Wieso bin ich heute so unkonzentriert und kriege nichts hin? Und woher kommt gerade jetzt plötzlich dieser Geistesblitz? Was braucht mein Gehirn eigentlich, damit es gut arbeiten und kreativ werden kann? Gehirnforscher Henning Beck erklärt, wie wir unseren Kopf für (kreatives) Denken im Alltag optimal unterstützen können und was man auf jeden Fall vermeiden sollte.

Ich bin Musiker und stecke in einem kreativen Loch. Das treibt mich in den Wahnsinn. Kreativität war die Konstante in meinem sonst ewig fluktuierenden Leben und nun bricht auch sie weg. Kill me. Auf der Suche nach Lösungen, um meinen Kopf wieder in Fahrt zu bekommen, habe ich folgende Idee: Kann man nicht mal einen Hirnforscher fragen, was bei Kreativität im Kopf passiert und wie man solche Prozesse aus neurowissenschaftlicher Sicht unterstützen kann? Spoiler altert: Kann man.

Henning Beck ist Neurowissenschaftlicher, renommierter Science-Slammer und beschäftigt sich wissenschaftlich mit Kreativität. Wenn jemand einen Geistesblitz hat, kann Dr. Beck erklären, wo der her kommt und was da gerade im Gehirn passiert ist. Wenn der Kopf explodiert und einfach keine gescheite Idee herauspurzeln will, dann kann er sagen, wieso und was du ändern musst.

Im Gespräch hat er mir gefühlt sämtliche Dos & Don'ts für kreatives Arbeiten erklärt, die man sich so vorstellen kann. Egal, ob du selbstständig bist, dich mit selbst organisierter Arbeit im Homeoffice arrangieren musst, du ebenfalls als Künstler arbeitest, oder einfach Lust hast, dein geistiges Treiben ein bisschen besser auf dein Gehirn abzustimmen: Hier sind die wissenschaftlich fundierten Bausteine von Henning Beck, mit denen du dir deine persönliche Routine basteln kannst, damit dein Kopf genau das macht, was er soll.

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Dr. Henning Beck – Neuro-Biologe, Projektmanager, Science-Slammer.

Zu Henning Beck: Der gebürtige Hesse ist studierter Biochemiker, Projektmanager und hat einen Doktor in Neurowissenschaften. In seiner Videokolumne "Wunderwelt: Gehirn" des GEO-Magazins erklärt er innerhalb weniger Minuten, warum wir uns vor Multitasking hüten sollen, oder weshalb Schlafen keine Zeitverschwendung ist. Bekannt wurde er mit seinen renommierten Science-Slams, in denen er seine Forschungsergebnisse für ein breites Publikum zugänglich macht. Als Verfasser von Sachbüchern und freier Autor der "Wirtschafts-Woche" kann man sich diese auch in schriftlicher Form aneignen.

NOIZZ: Herr Beck, woran erkennt man eine gute Idee?

Henning Beck: Gar nicht. Es gibt keine Kennzahl für eine gute Idee. Das beurteilen immer andere Menschen. Kreativität ist ein soziales Konstrukt und existiert nur, weil andere Menschen das gut finden. Die eigene, innerliche Überzeugung braucht es natürlich trotzdem, aber die alleine reicht nicht.

Was ist denn eigentlich Kreativität?

Henning Beck: Man könnte sagen, Kreativität ist eine Form von Problemlösung, die sowohl aus einem gewissen Wissenspool beziehungsweise technischem Know-how, als auch einem inspirierten Moment besteht. Der Prozess zu dieser Problemlösung kann aber ganz unterschiedlich sein, deshalb ist es schwer, von Kreativität als einem Phänomen zu sprechen. Das Flowerlebnis ist eine Form, um auf Kreativität zu kommen. Eine andere ist aus heiterem Himmel – das Aha-Erlebnis.

Kreativität als Wechselspiel

Lässt sich Kreativität im Gehirn lokalisieren?

Henning Beck: Nein, es gibt keine Ideen-Region im Gehirn, die eigenständig neuartig Probleme lösen kann. Das funktioniert eigentlich immer im Wechselspiel.

Können Sie das besser erklären?

Henning Beck: Es ist ein Ping-Pong-Spiel aus zwei völlig verschiedenen Prozessen, die in verschiedenen Gehirnarealen stattfinden. Der erste Prozess ist die konzentrierte Arbeit. Sie findet im sogenannten "Kontrollnetzwerk" statt. Man fokussiert sich dabei auf eine Sache und blendet alle Eindrücke von außen ab.

