Von superintelligenten Robotern und Sonnensegeln im All.

Glauben Sie an Aliens? Sind wir allein in diesem Universum? Ist die Menschheit die Krone der Schöpfung oder vielleicht nur eine primitive Lebensform, die es nicht einmal aus ihrer eigenen Galaxie heraus schafft?

Avi Loeb ist Professor für Astrophysik an der Harvard-Universität und hat mit seinen Thesen über das kürzlich entdeckte Flugobjekt „Oumuamua“ international für Aufsehen gesorgt. Er denkt nämlich, dass es sich bei diesem mysteriösen, weit von uns entfernten Gegenstand um ein künstliches Sonnensegel handeln könnte – also um einen Hinweis auf außerirdisches Leben.

Wir haben mit Abraham Loeb geskypt und ihn all das gefragt, was man einen angesehenen Wissenschaftler normalerweise nicht fragen würde: Ob wir alleine sind oder ob es Aliens gibt? Wie außerirdisches Leben seiner Meinung nach aussieht – und wann wir es endlich finden werden.

Herr Loeb, ich will nicht um den heißen Brei herum reden: Gibt es Aliens?

Abraham Loeb: Wenn Sie mich fragen, sind wir wahrscheinlich nicht allein und diese Annahme basiert auf Bescheidenheit. Ich nenne das die „Kosmische Bescheidenheit“. Ich glaube, dass wir nichts Besonderes sind. Immer wenn wir Menschen dachten, wir seien besonders, wurde das Gegenteil bewiesen. Es ist aber ein natürliches Denken, zu glauben, man wäre besonders. Meine Tochter dachte als Kind auch immer, alles drehe sich nur um sie und je älter sie wurde, desto mehr hat sie verstanden, dass es nicht so ist.

Um es mit Zahlen und Wahrscheinlichkeiten zu erklären: Es gibt im erforschbaren Bereich des Universums mehr Planeten, die die nötigen Bedingungen zur Entstehung von Leben haben, als es auf allen Stränden der Welt zusammen Sandkörner gibt. Das ist eine riesige Menge. Die Aufgabe besteht also logisch betrachtet allein darin, die Zeichen anderer Lebensformen zu finden. Das könnte beispielsweise auch Weltraum-Müll sein. Aktuell können wir allerdings nur Dinge sehen, die nah genug an die Sonne kommen. Sonst nichts.

Viele haben vielleicht immer noch nichts von „Oumuamua“ mitbekommen. Was ist es und wieso ist es so besonders?

„Oumuamua“ wurde im Oktober 2017 mit einem Teleskop entdeckt, als es durch unsere Galaxie flog. Es ist das erste interstellare Objekt, das wir Menschen je gesichtet haben. 'Interstellar' bedeutet, dass es von außerhalb unseres eigenen Sonnensystems stammt, also von unfassbar weit weg.

Damit nicht genug: „Oumuamua“ ist so fremdartig und anders als jeder Komet oder Asteroid, den wir bisher gesehen haben, dass wir bisher nicht sagen können, was es eigentlich ist. Niemals vorher haben wir ein Objekt gesichtet, das auch nur ansatzweise eine vergleichbare Form hatte.

Gerade erst wurden neue Untersuchungsergebnisse veröffentlicht. Demnach ist „Oumuamua“ kalt und klein und reflektiert trotzdem sehr viel Sonnenlicht. Das ist ungewöhnlich: So klein zu sein und gleichzeitig so viel Sonnenlicht zu reflektieren. Es muss wirklich stark schimmern.

Genau darüber habe ich vor wenigen Wochen einen Artikel veröffentlicht. Ich denke dass das Objekt ein Lichtsegel ist. Eines das künstlich ist und dass durch Sonne Geschwindigkeits-Schübe enthält. Das ist eine Technologie, an der wir in einem meiner Projekte gerade tatsächlich arbeiten: Wir bauen ein Segel, das angetrieben durch die Sonne fliegt und wollen es zum nächsten Stern eines anderen Sonnensystems schicken.

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Es gab schon oft Menschen, die behauptet haben, ein Raumschiff oder sogar Aliens gesehen zu haben. Bisher hatte keiner Recht. Was sagen sie Leuten, die Sie für Ihre These nicht ernst nehmen und sich vielleicht sogar über Sie lustig machen?

Grundsätzlich muss ich sagen, dass die Reaktion auf meinen Artikel gigantisch war und er sehr gut angenommen wurde, auch in Fachkreisen. Was meine These betrifft, möchte ich Ihnen sagen, wie meiner Meinung nach Wissenschaft funktioniert. Ich halte mich dabei nämlich an die Maxime von Sherlock Holmes: Es gibt immer Unsicherheiten und man muss alles ausschließen, was sicher falsch ist. Was übrig bleibt, muss schließlich die Wahrheit sein, so abenteuerlich diese manchmal klingt.

