik ist der kleinste gemeinsame Nenner und dabei sogar noch intellektuell anspruchsvoll und mit sozialkritischer Botschaft.

Umso erschreckender ist es für einige Anhänger der Fraktion "Ich bin kein Nazi, aber das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen ..." da wohl sein jahrelanges Engagement gegen Rechts. Dass Herbie auf der Bühne laut wird und sich gegen Rechtspopulisten stark macht, ist nichts Neues. Im Juli trat er beim #wirsindmehr-Festival in Chemnitz auf. Dort hatte er gesagt: "Das Land ist unser Land. Wir halten es fest und stabil und lassen es nicht nach rechts ausschwenken."

Nun löst aber ein Video Wirbel aus. Da muss sich Grönemeyer sogar Vergleiche mit dem Nazi-Einpeitscher Joseph Goebbels, während der NS-Zeit Reichspropagandaminister, gefallen lassen. Sogar Außenminister Heiko Maas muss sich zu Wort melden.

Wie konnte es nur so weit kommen?

Im Speziellen geht es um eine mehr als deutliche Absage gegen jegliche Form von rechtem Gedankengut, die Herbert Grönemeyer bei seinem Tour-Stopp in Wien fallen ließ. Darin ruft Grönemeyer dazu auf, "keinen Millimeter nach rechts" zu rücken.

Kritik bekam der Musiker vor allem wegen des Stils und seines Tonfalls. Bei Twitter gab es Stimmen unter anderem von AfD-Politiker*innen, die Grönemeyers teilweise herausgebrüllten Aufruf mit Nazi-Propaganda verglichen. Einige Kommentare störten sich auch daran, dass der Musiker das Wort "diktieren" nutzte. So wie hier Beatrix von Storch:

Ehm, stopp, Moment, bin ich gerade im falschen Film?

Politiker*innen einer Partei, die in ihren öffentlichen Auftritten und Debatten Begriffe wie "Altparteien" und "Volksgemeinschaft" verwenden, welche eindeutig und historisch belegbar aus der NS-Zeit entstammen, wirfen Herbert Grönemeyer nun vor, sich Nazi-Rhetorik zu bedienen?

Und die meinen das anscheinend wirklich auch noch ernst.

Es wird auch nicht besser dadurch, dass auch mehr oder minder prominente Personen abseits des rechten Lagers finden, der Sänger klinge wie von 1945. Der Autor und Dramaturg Bernd Stegemann etwa, Unterstützer der linken Bewegung "Aufstehen“, schrieb auf Twitter: "Der Tonfall, mit dem Grönemeyer sein Publikum politisch anheizt, macht mir ein wenig Angst. Ich sags ungern, aber er klingt wie ein Redner vor 1945.“

Der Eindruck mag entstehen, wenn man Grönemeyers Worte losgelöst aus dem ganzen Konzert hört. Wer aber schon einmal einen Live-Auftritt des Künstlers verfolgt hat, weiß, dass dieser bellende Tonfall sein Konzert-Ansagen-Modus ist. Sänger Max Raabe klingt auch immerzu, als wäre er frisch den Ende 20er, Anfang 30er Jahre entsprungen. Das ist den meisten aber egal.

Über Grönemeyers Intonation gab es schon etliche Sketches in der Vergangenheit, seit dem er Musik macht. Ähnlich fassungslos über den Vergleich zeigt sich auch Comedian Shahak Shapira und ich hätte es nicht treffender formulieren können:

Auf YouTube kursieren sogar Clips, die Grönemeyers Auftritt in schwarz-weiß zeigen und "satirisch" mit dem Emblem "Totaler Kampf gegen Rechts" titulieren – also eine Anspielung auf Goebbels Sportpalast-Rede von 1943, indem er die berühmt-berüchtigte Frage nach dem "Totalen Krieg" stellt.

Die entsprechenden Links dazu wollen wir nicht teilen, damit diese Kanäle nicht noch mehr Aufmerksamkeit bekommen, als sie verdienen. Eigentlich unfassbar, das so etwas frei im Netz verfügbar ist. Satire soll und darf kein Schutzschild für rechtes Gedankengut sein.

Statt dass wir es gut finden, dass endlich mehr populäre Mainstream-Musiker ihren Einfluss auf die Massen nutzen, um uns daran zu erinnern, was Demokratie ausmacht und wohin uns ähnlich populistische Denkweisen vor gut 86 Jahren geführt haben, nämlich zu einem Zweiten Weltkrieg – führen wir ernsthaft eine Debatte darüber, ob Grönemeyer sich im Tonfall vergriffen habe. Und damit irgendwie nicht besser sei als die AfD.

Ich kann es nicht sagen, aber: Bitte, was?!

Genau das ist Teil des Problems. Das ständige Relativieren von klar fremdenfeindlichen Aussagen und eindeutige Hetze gegen andere Parteien und Politiker*innnen die ein anderes Weltbild haben, macht so etwas erst salonfähig.

Dass uns daran erst ein 63-Jähriger Popmusiker, der mehr als 17 Millionen Tonträger verkauft hat, erinnern muss, ist schon bitter. Eigentlich sollten wir von alleine darauf kommen. Grönemeyer sagt in dem Konzertvideo, auch wenn Politiker schwächelten, und das sei in Österreich nicht anders als in Deutschland, "dann liegt es an uns, zu diktieren, wie 'ne Gesellschaft auszusehen hat. Und wer versucht, so 'ne Situation der Unsicherheit zu nutzen für rechtes Geschwafel, für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze, der ist fehl am Platze (...).“

Eine klare Aussage, die viel zu selten getroffen wird. Ich war vorher schon Fan von Herbert Grönemeyer, aber seine klare Positionierung trotz aller Widerstände macht ihn für mich zu einem noch größeren Künstler. Und das hat nichts mit linken oder eher rechts-nationalistischen Spektrum zu tun.

An was Grönemeyer während seines Konzertes appelliert, sind humane Grundgedanken, die Essenz von Demokratie. Ein Schatz, den wir uns in einem wiedervereinten Deutschland nach NS-Dikatur und DDR-Regime, bitter erarbeiten mussten.

Und um nichts weniger geht es. Zum Glück gibt es dann aber auch ebenso klar positionierte Politiker wie Außenminister Heiko Maas von der SPD. Er stärkte dem Musiker nach einem umstrittenen Konzertvideo den Rücken für sein Engagement. "Es liegt an uns, für eine freie Gesellschaft einzutreten und die Demokratie gemeinsam zu verteidigen“, schrieb der SPD-Politiker auf Twitter.

Dass Maas sich mit Musikern gegen Rechts solidarisch zeigt, ist nicht neu: So lobte er 2016 neben Campino von den Toten Hosen und dem Rapper Marteria die linke Punkrockband Feine Sahne Fischfilet für ihr Engagement. Das brachte dem SPD-Politiker auch Ärger ein.

Grönemeyer äußerte sich zunächst nicht. Er hat ja eigentlich auch schon alles gesagt.

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[Text: Zusammen mit Informationen der dpa]

Quelle: Noizz.de