Ein komischer Trend, der sich durch meinen Freundeskreis zieht.

Ich hasse das Wort Scheidungskind. Klar, im Endeffekt bin ich eins. Doch ich finde das Wort suggeriert auch immer sofort, dass man ein traumatisierter Mensch mit zerrüttetem Elternhaus ist. Dabei ist es mittlerweile wirklich keine Seltenheit mehr, wenn die Eltern nicht mehr zusammen oder sogar geschieden sind. Im Gegenteil, die Eltern von mindestens jeder zweiten Person aus meinem Freundeskreis aus Mittzwanzigern leben getrennt. Doch woran liegt das eigentlich? Die Eltern unserer Mütter und Väter sind doch meistens auch noch mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zusammen.

Ja, es wird immer wieder gesagt, dass Menschen immer beziehungsunfähiger werden und sich einfach nicht mehr reinhängen eine Ehe am Laufen zu halten. Doch sind unsere Großeltern vielleicht auch einfach nur noch verheiratet, weil es in dieser Generation sozial geächtet war, sich scheiden zu lassen?

Denn glücklicher sind unsere noch verheirateten Großeltern ja nicht unbedingt. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Scheidungen in Deutschland zwar verhältnismäßig rapide an, doch gesellschaftlich akzeptiert war diese Entscheidung schon lange nicht. Mal ganz davon abgesehen, dass Frauen in den 50ern und 60ern oft auch gar nicht die (finanziellen) Mittel hatten, um ohne Ehemann zu überleben. Kein Wunder also, dass 1960 die Scheidungsquote in Deutschland gerade einmal 10,66 Prozent betrug. Das heißt auf jede Ehe kamen im Schnitt nur 0,1 Scheidungen.

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Dabei wirkt es oft tatsächlich so, als würden sich Oma und Opa regelrecht hassen. Doch mit Mitte 70 geht eben kein Leben mehr ohne den anderen. Ob man will oder nicht, eine soziale und emotionale Abhängigkeit ist vor allem für Frauen im Rentenalter ein Grund, um eine unglückliche Ehe bis zum Tod durchzustehen. Schließlich haben sie oft gar keine Rente, von der sie alleine leben könnten – weil Frauen früher eben einfach den Haushalt geschmissen haben und nur selten einem Beruf nachgegangen sind.

Diesen Vorteil haben unsere Mütter dann eben doch: Sie sind oft vor und nach der Geburt ihrer Kinder erwerbstätig (gewesen) und können eine Scheidung damit finanziell verkraften. 2005 lag die Scheidungsquote vielleicht auch deshalb in Deutschland bei 51, 9 Prozent – auf zwei Ehen kam in diesem Jahr also statistisch eine Scheidung.

Unsere Eltern sind aber auch eine der ersten Generationen in denen sich ein wirklich radikaler Wandel in der Weltansicht bemerkbar macht. Frauen sind mittlerweile so gleichberechtigt, dass sie auch ohne einen Ehemann in der Gesellschaft und im Berufsleben Anschluss finden und dass ihnen auch bewusst ist, dass sie im Zweifel mehr als eine Zweckehe verdienen. Und Männer lassen sich nicht mehr durch gesellschaftlichen Druck von einer Scheidung abhalten.

In den Köpfen aller scheint es mittlerweile angekommen zu sein: Wenn eine Ehe einfach nicht mehr passt oder sogar toxisch ist, dann ist es doch grundsätzlich besser sich zu trennen und danach eine Chance auf ein glücklicheres Leben zu haben. Feminismus ist dabei eine Quelle moralischer Unterstützung nicht nur für Frauen die sich trennen, sondern auch für Verlassene, die nach einem neuen Lebensinhalt und Bestätigung in ihrem Frausein suchen. Männern ist im Gegenzug bewusst, dass Frauen nicht länger auf sie angewiesen sind. Wohl nur ein Grund, der einem Mann die Entscheidung einer Scheidung heutzutage erleichtert. Die soziale Akzeptanz tut sein übriges.

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Klar, vielleicht ist auch irgendwie Zufall, dass es die Eltern meiner Freunde einfach nicht so mit der Ehe hatte, doch die sozialen Veränderungen scheinen durchaus daraufhin zu deuten, dass genau unsere Mütter und Väter einen gesellschaftlichen Umbruch darstellen. Mittlerweile geht die Anzahl der Scheidungen übrigens wieder zurück – 2017 ist die Rate sogar auf 37,6 Prozent gefallen. Das liegt wohl zum einen daran, dass Menschen immer später heiraten und damit meist mehr Erfahrung in Sachen Beziehung haben. Zum anderen könnte diese Entwicklung davon beeinflusst sein, dass viele Ehen mittlerweile erst nach langjährigen Beziehungen und weniger überstürzt geschlossen werden. Zwei Kriterien, die die Ehen unsere Eltern eben meistens nicht erfüllt haben.

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Quelle: Noizz.de