Nachdem Schlachthöfe erneut zum Corona-Brennpunkt geworden sind, fordert Grünen-Chef Robert Habeck nun Regelungen rund um die Fleischproduktion.

Die Corona-Krise ist schonungslos: Sie legt Missstände offen, die gerne auch mal verschwiegen werden. So etwa die Situation und Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthöfen. Hunderte Mitarbeiter in Coesfeld und Oer-Erkenschwick (Nordrhein-Westfalen), Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein) und Birkenfeld (Baden-Württemberg) sind positiv auf das Coronavirus getestet worden. Immer wieder fällt im Zusammenhang mit Schlachthöfen das Schlagwort des Corona-Brennpunkts.

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Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen sind unterirdisch

Es ist kein Wunder, dass sich ausgerechnet im Umfeld der Fleischproduktion das Corona-Virus so richtig schön verbreitet. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht: Menschen arbeiten unter fragwürdigen hygienischen Vorzeichen, viele der ausländischen Mitarbeiter übernachten zu mehreren in winzigen Unterbringungen, die Bezahlung ist schlecht und die Zustände und der Schutz der Arbeiter ist in den Schlachthöfen und drum herum prekär.

Verantwortung wird gerne abgegeben: In Schlachthöfen ist es völlig normal, dass weit verzweigte Subunternehmen beschäftigt werden, die wiederum die Mitarbeiter aus Rumänien und Bulgarien beschäftigen. Daher auch die unterirdische Bezahlung und die Tatsache, dass die Schlachthöfe selbst nicht so einfach zu belangen sind. Überhaupt bildet sich durch die Subunternehmen ein regelrechtes Dickicht, dass es schwer macht, herauszufinden, wer eigentlich wofür zuständig ist.

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Politik reagiert nach Corona in Schlachthöfen

Durch Corona werden den Schlachthöfen eben jene Zustände nun zum Verhängnis: Schon seit Anfang der Corona-Krise haben sich die Arbeitsplätze immer wieder als Viren-Schleudern ausmachen lassen.

Die Politik reagiert aktuell: Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte angekündigt, dass das Thema neu zu bearbeiten, es soll ein Konzept erarbeitet werden. Leider ließ dieses aber noch auf sich warten, da angeblich noch Beratung nötig ist. Immerhin sprach Heil von der Ausbeutung europäischer Arbeitskräfte und kritisierte dies und Angela Merkel (CDU) nannte die News aus den Schlachthöfen "erschreckende Nachrichten".

Robert Habeck von den Grünen hingegen geht etwas konkreter voran. Die Forderungen umfassen sieben Punkte, die die Fleischproduktion hierzulande reformieren sollen.

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Fleischproduktion muss teurer werden

Habeck fordert etwa ein Verbot von Werkverträgen für Subunternehmen, bessere Haltungsbedingungen für Tiere, angepasste Bezahlung der Mitarbeiter und eine Ausweitung der staatlichen Kontrollen in den Betrieben und einen Mindestpreis für Tierprodukte. Wenn wir von Bauern gute Arbeit, Tierschutz und Klimaschutz verlangen, dann müssen wir sie auch dafür bezahlen", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Vor allem mit der Forderung, dass Fleisch teurer werden soll, stieß Habeck auf ordentlich Kritik. Ihm wird vorgeworfen, dass damit bei der Bevölkerung die Schuld für die Zustände in den Schlachthöfen gesucht werden – beziehungsweise diese dafür büßen sollen. Vonseiten der FDP wurde kritisiert, dass vor allem in der aktuellen Phase, in der Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit aufgrund der Corona-Krise den Alltag bestimmen, nicht über die Preiserhöhung von Nahrungsmittel gesprochen werden sollte. Generell wird diskutiert, inwiefern teurere Lebensmittel okay seien: Fleisch soll kein Luxusgut werden, dass sich Arme nicht mehr leisten können.

Wir sollten alle mehr für Fleisch bezahlen

Natürlich ist die Bevölkerung nicht einzig und allein Schuld an den Zuständen der Schlachthöfe. Aber Habecks Forderung nach teurerem Fleisch ja nur ein Punkt von vielen, die insgesamt zur Reformierung der Fleischindustrie beitragen. Und neben den Arbeitgebern, Subunternehmen oder den politischen Regelungen sind nun mal auch die Verbraucher Teil einer Industrie. Auch sie können Verantwortung übernehmen und durch den eigenen Konsum den Markt beeinflussen.

Armut ist in Deutschland ein kompliziertes Thema. Hartz-IV Empfänger*innen haben pro Tag nur wenige Euro für Nahrungsmittel zur Verfügung. 2019 teilen die Tafeln mit, dass ihre Kundenanzahl um 10 Prozent gestiegen ist. Und das ist tragisch – niemand soll hungern oder sich sein Essen nicht leisten können. Im Zuge dieser Diskussion gab es immer auch mal die Argumentation, dass es nicht angehe, dass sich bald Fleisch nur noch die Superreichen leisten können.

Der Steuersatz auf Fleisch beträgt nur sieben Prozent

Die Frage ist: Was wäre so falsch daran? Nicht, dass hier den Fleischesser*innen ihr Steak vom Teller genommen werden soll, aber warum sollte Fleisch nicht Luxusgut sein? Immerhin sind es Lebewesen, die sterben, damit wir unseren Cheeseburger essen können. Warum sollte dem nicht mehr Wertschätzung entgegengebracht werden, indem man nicht allzu oft zu billigem Fleisch greift?

Warum wird so getan, als sei es ein Grundrecht des Deutschen, täglich sein Minutensteak verzehren zu können und gleichzeitig Folgendes zu legitimieren: Die Fleischindustrie buhlt seit Jahren um Käufer*innen, es werden Dumpingpreise geboten, Tiere dafür gequält und Menschen ausgebeutet. Die "Bild" meldet, dass Fleisch in den letzten Jahren bereits teurer geworden ist – dies aber scheinbar nichts an den Bedingungen in den Schlachthöfen geändert hat. Das Einzige, was daran erkennbar ist: Das Geld, das für Fleisch gezahlt wird, muss so eingesetzt werden, dass Kleinbauern, Tiere und die Arbeiter in den Höfen davon profitieren.

Wenn die Alternativen lediglich sind, dass wir entweder Ausbeutung und Tierquälerei hinnehmen oder aber Fleisch als Luxusgut gilt, dass man sich eben nicht jeden Tag leisten kann, sind wir eindeutig für Letzteres.

  • Quelle:
  • Noizz.de