Adam und Eva, der Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies – keine andere biblische Erzählung aus der Schöpfungsgeschichte prägt unser patriarchalisches Gesellschaftsbild und auch Gender-Klischees bis heute mehr. Die Sache mit Mann und Frau als Urmenschen klingt logisch, aber ist sie es in der sinnbildlichen Lesung wirklich oder haben wir da was konstruiert?

"Gott schuf den Menschen als Mann und Frau" – so steht es im ersten Buch Mose in der Bibel geschrieben. Bis heute wird vor allem diese Textstelle von bibelfesten Christen und Anti-Queer-Gruppierungen herangezogen, um eine eindeutige Zweigeschlechtlichkeit zu belegen – und dass es nach Gottes Willen nur diesen einen richtigen Lebensweg gibt. Das eben nur Mann und Frau zusammen gehören.

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Schon als kleines Kind bin ich mit diesem Schöpfungsbild groß geworden: Adam, der erste Mensch auf Erden, von Gott aus der Erde geformt, Eva sein Ebenbild, aus der Rippe entsprungen. Ich bin auf eine katholische Grundschule gegangen, im Religionsunterricht haben wir Bilderbücher mit dieser Geschichte durchgenommen, ich sehe die Illustrationen noch heute vor mir.

Michelangelos Darstellung des Sündenfalls in der Sixtinischen Kapelle

Mittlerweile hat sich mein Religionsbild verändert

Für mich ist die Bibel spätestens seit meiner Jugend eher ein Deutungswerk, ein metaphorisch-sinnbildlicher Versuch, sich die Welt mit damaligen Mitteln zu erklären und Werte zu vermitteln. Und darin kann durchaus auch noch heutzutage ein Erkenntnisgewinn liegen, wenn man sich mit der "Heiligen Schrift" auseinandersetzt – ganz historisch und in Kontexten. Dafür muss man weder katholisch noch evangelisch sein, das geht auch als Atheist erstaunlich gut. Auch die Sache mit Adam und Eva stellt sich dann in einem völlig neuen Licht dar.

Wen man sich mit der Bibel intensiver beschäftigt, also sie nicht nur in der Kirche vorgelesen bekommt oder sie selber einfach so mal wie einen Roman runter liest (viel Spaß, bei je nach Ausgabe rund 1.200 Seiten), muss man einiges Wissen zusätzlich anhäufen, um zu verstehen, woher die Geschichten und auch das darin enthaltene Menschenbild stammen. Das Alte Testament, in dem wir auch die Geschichte von Adam und Eva nachlesen können, hat seinen Ursprung in der jüdischen Welt.

Die Texte wurden auf Hebräisch verfasst, später gelangten sie über Griechenland nach Europa. Dabei wurden sie vom Hebräischen ins Altgriechische übersetzt. Um die Schriften, die alle auf dem Glauben beruhen, dass es da oben einen Gott gibt, der alles lenkt, bei den Vielgöttern gewohnten Griechen populär zu machen, wurden einige Stellen in der Übersetzung in künstlerischer Freiheit angepasst. Und entsprechen so in etwa dem, was wir Christen als Bibel kennen. Das könnt ihr euch etwa so vorstellen, wie man heute einen Spotify-kompatiblen Hit komponiert.

Auszug aus den Qumranschriften, einem biblischen Urtext, die zwischen 1947 und 1956 in elf Felshöhlen am Toten Meer gefunden wurden.

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Zwischen urbiblischen Text und unserem heutigen Bibeltext gibt es also einige Unterschiede

So finden sich im hebräischen Urtext durchaus auch sehr diverse Vorstellungen von Sexualität, Partnerschaft und Familie. Im ersten Buch Ruths wird etwa die Geschichte von Ruth und der verwitweten Noomi erzählt, die in einer Liebesbeziehung und eheähnlich miteinander leben. In den Passagen finden sich mehrere Parallelen in den Formulierungen zur Schöpfungsgeschichte von Adam und Eva: Während Adam "seinen Vater und seine Mutter verlässt" und seiner Frau "fest anhängt", verlässt dort Ruth ihre Eltern, um "fest an Noomi" zu hängen. Die Beziehungen sind textlich also als gleichwertig gekennzeichnet.

