Ich habe 9/11 vergessen – ist das schlimm?

Genna-Luisa Thiele

Popkultur, Green Lifestyle, Psycho
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Das 9/11-Memorial in New York Foto: dpa picture alliance

Das erste Mal in 17 Jahren ...

Heute ist Dienstag, der 11. September 2018. Ich denke mir nichts, als aufstehe und zum Arzt gehe.

Es fällt mir nichts auf, als ich im Wartezimmer auf meinem Smartphone durch meinen Facebook-Feed scrolle.

Der Arzt und ich quatschen, aber keiner von uns erwähnt jenes Ereignis, von dem es heißt, dass die Welt danach nicht mehr dieselbe war.

In den Öffis höre ich wie immer Gesprächsfetzen, doch nirgendwo geht es darum.

Als ich am Kiosk vorbeilaufe, auf dem Weg zur Arbeit, fällt mir keine Schlagzeile dazu auf, selbst in der Redaktion sind wir stattdessen schockiert, dass Daniel Küblböck über Bord gegangenen ist, höchstwahrscheinlich nie geborgen werden wird, dass Mac Miller tot ist, dass in Halle Neonazis „Sieg Heil“ gebrüllt haben. Promi-Tragödien, Flüchtlings-Debatte.

Ich schreibe oder telefoniere wie immer mit meinen Großeltern und mit Freunden, rede mit Kollegen und meinem Chef und mache Smalltalk im Fahrstuhl, mal Belangloses und mal von Belang, aber niemand verliert ein Wort darüber und keinem ist es wohl bewusst.

Erst als ich in der Mittagspause erneut durch meinen Facebook-Feed scrolle, stolpere ich über diesen Post der Tagesschau:

Ich verschlucke mich nie vor Schreck, das wäre also übertrieben, das ist hier ja kein Roman, aber ich schlucke irgendwie doch, und ja, mir steht kurz der Mund offen, weil: verdammt! Vergessen! Heute ist der 11. September 2018, also DER 11. September, also der Jahrestag von 9/11.

Wie konnte ich, wie konnten wir das vergessen?

Heute, Dienstag, der 11. September 2018, vor 17 Jahren, sind zwei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers geflogen und explodiert, die Türme zusammengestürzt, 3.000 Menschen kamen bei dem Anschlag von Al-Qaida ums Leben, für den Osama Bin Laden als Drathzieher verantwortlich gemacht wird.

Das World Trade Center galt damals als unkaputtbar, und mit dem Sturz der Türme brach auch ein Stück (amerikanische) heile Welt zusammen, der Westen musste begreifen, dass nichts unkaputtbar ist. Der Anschlag gilt als die Wiege dessen, was wir heute gemeinhin pauschal unter Terror zusammenfassen.

Ein Tag, der nicht nur diesen Begriff, sondern die Welt geprägt hat. Das alles ist nicht neu.

Neu ist, dass es das erste Jahr seit 2001 kein großartiges Thema ist.

Sofort stehe ich auf und frage meine Kollegen, ob sie 9/11 auch vergessen haben. Sie haben es auch nicht auf dem Schirm gehabt. Sie checken ungläubig ihr Handy und ihren Kalender, beides hat wahrscheinlich jeder von uns unbewusst an diesem Dienstag schon viele Male gescannt, aber nie ist dabei anscheinend dieser automatische innere Alarm losgegangen wie sonst.

Dieser symbolische Groschen, der bislang jedes Jahr gefallen ist: Heute jährt sich 9/11, heute vor 17 Jahren haben die Menschen auf der Welt ein sogenanntes kollektives Trauma erlitten, egal wo auf der Erde die Leute waren, als der Anschlag auf das World Trade Center verübt wurde: Wer damals schon gelebt hat und kein Säugling mehr war, weiß, wo er in dem Moment war, als der Anschlag passiert ist, weiß, was er getan hat.

2018 aber schweigt anscheinend diese schrille Erinnerung an den tragischen Tag in der Geschichte.

Ich bin verwirrt. Was ist passiert – oder nicht passiert, dass 9/11 erstmals in Deutschland nicht mehr wahrgenommen wird?

Ich will mich täuschen, und ich kann mich natürlich auch täuschen, deshalb versuche ich, herauszufinden, ob mein Gefühl mich vielleicht doch trügt, und ich recherchiere.

Tatsächlich bestätigt sich mein Eindruck nur. In den Printmedien findet sich kaum Berichterstattung zu 9/11, die Titelseiten zieren vorrangig Sachsen-News. Auch sonst finde ich kaum Infos auf den weiteren Seiten der Tageszeitungen, und wenn, dann so klein, dass ich die Artikel überblättert hätte, wenn ich nicht explizit danach gesucht hätte.