Die zweite Phase ist die Pause, der Leerlauf. Es geht darum, von der Idee zurückzutreten und nicht weiter aktiv darüber nachzudenken. Das passiert zum Beispiel beim Rasenmähen, Duschen, Autofahren oder Spülen. Bei diesen Tätigkeiten wird unser "Grundeinstellungsnetzwerk" oder auch "Tagträumnetzwerk" aktiviert. Unsere Gedanken gehen auf Wanderschaften, diesen Zustand nennt man "Mind Wandering". Einflüsse von außen werden zugelassen und zur Problemlösung hinzugezogen – die läuft nämlich unterbewusst weiter ab.

Blaue Spielerin: konzentriertes Arbeiten. Rote Spielerin: Tagträumen und pausieren – kreative Arbeit funktioniert nur als ewiges Wechselspiel.

Henning Beck: Kreativität braucht also immer beides: Fokus aus der einen Seite, kreative Inspiration auf der anderen. Und ganz wichtig: Die Balance ist entscheidend. Sobald man eine Seite überbetont, wird es schwierig. Kaffee betont zum Beispiel das Wachsein und den Fokus, aber dafür verliert man das Träumerische, Abschweifende, in dem man auf gute Ideen kommt. Man zahlt immer einen Preis, wenn man eine Seite bevorzugen will.

Fantasie ist nicht Kreativität

In Vorbereitung auf das Interview hatte ich Angst, dass mit diesem Ping-Pong-Spiel der ganze Trick erzählt ist.

Henning Beck: Nein, ist er nicht. Was zum Beispiel auch benötigt wird, ist eine Grundlage, mit der man arbeiten und kombinieren kann. Entspannung und ein gutes Gefühl allein reichen nicht. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Fantasie und Kreativität. Einfach nur viel rumprobieren, das ist Fantasie. Deshalb sind Kinder zwar fantasievoll, aber nicht kreativ.

Hat Kreativität also was mit Wissen zu tun?

Henning Beck: Absolut: kein Wissen, keine Kreativität. Es ist wichtig, sich immer wieder mit neuem Wissen anzufüttern, damit man inspiriert wird und mehr Möglichkeiten hat, mit denen man arbeiten kann. Denn: Gelegenheit schafft Ideen. Technische Tätigkeiten leben außerdem viel von der Fingerfertigkeit, von der technischen Expertise und Umsetzbarkeit. Der kreative Output steigt mit dem Können an, und Übung und Gelegenheit fördern die kreative Ideengebung.

Henning Beck: Wenn man sich die kreativen Menschen der Geschichte ansieht, dann merkt man, dass geniale Ideen fast immer von langer Hand geplant waren. Wie hat Frank Sinatra gesagt: "Ich habe 20 Jahre gebraucht, um über Nacht berühmt zu werden." Nur, wenn man viel ausprobiert und Erfahrungen gesammelt hat, und damit viel kombinieren kann, ist man in der Lage, Neues und Kreatives hervorzubringen.

Woher kommt denn so eine gute Idee, die einen über Nacht berühmt macht?

Henning Beck: Zum Bauspiel aus einem dafür kultivierten Ort! Es hilft, sich einen Platz in der Wohnung, zum Beispiel einen Tisch, eine Ecke oder eine Couch für kreative Arbeit auszuwählen und zu pflegen. Unser Gehirn verknüpft nämlich Orte mit Erfahrungen. Räume beeinflussen, wie wir denken, man nennt das "Encoding-Effekt".

Frank Sinatra, einer der größten und einflussreichsten Sänger des 20. Jahrhunderts.

Kann man bestimmte Gehirnareale eigentlich gezielt trainieren? Zum Beispiel die beiden, die während des Ping-Pong-Spiels aktiviert werden?

Henning Beck: Nein, man kann ein Areal nicht gezielt aktivieren, um kreativer zu sein. Das Beste, was man machen kann, ist wirklich viel auszuprobieren. Das belegen etliche Studien, zum Beispiel eine aus einem Töpferkurs, die geht so: Eine Hälfte der Gruppe soll nach Absolvierung des Kurses die beste Skulptur machen, die sie können, beziehungsweise: jeder für sich natürlich. Der anderen Gruppe wird gesagt: Macht einen Tag lang einfach richtig viel, probiert euch aus. Was kommt heraus? Die zweite Gruppe ist viel kreativer und origineller. Weil sie ausprobieren, Misserfolge zulassen und keine übertriebenen Erwartungshaltungen an ihre Produkte haben.

Ich merke bei mir selbst, dass ich erst dann richtig kreativ werden kann, wenn ich alleine bin und mich zu 100 Prozent auf mich richte.

Henning Beck: Das stimmt, gute Ideen kommen oft alleine, selten in Gruppen. Menschen werden in der Gruppe dümmer, als wenn sie alleine denken. Um die 15 IQ-Punkte. Kreativität hat zwar nicht zwingend etwas mit dem IQ zu tun, es zeigt sich aber trotzdem, dass sich Gruppen gegenseitig blockieren. Trotzdem muss man sagen: Oft kommen gute Ideen, nachdem man mit anderen gesprochen hat. Auch hier: Ping Pong; erst inspirieren lassen, dann wieder alleine sein und damit arbeiten.

