Ich finde die geplante Frauenquote der CDU gut. Also so ganz grundsätzlich. Aber es bleibt mir ein Rätsel, wieso eine Partei, die seit mehr als 15 Jahren die erste Bundeskanzlerin stellt, erst jetzt auf die Idee kommt, mehr Frauen in der Spitze seien eigentlich ganz gut. Und auch, wieso die Regierung eines aufgeklärten, demokratischen, europäischen Landes sich erst jetzt der Gleichstellung mit einem Maßnahmenpaket annimmt.

Die CDU ist in ihrer Gesamtheit so konservativ, als habe sich seit den 50ern in Deutschland nichts mehr getan – finde ich. Ich habe niemals Angela Merkel zur Kanzlerin gewählt. Ich habe aber jede Menge Respekt für diese Frau, die meiner Meinung nach, der CDU noch so etwas wie ein bisschen Anstand gibt. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist eine coole, witzige, wortgewandte Frau, die weiß, wann sie Tacheles reden muss und wann man eben besser die Klappe hält.

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Nun geht ihre Ära aber zu Ende. Sie wird nicht noch mal als Bundeskanzlerkandidatin der CDU antreten. Sie weiß, dass sie damit in der Macho-Partei ein riesengroßes Loch hinterlassen wird. Deswegen hat sie nun auch ein großes Projekt vor: Sie will eine Frauenquote in der CDU-Parteispitze. Und als könnte das Timing nicht besser sein, beschließt die Bundesregierung aus CDU und SPD das erste Maßnahmenpaket für eine Gleichstellungsstrategie. Ganze 67 Punkte stark. Aber mal im Ernst, alles cool, aber:

WIESO ERST JETZT?!

Seit 1918 dürfen Frauen in Deutschland wählen. Um das zu ermöglichen, sind Frauen vorher ins Gefängnis gegangen, wurden schikaniert und nicht Ernst genommen. Und trotz jahrzehntelanger feministischer Bewegung gibt es noch immer eine Gender-Pay-Gap, liegt die Last unbezahlter Haushalts- und Familienarbeit zu einem Großteil auf den Schultern von Frauen. Im Jahr 2020. Das liegt nicht am fehlenden Willen von Frauen, sondern auch an fehlenden politischen Strukturen und konkreten Vorgaben, wie Gleichstellung in unserer Gesellschaft aussehen kann.

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Dass es erst jetzt die erste offizielle deutsche Gleichstellungsstrategie gibt, ist blanker Hohn

Versteht mich nicht falsch: Das, was stellvertretend für die Bundesregierung Angela Merkel und Familienministerin Franziska Giffey von der SPD als Gleichstellungspaket vorgestellt wurde, ist wertvoll und es ist gut, dass es irgendwo endlich mal schwarz auf weiß auf einem politischen Papier steht – es ist aber eben auch längst überfällig.

Das Maßnahmenpaket soll die Gleichstellung von Männern und Frauen in Deutschland künftig in allen Gesetzen und Förderprogrammen des Bundes stärker berücksichtigen. Was eigentlich längst eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ist es eben nicht. Was unser Grundgesetz eigentlich ohnehin vorschreibt, wird durch diese Strategie nun gezielt gefördert. Zu den Zielen der Strategie gehört zum Beispiel, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern oder die Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen gerechter zu verteilen. So sollen Gesetzesentwürfe, die in diesem Bereich fallen, zukünftig auch schneller umgesetzt werden können.

Wenn Franziska Giffey sagt, es habe Jahrzehnte gedauert, bis sich das gesamte Kabinett dazu bekenne und das Thema nicht mehr dem Frauenministerium überlassen werde, spricht das auch schon Bände und zeigt, wie viel schiefgelaufen ist. Wenn man sich aber etwa die Reaktionen aus CDU-Kreisen für die geplante Frauenquote im Vorstand anschaut, bin ich mir nicht so Recht sicher, ob die Gleichstellungsstrategie wirklich bei allen ankommen wird.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Franzsika Giffey stellen die Gleichstellungs-Strategie vor.