Mein nächster Check ist das Internet. Trotz des Facebook-Posts der Tagesschau finde ich erstaunlicher Weise sogar auf der Startseite tagesschau.de auf Anhieb gar nichts.

Jetzt sagt mir mein logischer Menschenverstand, dass auf der Startseite ja nur die aktuellen Themen Platz finden, alles, was gerade, an diesem Tag, in dieser Woche, je nach Tragweite auch die vergangenen Wochen und Monate wichtig war, aber eben keine Nachricht, die fast zwei Jahrzehnte her ist. Eigentlich.

Bei 9/11 war das aber immer anders. In Deutschland fühlen wir uns den Amerikanern gemeinhin verbunden, in unseren Supermarktregalen stehen mittlerweile wie selbstverständlich Oreos und Reese's, wir hören Ami-Rap und verfolgen das Coachella-Festival im Live-Stream, wir ärgern uns über Donald Trump oder Hillary Clinton und gucken die Talkshows mit Jimmy Kimmel und Ellen DeGeneres lieber als die mit Markus Lanz und Maybrit Illner.

Kurz: Amerika bewegt uns, ob wir die Staaten nun mögen oder nicht oder die Macht, die von ihnen ausgeht.

Demententsprechend groß ist seit über einem Jahrzehnt aber auch die Identifizierung mit dem Leid der USA und der Bevölkerung dort: angefangen mit 9/11, über Umweltkatastrophen wie dem Hurricane Katrina, Massenshootings und die Debatte um die Waffenlobby, Polizeigewalt und die Black-Lives-Matter-Bewegung, Harvey Weinstein und #MeToo und die Sexismus-Debatte in Hollywood. Und eben immer wieder, jedes Jahr 9/11.

Die Hintergründe, die Fakten, die Dokus, die Verschwörungstheorien, das neue One World Trade Center, Gedenkreden, Schicksale. Es gab über die Jahre immer wieder neue Erkenntnisse, neue Blickpunkte, andauernde und aktualisierte Berichterstattung über die Tragödie.

Ein Thema, das auf Homepartys genauso heftig diskutiert wird wie am Essentisch mit der Familie.

Ich google den 11. September 2018 und checke die News-Lage, welche Themen mir die Suchmaschine als Prio ausspukt. Nix zum Jahrestages des Anschlags! Ich scrolle weiter nach unten. Nada.

Ich google den 11. September 2017 und checke die damalige News-Lage. Prio war damals auch wieder der 11. September 2001. Artikel über den Präsidenten Donald Trump, der den Anschlagsopfern gedenkt, obwohl der Anschlag in der Amtszeit von George W. Bush passiert ist. Also war der Anschlag auch noch beim 45. Präsident der Vereingten Staaten präsent.

In Social Media, also der Subwelt des großen weiten World Wide Web ist die Reaktion schon spürbarer, der Hashtag #NeverForget trendet.

Aber anders als in den Jahren davor, ist es mittlerweile eher ein vorrangig berufsbedingtes Erinnern von Journalisten und Medien sowie Betroffenen, wie der Post von Institutionen wie dem New Yorker Police Department zeigt:

Doch was heißt das? Das habe ich mich auch gefragt. Es könnte heißen, dass die Erinnerung verblasst oder auch nur, dass das kollektive Trauma nicht mehr so akut ist.

Das Erste wäre fatal, das zweite ein Fortschritt.

Das 2018 zeigt vielleicht auch, wie intensiv die Erinnerungskultur und Aufarbeitung der Anschläge bisher gewesen ist, kaum eine Teil der amerikanischen Geschichte ist so sehr aufgearbeitet worden.

Es ist eine Leistung. Und trotzdem darf auch die Frage gestellt werden, warum diesem Anschlag, der ja doch, leider, nicht der einzige ist, so viel Aufmerksamkeit, so viel Entschädigung und Mitgefühl über Länder- und sogar Staatengrenzen hinweg zuteil geworden ist.

Erstmals hat unsere Gesellschaft an einem Tag wie dem 11. September, der seither so negativ besetzt ist, wieder normal geatmet, gearbeitet, gescherzt, diskutiert, gelacht, geredet, kritisch hinterfragt.

Ich fände es fatal, würden wir den Anschlag verdrängen und vergessen. Doch dass 9/11 nicht mehr das Erste ist, woran wir an diesem Datum denken, ist für mich ein gutes Zeichen. Denn wer Angst hat und wem Verlust die Kehle zuschnürt, der kann nicht klar denken, einordnen, beurteilen.

Und das ist in Zeiten wie diesen, wo Neonazis sogar den Mord an einem Antifaschisten zum Anlass nehmen, um gegen Ausländer zu hetzen, genau das, was wir nicht brauchen können: nicht in den Staaten, nicht in Europa, nicht in Deutschland und nirgendwo auf der Welt.

Nach dem Motto: Never forget, but never not move forward.

Quelle: Noizz.de

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