Medien schweigen, Social Media diskutiert.

Gzuz und seine Ex-Freundin: ein heißes Eisen. Seit Lisa auf Instagram eine lange Story gepostet hat, in der sie Gzuz schwere Vorwürfe machte, wird allerorten ein bisschen ausgerastet. Die Medien veröffentlichen Artikel zum Thema und nehmen sie wieder runter. Man munkelt dass Abmahnungen die Runde machen. Hiphop.de postete am Mittwochmorgen bei Instagram: "Auch wir mussten unseren Artikel zur aktuellen Gzuz-Thematik aus rechtlichen Gründen offline nehmen."

Währenddessen diskutieren Fans und Kritiker in den sozialen Medien leidenschaftlich weiter. Gzuz schweigt, Lisa nun auch, Bonez MC veröffentlichte erst Posts bei Instagram, mit denen er sich offenbar über Lisa lustig machen wollte, löschte diese dann jedoch wieder.

Ihr wisst nicht genau, worum es geht? Einfach mal googeln.

Ob Lisas Vorwürfe stimmen, wissen wir nicht. Wir haben keine Ahnung, was zwischen Kristoffer Jonas Klauß a.k.a. Gzuz und seiner langjährigen Lebensgefährtin und Mutter seiner zwei Kinder vorgefallen ist. Weder er noch sie äußern sich. So lange steht ihre Aussage gegen sein Schweigen.

Sensationsgier und Neugierde mal links liegen gelassen: Die Geschichte hinterlässt einen bitteren Beigeschmack und das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Nicht umsonst wird in den sozialen Medien hitzig darüber diskutiert – während Gzuz wieder in Bonez MCs Insta-Stories auftaucht ... Die beiden haben zuletzt zusammen Fußball geschaut.

Was diskutiert wird: nicht, was jetzt stimmt oder nicht, sondern eben das Problem, dass wir offenbar alle nicht wirklich drüber sprechen dürfen. Jedenfalls nicht als Medium.

Wo fängt die Kunst an und wo hört sie auf?

Warum verwundert uns die Tatsache, dass einen solche Vorgänge im Hause Klauß irgendwie nicht so richtig überraschen? Gzuz – und im Prinzip die gesamte 187 Strassenbande – haben ihre sehr erfolgreiche Karriere darauf aufgebaut, die "Bad Boys" zu sein.

Zu einer gewissen Spielart des Hip-Hop gehört es dazu, Street Credibility zu demonstrieren. Nicht zu den "Angepassten" zu gehören. Die Gesellschaft und ihre Regeln aus Prinzip und weil man nicht anders kann herauszufordern. Aus der Gosse zu stammen. Drogen, Waffen, Huren – das sind alles Themen, mit denen sich der erfolgreiche Deutschrap gegenwärtig profiliert.

Ein Rap-Künstler, der in seinen Texten also erklärt, dass er täglich sein Koks zieht, dass alle Frauen wertlose Schlampen sind, die allerhöchstens für den nächsten Fick taugen und von seinen Jahren im Gefängnis berichtet – der lebt dieses Leben auch wenn das Mikro aus ist. Würde es da tatsächlich verwundern, wenn einer von diesen Typen sich in seinem privaten Leben genau danach verhält? Jetzt mal ehrlich: Wir wissen doch alle, was da los ist. Da werden die Joints nicht nur gerollt, damit man in einem Musikvideo schockt. (Auf Instagram wird ja seit langem schon offen gekifft und Purple Drank geext.)

Falls jemand weitere Insights zur Welt und vor allem auch zum aktuellen Thema Frauenverachtung braucht, der lese sich gerne Kollegahs Unsinns-Bestseller "Das ist Alpha!" durch oder führe sich unseren Kommentar dazu zu Gemüte.

Das ist alles nicht cool und bisweilen sogar menschenverachtend. Aber das ist auch der Grundsatz, auf dem sich dieses Genre aufgebaut hat, und man feiert seine Künstler für ihre Realness, für ihre Authentizität und dafür, dass sie sich hochgearbeitet haben. Junge Menschen aus denselben Gesellschaftsschichten, aus denen auch manche Rapper stammen, identifizieren sich und haben ein Ventil. Das alles ist ja auch schön und gut. Nur: Es muss auch hier Grenzen geben, und die fangen nun mal da an, wo die Rechte anderer angegriffen werden – beziehungsweise die Pressefreiheit.