Was ich also gar nicht mag, sind Menschen, die auf meinen Artikel von vornherein so reagiert haben: „Oh, 'Oumuamua' ist ‚ganz sicher‘ nicht künstlich.“ So eine Reaktion zeigt einfach nur Vorurteile. Und wir sollten keine Vorurteile haben, denn wir wissen, wohin das führt. Wenn man in unserer Zeit zurückgeht: Die Kirche wusste auch ‚ganz sicher‘, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Galileo, der das Gegenteil behauptet hat, wurde weggesperrt.

Was lernen wir daraus? Wir müssen offen sein und nicht dogmatisch – wie Kinder: Wir müssen mutig sein und das Risiko eingehen, falsch zu liegen. Für mich gehört das ganz selbstverständlich zu meinem Job.

In Filmen, Büchern und unseren Köpfen gibt es unzählige Vorstellungen von Aliens. Schleimig, süß, böse, superintelligent. Alf, E.T., Roger von „American Dad“, die Gremlins oder Superman gehören zu den bekanntesten Aliens der Filmgeschichte. Aber was sagen Sie als Wissenschaftler: Wie sieht eine außerirdische Lebensform realistischerweise aus?

Eine interessante Frage, aber im Prinzip nicht zu beantworten. Normalerweise können wir uns nur Dinge vorstellen, die dem ähneln, was wir selber kennen. Es ist aber gar nicht klar, ob Leben in anderen Galaxien ähnlich zu unserem auf der Erde ist. Realistisch betrachtet muss also jede menschliche Vorstellung eines Aliens falsch sein.

Man darf nicht vergessen, dass sich auch unsere Beschaffenheit im Laufe der Zeit verändert: Schon wir sehen im Vergleich mit der ersten Generation von Homo sapiens komplett anders aus. Den Menschen gibt es nachgewiesen seit ca. 300.000 Jahren. Jetzt stellen Sie sich vor, eine Zivilisation ist mehrere Millionen oder sogar Milliarden Jahre alt. Ihre Technologie wäre sehr anders, als unsere jetzige. Es kommt hinzu, dass Menschen nicht dafür gemacht sind, sich im All zu bewegen. Das könnte auch auf außerirdische Lebewesen zutreffen. Es wäre also viel wahrscheinlicher, fortgeschrittene Technologien im All zu finden, als rein biologische Lebensformen. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass ein Alien am ehesten eine Art Roboter ist.

Für uns wäre die Entdeckung einer solchen superintelligenten Technologie im All eine demütigende und zugleich wertvolle Lektion: Wir müssten nämlich einsehen, dass wir nicht das schlauste kid on the block sind, sondern dass andere Lebensformen viel intelligenter sind als wir.

„Oumuamua“ ist mittlerweile so weit von uns entfernt, dass selbst unsere aktuell besten Teleskope nicht mehr gut genug sind. Was genau es war, können wir also vielleicht niemals herausfinden. Aber wie sehen unsere Chancen in der Zukunft aus? Werden wir innerhalb der nächsten 20 oder 30 Jahre außerirdisches Leben oder Anzeichen von ihm im Weltall entdecken?

Ich hoffe sehr, dass es uns während meiner und auch deiner Lebenszeit noch gelingt, Anzeichen von außerirdischem Leben zu finden. Und im Prinzip haben wir dafür bessere Voraussetzungen, als je zuvor.

In meinem Projekt „Sternenschiff“ arbeiten wir ja gerade an der Technologie, mit der wir ein Sonnensegel ins All schicken wollen. Das sollte uns innerhalb der nächsten Jahre auch gelingen. Dann werden wir zum ersten Mal ein menschliches Raumschiff außerhalb unseres Sonnensystems haben. Wer weiß, was uns da begegnen wird.

Die Suche nach außerirdischem Leben im All kann man sich generell so vorstellen: Es ist, als würde man an den Strand gehen und Muscheln suchen. Ab und zu findet man aber eine Plastikflasche oder etwas anderes Künstliches, was eigentlich gar nicht hier hergehört. Man muss dafür aber sehr genau und sorgsam hinsehen. Nach solchen fremdartigen Objekten muss man auch im All Ausschau halten. Ich nenne das „Weltraum-Archäologie“.

Derzeit suchen wir eigentlich nur nach primitivem und nicht nach intelligentem Leben. Das müssen wir einfach ändern. Wir wissen von unserer eigenen Existenz und wir wissen auch, dass viele Planeten im All ähnliche Voraussetzungen wie die Erde haben. Es ist rein logisch betrachtet also überhaupt nicht spekulativ, ob es intelligentes Leben gibt. Man muss es nur finden.

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Quelle: Noizz.de