Sänger Henning May hat sich auf Instagram gegen Polizeigewalt ausgesprochen und in einem Atemzug die Verwendung von "ACAB" kritisiert, weil es ja auch gute Polizist*innen gebe. Dem aufkommenden Shitstorm hat er sich gestellt und zugehört, und ist damit trotz seiner problematischen Kritik ein Rolemodel unserer Gesprächskultur.

Henning May ist deutscher Indie-Popstar und als Sänger der Band AnnenMayKantereit schnell zum Radio- und Zuschauerliebling geworden. Der melancholische Rheinländer ist neben poetischen Liebesliedern und rauchigem Bariton auch mit politischem Engagement auf Social Media eine bemerkenswerte Erscheinung. Seine neuen Posts sind allerdings in die Hose gegangen und haben gezeigt, dass "gut gemeint" nicht auch immer "gut gemacht" ist.

Warum Hennings Kritik an "ACAB" zwar ignorant ist, sein Umgang mit der Situation ihn aber trotzdem ehrt und zum Rolemodel einer Gesprächskultur macht, die uns allen guttun würde.

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Kritik an "ACAB" – gut gemeint, aber leider Offenbarung von fehlendem Verständnis

"'ACAB' ist eine schlimme Abkürzung, die mich wütend macht. Lasst mich damit in Ruhe", schreibt der 28-Jährige als Teil eines längeren Statements auf Instagram, in dem er eine differenzierte Sprache des Protests fordert – schließlich sei nicht jede*r Polizist schlimm.

Der Post ruft mit über 1.500 meist kritischen Kommentaren Wut und Enttäuschung vieler Fans hervor. Ihre Kritik: Der Sänger möge bitte sein eigenes Privileg checken, bevor er strukturell diskriminierten Menschen, die in ihrem Leben nicht eine einzige positive Erfahrung mit der Polizei gemacht haben, dafür ankreide, welche Formulierungen sie für ihre berechtigte Systemkritik nutzen.

Viele fragen sich, wie das sein kann, dass der sonst so reflektierte Humanist seine Wut über das Wort "Bastard" in den Vordergrund einer Diskussion stellt, in der es genug andere Gründe gibt, wütend zu sein: Racial Profiling, NSU 2.0, das Video des 15-jährigen E-Scooter-Fahrers in Hamburg, die lächerlichen Entscheidungen von Innenminister Seehofer, fehlende Kontrollinstanzen und vieles mehr – die Bundespolizei hat ein offensichtliches Problem mit strukturellem Rassismus, Amtsmissbrauch und Rechtsextremismus, das von täglich neuen Beweisaufnahmen Mal für Mal unterstrichen wird.

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Hennings Versuch, sich mit einem Post à la "Wie man es auch macht, ich kann es eh niemandem recht machen" zu retten, sorgt nicht gerade für Milde. Aber anstatt seine Kommentarfunktion zu deaktivieren, die Posts zu löschen oder die Sache im Sand verlaufen zu lassen, zeigt er echte Gesprächsbereitschaft und Willen, seine Haltung zu überdenken.

Spontan erklärt er sich zum "Instagram-Interview" mit Journalist Jan Kawelke bereit, stellt sich der Kritik, entschuldigt sich für seinen Post und formuliert neu, was er eigentlich sagen will. Auch wenn es im Verlauf des Interviews nicht so wirkt, als habe er wirklich eingesehen, wieso seine Kritik am Wort "Bastard" von vielen als fehlplatziert und ignorant eingestuft wird, beweist er damit Größe.

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Henning May stellt sich der Kritik – und einer Betroffenen die eigene Bühne zur Verfügung

Auf seiner eigenen Instagram-Seite gibt er im Anschluss der Schwarzen Userin nuha.sh Platz, zu erklären, wieso seine Kritik an "ACAB" so problematisch ist. Haben wir das schon mal gesehen: eine Person der Öffentlichkeit, die ihre Reichweite dafür nutzt, die eigenen politischen Statements kritisieren zu lassen – geboren aus der Bereitschaft, sich selbst Fehler einzugestehen und für das Richtige einzustehen?

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Man muss trotzdem nicht Hennings Meinung sein – wie im Gespräch mit Jan Kawelke zu hören, findet er seine Kritik am "ACAB"-Slogan nach wie vor wichtig und richtig. Hier könnte man fragen, wie er eigentlich dem Reclaimen des N-Worts durch die Schwarze Bevölkerung gegenübersteht. Ursprünglich eine rassistisch-repressive Bezeichnung, benutzen es PoC heute für sich selbst und in einem positiven, empowernden Sinne. Für Weiße ist das Wort trotzdem tabu. Ist das nicht das perfekte Beispiel für wandelbare Symbolik von Sprache?

Und verhält es sich mit "ACAB" nicht ähnlich? Ja, "Bastard" ist kein schönes Wort, aber sollte man an die Diskriminierten an dieser Stelle nicht selbst entscheiden lassen, wie sie ihre strukturelle Unterdrückung verbalisieren? Und kommt in "ACAB" nicht viel mehr kollektives Leid zum Ausdruck als fehlende sprachliche Differenzierung?

So oder so: Hut ab für deine Haltung, Henning May. Davon können sich etliche Personen der Öffentlichkeit etwas abschneiden – sowie jede*r für sich selbst.

  • Quelle:
  • Noizz.de