Hip-Hop macht sich seine eigenen Regeln

Und genau das ist das Problem. Als Musikjournalist bewertet man Musik auch mal negativ. Das passiert. Wenn ein Verriss eines Albums gut begründet ist, muss sowas auch okay sein. Im Hip-Hop wird genau das aber nicht gestattet: Aus Hintergrundgesprächen mit Redakteuren verschiedener Rap-Medien geht häufig hervor, dass eine schlechte Rezension, ein schlechtes Wort oder auch mal ein bissiger Kommentar nicht selten unangenehme Folgen haben können.

Anrufe in der Redaktion sind da noch harmlos, der ein oder andere Künstler kommt gerne auch mal persönlich vorbei und verlangt durch seine Präsenz Respekt. Oder aber es wird kurzerhand ein Shitstorm initiiert und einzelne Redakteure vonseiten der Fans angegangen – das ist NOIZZ selbst schon mal passiert. Einschüchterungspolitik à la Donald Trump.

Und genau daraus ergibt sich eine Schieflage: Man kann nicht mehr offen sprechen. Medien dürfen nicht über den Fall Gzuz sprechen, dürfen nicht schreiben, was passiert sein könnte, welche Vorwürfe ihm gemacht werden. Es wird unter den Tisch gekehrt und Reaktionen wie folgende auf Twitter sind deshalb völlig nachvollziehbar. Userin @nhile_de schreibt dort zum Beispiel: "Die Ex-Freundin und Mutter der Kinder von Gzuz berichtet über [Vorfälle], aber medial bleibt es merkwürdig still. In den Kommentaren ihres Insta-Accounts wird hingegen Victim Blaming betrieben und die alten Mythen zum Thema rausgeholt."

Auch Promis melden sich zu Wort. Lady Bitch Ray schreibt zum Beispiel:

Hat Hip-Hop ein strukturalistisches Problem?

Fakt ist: Vieles im Rap bewegt sich ganz gefährlich an rechtlichen und gesellschaftlichen Grenzen. Diese künstlerisch auszuloten anhand eines lyrischen Ichs ist okay. Alles andere nicht. Und da sind nicht nur wir Journalisten gefragt.

Der Fall Kollegah, Farid Bang und der "Echo" haben gezeigt, dass auch die Musikindustrie Teil des Problems ist. Eine den Holocaust verhöhnende Zeile auf dem Album "Jung Brutal Gutaussehend 3" scheint für ein Major-Label wie Universal so lange okay, bis es jemand merkt. Moralisch ist es völlig egal, was sich auf der Platte befindet – solange sie Geld macht. Als dann aber das Geschrei groß war, als die Auschwitz-Zeile für großen Aufruhr sorgte, verabschiedete sich das Label kurzerhand von den Künstlern. Als ob keiner die Platte vorher gekannt hätte – wer das glaubt, ist selber schuld.

Die Industrie bereichert sich also an Musikern, die Frauenhass, Rassismus und Antisemitismus sowie ihre Homophobie glorifizieren, die Gewalt und Drogenmissbrauch feiern. Und natürlich gibt es Fantasien, die man auch in seiner Kunst ausleben darf – aber auch hier, meine ich, gibt es Grenzen.

Es darf nicht alles mit "Das gehört eben zum Hip-Hop dazu" entschuldigt werden.

Das ist nämlich keine Begründung, sondern eine schlechte Ausrede, die strukturelles Wegesehen und Stummschalten legitimiert. Genau wie es jetzt wieder passiert: Einem Rapper aus Hamburg werden Dinge vorgeworfen, die, falls sie wirklich stimmen sollten, Menschen- und Frauenverachtung bezeugen würden. Und was passiert? Medien werden offenbar ruhig gestellt, Betroffene schweigen, das Thema wird nicht angesprochen und alle schauen weg. Auch das Label, das Management, die Booker, Musiker-Kollegen und alle Unterstützer – im Prinzip sind sie hier auch potentielle Mittäter.

Vielleicht ist es Angst, vielleicht ist es Geld, vielleicht ist es auch Loyalität, die hier waltet. Jeder, der kann, hat Verantwortung, auch in der Kunst, auch in der Musik. Und egal, was es ist, was alle dazu bewegt, kollektiv wegzuschauen: Es ist keinesfalls eine korrekte Haltung, und alle Betroffenen wissen das auch. Sorry. Not sorry.

Quelle: Noizz.de