Phasen Unerreichbarkeit und eine Arbeit, die man nur der Arbeit wegen macht: zwei unabdingbare Essentials für kreative Arbeit.

Kreative Löcher: Deadlines, Druck und Multitasking

Mit meiner Musik bin ich auf gutem Weg, in professionelle Strukturen und vielleicht sogar einen Hauptberuf zu rutschen. Mir fällt aber total schwer, mich auf meine kreative Arbeit zu konzentrieren, während ich diese Ebene im Hinterkopf habe.

Henning Beck: Professionalität und Kreativität sind grundsätzlich kein Widerspruch. Es sollte aber keins von beidem die Oberhand gewinnen. Worauf du achten solltest, sind Phasen der Unerreichbarkeit – man muss sich Räume, Phasen, Zeiten nehmen, in denen man das Kreative pflegen kann. Man braucht den Mut zum Ineffizienten, den Mut zur Muße. Das erscheint nach Zeitverschwendung, aber ist der eigentliche Clou und Schlüssel. Ich habe noch nie einen guten Text unter Zeitdruck geschrieben. Ich schreibe nur gut, wenn Zeit keine Rolle spielt.

Können Sie das noch einmal aus fachlicher Sicht erklären?

Henning Beck: Viele Menschen wollen gute und neue Ideen erzwingen. Aber wenn ich eine Idee killen will, dann indem ich einen Menschen unter Druck setze, zum Beispiel mit Deadlines. Dann werden im Gehirn Neuromodularoten ausgeschüttet und die sind wie Scheuklappen, weil man sich dann nur noch auf die Deadlines fokussiert und damit die Kapazitäten für die eigentliche Arbeit flöten gehen.

Bei Belohnungen ist das übrigens genau so, und das Arbeiten mit ihnen ist ein häufiger intuitiver Fehler. Dann geht es gar nicht mehr um die Idee. Man muss sich aber aufs Inhaltliche konzentrieren. Erst kommt der Inhalt, dann der Rahmen. Ansonsten hat man den Kopf nicht frei. Diese mentalen Ressourcen fehlen dann. Also: Tempo rausnehmen, immer nur auf eine Sache konzentrieren und diese dann nur für die Sache tun und nicht wegen anderer, externer Faktoren.

Kreativitäts-Killer: Multitasking. Wer mehr als eine Sache gleichzeitig tut, überfüllt sein Gehirn mit Informationen und Reizen, und sorgt damit für Ermüdung und krampfhafte Konzentration.

Der kreative Baukasten

Hat unser Gehirn eigentlich bestimmte Kapazitäten, die irgendwann einfach ausgeschöpft sind?

Henning Beck: Grundsätzlich ist das Gehirn niemals voll, kurzfristig kann das aber schon passieren. Unser Arbeitsgedächtnis kann nicht so lange am Stück. Zu viele Informationen und Reize in zu kurzer Zeit legen es lahm und man multitasked sich irgendwie von der einen Aufgabe zur Nächsten. Das ist schädlich und führt in einen krampfhaften Konzentrationsmodus.

Gibt es so etwas wie einen neurowissenschaftlich optimalen Tagesablauf für kreative Prozesse?

Henning Beck: Nein. Menschen machen völlig unterschiedliche Dinge und kommen trotzdem zum Erfolg. Das macht es sehr schwierig, das wissenschaftlich auf Parameter einzudampfen. Es gibt nicht den einen Weg zur Kreativität. Die besprochenen Grundprinzipien gelten für jede Person, aber jede Person lebt das anders.

Was wohl fast überall gleich ist, ist eine gewisse Regelmäßigkeit in der Tätigkeit. Außerdem: ein geregelter Tagesablauf und Pausen als aktiver Teil der Arbeit. Zeit für Arbeit, Zeit für Pause und das regelmäßig. Das Gehirn antizipiert die Pausen und die kreativen Perioden. Am hinderlichsten sind Nicht-Strukturen. Je unstrukturierter Tage sind, desto schwieriger ist es, auf gute und neuartige Ideen zu kommen.

Zusammengefasst, hier der Baukasten, den jeder individuell interpretieren kann: Pausen machen, sich nicht überfordern, Regelmäßigkeit, Unerreichbarkeit, keine Belohnung, Orte kultivieren, das Gehirn mit Wissen und neuen Fragestellungen aufladen – damit kann jeder sein eigenes Rezept gestalten. Und wer so seinen eigenen Rhythmus findet, der kommt immer häufiger in den Flow-Zustand und vermutlich zu mehr Ideen und Output.

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  • Quelle:
  • NOIZZ-Redaktion