Harry Styles ist Sänger, Stilvorbild – und seit neustem auch Cover-Star der US-amerikanischen Ausgabe der "Vogue": Er ist nicht nur der erste Mann, der ganz alleine den Titel der Modebibel ziert, sondern trägt dabei auch noch ein Kleid! Warum das im Jahr 2020 ein wichtiger Step ist.

Auf dem Cover der "Vogue" zu landen, ist für viele Celebrities ein Ritterschlag. Als Kim Kardashian beispielsweise 2014 das erste Mal für das Modemagazin fotografiert wurde, wusste man: Jetzt hat es der Realitystar wirklich geschafft. Und Topmodel Kylie Jenner, die bereits unzählige Male für die "Vogue" fotografiert wurde, hat trotzdem jedes einzelne Cover eingerahmt in ihrem Haus hängen. Ob Harry Styles das mit der aktuellen Dezember-Ausgabe auch machen wird? Schließlich wird der britische Popsänger als erster Mann alleine auf dem Titel der Modezeitschrift zu sehen sein.

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>> Immer mehr Menschen suchen online nach Unisex-Mode – was hat Harry Styles damit zu tun?

Eine kleine Sensation an sich, weil die US-"Vogue" sich hauptsächlich an Frauen richtet – und Männer höchstens als schmückendes Beiwerk auf dem Titel erlaubt. Aber noch etwas anderes ist bemerkenswert: Auf dem Bild, das die Dezember-Ausgabe zieren wird, trägt der 26-Jährige nämlich ein weißes Spitzenkleid.

Harry Styles: Unisex-König und Modeikone

Für alle Style(s)-Fans natürlich gar nicht mal so überraschend: Immerhin ist der Brite bekannt für seine progressiven, genderfluiden Looks: Auf der Met-Gala erschien er vergangenes Jahr in einer transparenten Spitzenbluse und mit Perlenohrring, Pullunder und klassische Hemden kombiniert er gerne mit Halsketten und weiten Marlene-Hosen, auch vor Nagellack hat der Musiker keine Angst. Der Boy ist der unangefochtene Genderless-Fashion-König und hat in den vergangenen Monaten auf Social Media immer wieder für krasse Unisex-Hypes gesorgt.

Warum ist es also so wichtig, dass er auch auf dem Cover der "Vogue" nicht klassisch in Hemd und Anzug, sondern mit einem Kleid zu sehen ist? Ganz einfach: Weil er damit Menschen erreicht, die sonst eher nichts mit Genderless-Fashion am Hut haben. Die "Vogue" ist das mächtigste Modemagazin der Welt. Ein Imperium, das Anna Wintour über lange Jahrzehnte aufgebaut hat und eine Stimme, der viele Frauen* weltweit lauschen.

Was die "Vogue" zeigt, bekommt Aufmerksamkeit

Wenn etwas "en vogue" ist, wenn etwas von dieser Stil-Bibel als gesellschaftlich notwendig gesehen und in Form eines Artikels oder einer Fotostrecke – wie Harry in Abendkleidern oder Röcken – besprochen wird, kann man sich sicher sein, dass die Thematik weltweit gesehen wird.

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Und zwar nicht mehr nur von aufgeschlossenen Gen-Z-lern, die Harry auf Instagram und Co. folgen und Queerness, Genderfluidity und Unisex-Mode als selbstverständlich erachten. Nein, weil die "Vogue" ein traditionelles Print-Magazin ist, das von vielen Tausend Menschen abonniert wird, landet Harry so auch im Briefkasten von Menschen, die weit älter, weit konservativer sind. Um das im Raum stehende Klischee einmal aufzurollen: In den Briefkästen von Frauen*, die in ihrem Chanel-Kostüm Earl Grey schlürfen, Pelz immer noch als Luxusobjekt sehen und sich im Zweifel ordentlich verschlucken, wenn ein heißer Kerl keine Hose, sondern ein Rock trägt. Für die ein Mann im Kleid immer noch ein Tabu-Bruch bedeutet.

Denn etwas, das wir in unserer aufgeklärten Bubble oft vergessen: Cross-Dressing, also das Tragen von Kleidung, die nicht typisch für das jeweilige Geschlecht des*der Träger*in erachtet wird, ist immer noch ein Politikum: Was eine Frau und was ein Mann zu tragen hat, ist tief in der Gesellschaft verankert – genauso, wie die traditionelle Geschlechterordnung und Gender-Stereotypen.

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Cross-Dressing ist in vielen Teilen der Welt noch lange nicht gesellschaftsfähig

Uff, schon wieder dieses Gender-Ding, denkst du jetzt? Sollte es nicht einfach nur um Mode gehen. Sorry, aber Mode ist nun mal immer politisch. Denk zum Beispiel mal an Frauen, die Hose tragen. Heute ganz normal für uns, aber etwas, für das Feminist*innen und Mitglieder der LGBTQ*-Community jahrhundertelang kämpfen mussten.

Wusstest du, dass in den USA bis in die Achtziger die inoffizielle Regel unter queeren Menschen galt, dass man mindestens drei Kleidungsstücke oder Accessoires tragen muss, die dem eigenen "Geschlecht" entsprechen? Wer das nicht tat, konnte für Cross-Dressing von der Polizei verhaftet werden.

Oder wusstest du, dass weibliche Abgeordnete den US-Senats sogar erst seit 1993 in Hosenanzügen betreten dürfen? Dass die Fluggesellschaft British Airways weiblichen Crewmitgliedern erst seit 2016 erlaubt, statt dem klassischen Rock ihrer Uniform eine Hose zu tragen? Dass es ein Privileg ist, dass du morgens in deinen Schrank schaust und dir einfach das überstreifst, auf das du gerade Lust hast? Dass es bis heute in 14 Ländern der Welt verboten ist, Klamotten zu tragen, die nicht mit dem eigenen Geschlecht übereinstimmen? In Malaysia, Malawi, Indonesien, dem Iran, Gambia, Brunei, Jordanien, Kuwait, Libanon, Oman, Südsudan, Tonga, Nigeria und in den Vereinigten Arabischen Emiraten kann das schlimme Strafen mit sich ziehen.

Ein Zeichen für mehr Visibility, Diversity und Repräsentation

Wenn sich eine Zeitschrift wie die "Vogue" also entschließt, eine Unisex-Ikone wie Harry Styles in einem Spitzenkleid auf ihr Cover zu nehmen, ist das viel mehr als eine lustige modische Spielerei. Es ist ein Zeichen der Repräsentation und für mehr Sichtbarkeit: eine Botschaft an Menschen, Geschlechterstereotypen zu hinterfragen. Eine Botschaft an Menschen, mutig zu sein. Eine Botschaft an non-binäre und genderfluide Menschen, dass es okay ist, zu sich selbst zu stehen. Und damit ein Schritt hin zu mehr Diversity – in der Mode und in der Gesellschaft. Und vielleicht können deshalb in ein paar Jahren junge Menschen, die sich als Mann identifizieren oder als solche gelesen werden, entspannt in ein Kleid und hohe Schuhe schlüpfen, wenn sie sich danach fühlen – ohne Angst, auf der Straße beleidigt, angegriffen oder sogar verhaftet zu werden ... ganz egal in welchem Teil der Welt sie leben.

  • Quelle:
  • NOIZZ.de