Aber zurück zu Adam und Eva selbst: Vielleicht sind die beiden Lichtgestalten des Schöpfungsmythos gar nicht so explizit männlich und weiblich, wie wir dachten. Ich meine, ja klar, rein biologisch gesehen müssen sie das natürlich, wenn nach ihnen noch ein Dutzend anderer Menschen die Erde bevölkern sollen. Aber der reine Mehrwert dieser Schöpfungsgeschichte lässt sich durchaus diverser betrachten, als wir das vielleicht getan haben.

Wandrelief von Adam und Eva am Dom von Orvieto

Dazu vielleicht zu Beginn ein Blick auf den hebräischen Wortursprung von "Adam". "אָדָם", so das hebräische Schriftbild, hat gleich mehrere Bedeutungen: zum einen eben "Mann", aber auch "Mensch", "Menschheit" oder total nonbinär – "jemand". Schauen wir uns deswegen auch noch mal den Urtext von der Rippen-Anekdote an. Darauf beruht ja irgendwie auch so manch verstaubte Ansicht, dass Frauen nur ein Teil des Mannes sind, ihm also irgendwie unterwürfig sein müssten. Denn ohne Mann gebe es schließlich keine Frau.

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Die verflixte Rippe ...

Im Tanach, so nennt man im Judentum die Sammlung der Schriften des Alten Testaments, heißt es, das Gott dem Wesen [Adam] eine ganze Seite entnimmt und nicht nur eine Rippe, wie es in den meisten späteren Übersetzungen heißen wird. Aus dieser Hälfte entsteht der andere Mensch. Martin Luther übersetzt das in der ersten deutschsprachigen Bibelversion noch sperrig mit "Mann und Männin".

Das mag der ein oder andere jetzt natürlich als sexistisch werten – war es den Kontexten der Zeit geschuldet wohl auch. Es impliziert aber auch: Vielleicht war das Wesen, also Adam, vorher offenbar zweigeschlechtig, androgyn oder intersexuell. Das passt auch zu einigen antiken griechischen Mythenvorstellungen, die aus der urchristlichen Zeit stammen.

Nochmal Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle – diesmal wie Eva aus der Rippe geschaffen wurde.

Und auch heute noch belegen viele rabbinische Texte diese Deutung, die zeigt, dass man durchaus wusste, dass es Menschen gibt, deren Geschlecht nicht eindeutig ist. Man nannte sie "Androgynos". Und auch wenn man sich die Darstellungen Jesus, als Gottes Nachfolger auf Erden in der christlichen, neutestamentlichen Erzählungen anschaut, wird man schnell darauf stoßen, dass vieles davon eher nicht heterosexuell normativ ist.

Jesus ist ein diverser Mann, vielleicht nicht homosexuell, aber auch in der damaligen Zeit war es nicht unbedingt "normal", dass ein junger, jüdischer unverheirateter Mann mit zwölf anderen Bros durch Galiläa pilgert, mit Prostituierten chillt und viele eher weiblich assoziierte Sachen unternimmt.

Was also die Sache mit Adam und Eva betrifft: Am Ende haben wir über Jahrhunderte hinweg unsere Deutungsweisen verschoben und aus einem universalem Kontext, einen geschlechtlichen geschaffen. Wie gesagt, rein biologisch können Adam und Eva natürlich nur Mann und Frau sein. Aber auf der Deutungsebene sollten wir uns vielleicht öfters auf eine diversere Lesart berufen, die zeigt, welche wundersamen Wesen wir sind – aber auch welche Fehler wir haben. Sprichwort: Apfel. Und dann ist der Sündenfall auf einmal kein weibliches Problem mehr, sondern ein rein menschliches. Sachen gibts.

Quelle: Noizz.de