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Frauenquoten sind natürlich nicht die Lösung, aber ein Anfang

Gehen wir nochmal zurück zu Angela Merkels last Masterpiece: Bis 2025 will die CDU-Führung eine gleich verteilte Besetzung ihrer Vorstände mit Frauen erreichen. Ob das wirklich kommt, soll auf dem Parteitag im Dezember entschieden werden. Schon jetzt gibt es eine hitzige Debatte über diese Pläne. Besonders krass: Auch unter weiblichen CDU-Mitgliedern lehnen etliche eine Quote ab. Ja, ich weiß: Keine Frau möchte nur wegen einer Quote eine Führungsposition bekommen, sondern eigentlich einfach nur, weil sie verdammt noch mal die Beste für diesen Posten ist.

Leider gibt es aber auch im Jahr 2020 noch immer Männer, die glauben wir schreiben noch das Jahr 1977 und eine Frau müsse ihren Ehemann fragen, ob sie denn arbeiten darf. Ja, bis dahin gab es dieses Gesetz in der Bundesrepublik. Und eben jene Männer kommen niemals auf die Idee, eine Frau in die Führungsebene zu befördern, wenn es auch einen Mann zur Auswahl gibt, selbst wenn der nicht ansatzweise so qualifiziert ist. Gibt niemand gerne offen zu. Ist aber so.

Solche Menschen muss man – zumindest zeitweise – zu ihrem Glück zwingen. Damit sie erkennen, dass der Laden eben nicht untergeht, wenn eine Frau mal das Ruder in die Hand nimmt. Auch wenn man glauben sollte, dass die CDU das nach 15 Jahren Merkel-Regime eigentlich verstanden haben sollte. Schon im vergangenen Jahr wollte – Achtung, große Überraschung – CSU-Chef Markus Söder eine Ausweitung der Frauenquote erreichen. Er scheiterte. Als Kompromiss schlug er eine schrittweise Einführung vor.

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Wieso wird dieses Land von einer Partei mitregiert, die eine Gleichstellung in ihren Parteireihen aktiv verhindert – und zwar in der Basis?

Die CDU hatte Ende Mai rund 402.000 Mitglieder. Bei den Neumitgliedern liegt der Anteil der Frauen nach Parteiangaben bei 30 Prozent. In der CDU insgesamt liegt der Anteil weiblicher Mitglieder demnach bei mehr als 26 Prozent. Für den Kompromiss zur Einführung einer schrittweisen verbindlichen Frauenquote von 50 Prozent bis zum Jahr 2025 für Gruppenwahlen bei Vorständen gab es nach gut elfstündigen Verhandlungen am zwar eine breite Mehrheit, allerdings nur in einer internen Kommission, in der 34 Mitglieder mit Ja stimmten, sieben mit Nein, fünf enthielten sich.

Schon melden sich aber die Gegner zu Wort. Die Junge Union Baden-Württemberg sprach etwa von einem "faulen Kompromiss".

"Wer sich einen Posten in der Partei verdienen will, der soll dies über Engagement, Leistung und Einsatz machen", sagte der Landesvorsitzende Philipp Bürkle der "Heilbronner Stimme“.

Auch der CDU-Mitgliederbeauftragte Henning Otte erklärte, ihn hätten bereits kritische Rückmeldungen aus der Mitgliederschaft zu einer verpflichtenden Quote erreicht ausdrücklich auch von Frauen. Man solle eine CDU-Mitgliedschaft für Frauen auf andere Weise wieder attraktiv machen. Ja, aber wie denn nur, wenn man alles blockiert, dass Frauen entlastet und stattdessen in der breiten Basis eher für Maßnahmen ist, die Frauen noch immer als Heimchen am Herd sehen, die vielleicht Teilzeit arbeiten?

Es wäre Angela Merkel hoch anzurechnen, wenn sie es schafft ihre verstaubte Partei zumindest schrittweise in die Zukunft zu führen und das umzusetzen, was längst selbstverständlicher Teil unseres Alltages sein sollte. Es ist traurig, dass wir erst jetzt in einem gesellschaftlichen Klima leben, das es ermöglicht, diese Dinge offen und vor allem politisch bindend anzugehen. An dieser Stelle ein Zitat der Frauenrechtlerin und Publizistin Alice Schwarzer: "Schwindelig wird mir nicht gerade bei dem Tempo, mit dem die CDU vorankommen will mit der Quote.“

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[Recherche: Zusammen mit dpa]

Quelle: Noizz.de