Ein kleiner Denkanstoß.

"Hast du eigentlich schon mal einen Menschen im Rollstuhl bei Rewe an der Kasse sitzen sehen?", fragt mich meine Freundin und ich schüttle nur verdutzt den Kopf – "Ja, siehste!"

Das Thema körperliche und geistige Beeinträchtigung begleitet mich tatsächlich in meinem alltäglichen Leben, doch in diesem Moment wurde mir klar, dass nicht einmal mir im Alltag auffällt, wie wenig Menschen mit Einschränkungen in unserer Gesellschaft präsent sind.

Dabei leben laut Statistischem Bundesabend in Deutschland rund 7,8 Millionen Menschen mit besonderen Bedürfnissen, das entspricht 9,4 Prozent der gesamten Bevölkerung (Stand: Ende 2017).

Mein Cousin ist einer dieser Menschen und nur wenige Jahre jünger als ich. Dennoch lebt er ein ganz anderes Leben. Er leidet an schwerem Dravet-Syndrom und Autismus, was es ihm unmöglich macht, einen Alltag wie ich zu leben. Er ist zu alt für eine Schule, zu unkonzentriert für einen Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung. Andere Einrichtungen gibt es kaum. Das liegt noch nicht einmal an ihm, sondern einfach daran, dass sich unsere Gesellschaft nicht auf Menschen wie ihn einstellt. Dabei setzen wir uns für andere Minderheiten bereits ein.

Wir gehen beim Christopher Street Day auf die Straße, um für die Rechte der LGBT*-Community zu protestieren. Wir wehren uns gegen den Diätwahn, den GNTM und sämtliche Werbeplakate uns aufzwingen. Wir kämpfen für die Gleichberechtigung von allen Identitäten, allen Körpern – außer Körpern mit Beeinträchtigungen.

Wie kann es sein, dass rein statistisch jeder zehnte Deutsche als schwerbehindert eingestuft wird und diese Menschen in unserem Alltag nicht präsent sind?

Dabei sind wir alle nur zeitweise "able-bodied" und müssen uns spätestens am Ende unseres Lebens mit körperlichen Beeinträchtigungen auseinandersetzen. Dennoch ist Deutschland beispielsweise ganz und gar nicht rollstuhlgerecht. Denn was macht man denn, wenn man zu einem Termin am Bürgeramt muss und an der entsprechenden U-Bahn kein Aufzug ist, der Aufzug seit Wochen kaputt ist und der Bus mal wieder Verspätung hat? Einfach wieder nach Hause fahren?

Und um noch einmal auf die Frage vom Anfang zurückzukommen: Wieso kommt man denn auch im beruflichen Alltag kaum mit Menschen mit Behinderungen in Berührung? Wie die Bundesagentur für Arbeit berichtet, waren 2015 insgesamt 1.057.978 als schwerbehindert eingestufte Menschen bei insgesamt 156.306 Arbeitgebern beschäftigt.

Eigentlich eine gute Zahl, die sich in meinem Alltag trotzdem nicht zu erkennen gibt. In dem Hochhaus, in dem ich arbeite, arbeiten mehr als eintausend Menschen und doch kennen selbst die dienstältesten Kollegen gerade einmal eine Handvoll Kollegen mit körperlichen Einschränkungen. Dabei ist die Arbeit als Journalist doch auch mit eingeschränkter Mobilität ganz einfach möglich.

Blende ich diese Personen also einfach aus? Oder ist es eben doch so, dass unser Staat nicht dafür sorgt, dass auch Menschen mit Beeinträchtigung, egal ob physischer oder seelischer Natur, ein reibungslosen Alltag wie alle anderen leben können? Wir schreien alle laut nach Gleichberechtigung, vergessen aber über eine Million Menschen in unserem Land.

Quelle: Noizz.de