Gerade während der Corona-Pandemie hat die Video-Plattform TikTok von neuem Aufschwung profitiert. Doch die dort verwendete Komik beruht oft stark auf Gender-Stereotype. Entwickelt sich die Gesellschaft wieder zurück?

Männer sind gefühllos und wollen nur Sex, haben Angst vor Bindung und müssen zur Beziehung überredet werden. Frauen achten andauernd auf ihr Aussehen, wollen teure Geschenke von ihrem Freund und träumen von der perfekten, unrealistischen Liebesbeziehung. So oder so ähnlich lebten die meisten Menschen vor noch 70 Jahren – und Kinder und Jugendliche auf TikTok heute.

Das Phänomen ist erschreckend.

Ich bin 21 Jahre alt. Ein Alter, das ganz knapp die Generation TikTok verpasst hat. Meine Freunde und ich machen Witze darüber, dass wir gar nicht wüssten, wie man einen TikTok macht, dabei wissen wir es natürlich ganz genau; distanzieren uns nur aus Scham. Ich betrachte mit einer Zoo-artigen Bewunderung Jugendliche im Park, die starr fixiert eine Choreografie in ihr Handy tanzen. Von außen sieht es merkwürdig aus – doch in der App gehörst du dazu. Aus Neugierde habe ich mich selber mal in die Tiefen des TikTok-Universums begeben. Und will direkt wieder abhauen.

Um mich herum finde ich heftig geschminkte junge Mädchen, die maßlos damit angeben, dass ihr Freund sie über Snapchat als "hübscheste Prinzessin von allen" beschrieben hat (nachdem sie explizit danach gefragt hat, welche Prinzessin am schönsten ist).

Junge Mädchen, die verschiedene Posen vorführen, in der du in der Öffentlichkeit deinen Po am besten zur Schau stellst und Mädchen, die stolz zeigen, wie sie ihren Freund an sich gebunden haben, obwohl er es zuvor nicht wollte.

Ich sehe Typen, die sexuelle Übergriffigkeit verharmlosen und es fast so darstellen, als wenn es Frauen gefallen würde, in der Öffentlichkeit ungefragt angefasst zu werden.

Typen, die erschrocken von einem Hochzeitsring wegspringen und welche, die geduldig im Bett sitzen und nur darauf warten, dass ihre Freundin sich auszieht.

What. The Fuck. Wo bin ich hier denn gelandet?

Dabei befindet sich die Gesellschaft doch eigentlich gerade im Aufbruch

Auf TikTok scheint wieder das Jahr 1950 eingetreten zu sein. Dabei ist in der Zwischenzeit eigentlich so viel passiert. Frauengehälter werden angepasst, Quoten (ob sinnvoll oder nicht) werden eingeführt. Es wird auf die hohe Selbstmordrate bei Männern aufmerksam gemacht, da gerade ihre Emotionen gesellschaftlich unterdrückt werden. Nun lernt die Gesellschaft langsam, dass Männer auch Schwäche zeigen können und Frauen, dass sie Stärke zeigen können. "Du kannst alles sein" wird Kindern mit einer neuen Aufrichtigkeit eingeflößt. Wie kann es also sein, dass auf TikTok das Thema Gleichberechtigung wieder vier Schritte zurücknimmt, und die Videos sich fast ausschließlich an einer stark ausgeprägten Stereotypen-Komik bedienen?

Haben Jugendforscher die Antworten?

In der Suche nach Antworten habe ich mich an die Jugendforschern Klaus Hurrelmann und Simon Schnetzer gewendet. Ich zeige ihnen eine Reihe von (aus meiner Sicht) verstörenden TikToks. Was für mich ein Beweis ist, dass die Gesellschaft den Bach runter geht, ist für Hurrelmann ein ganz natürlicher Prozess.

Symbolbild: Jugendliche auf TikTok

Die Gesellschaft entwickelt sich ganz natürlich manchmal zurück

"Kaum hat man mal einen (gesellschaftlichen) Durchbruch erzielt, merkt man, dass irgendwo anders kräftig dagegen gesteuert wird", erklärt der "Public Health"-Professor. Für ihn bewegen sich soziale Strukturen immer als Wechselwirkung. Wo ein Fortschritt erzielt wurde, wird es auch wieder einen Rückschritt geben. In dieses Schema passt auch das TikTok-Phänomen gut rein.

Die U20-Generation habe (noch vor Corona) hervorragende berufliche Aussichten gehabt, sagt Hurrelmann. Der Bildungsgrad von Frauen ist erheblich gestiegen, sie überholen sogar den der männliche Mitschüler. Da ist ein Rückschritt im Gegenzug gar nicht so unwahrscheinlich. Aus seinen Augen bewegt sich die Gesellschaft nämlich immer nach vorne UND zurück im Wechsel. Da TikTok schlussendlich auch nur ein Ebenbild der Gesellschaft ist, erklärt er sich so die starke Ausprägung von Stereotypen auf TikTok.

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Pubertierende Menschen sind anfälliger für Stereotype

Doch nicht nur die Vor-zurück-Entwicklung der Gesellschaft kann auf TikTok dazu führen, dass Gender-Stereotype auf der Plattform gefeiert werden. Auch das niedrige Alter der User*innen führt dazu, dass sie sich mehr an Stereotypen entlang hangeln. Über 38 Prozent der US-TikTok-Nutzer*innen sind jünger als 20. Damit führt diese Altersgruppe die Statistik deutlich an – und erklärt auch, warum so viele vorgefertigte Rollenbilder auf TikTok zu sehen sind. Hurrelmann erklärt, dass, je gebildeter und selbstständiger ein Mensch ist, desto mehr macht sich dieser Mensch auch Gedanken darüber, wie er sich und seine Identität gestalten möchte. Dieser Entwicklungsprozess setzt meist erst nach der Pubertät ein.

Symbolbild: Jugendliche auf TikTok

Jugendforscher Simon Schnetzer glaubt auch, dass Jugendliche beim Verfallen in "traditionelle" Rollenbilder glauben, "möglichst wenig falsch zu machen". "Junge Menschen suchen nach Anerkennung für ihr Selbstbild in sozialen Netzwerken und taktieren, in dem sie das Risiko dafür gedisst zu werden minimieren", so Schnetzer.

Wer sich einem Stereotyp bedient, "gehört dazu"

Auch die therapeutische Wirkung von Stereotypen sollte nicht unterschätzt werden. Schnetzer vermutet, dass sich TikTok-User*innen auch an Gender-Stereotypen bedienen, um sich besser zu fühlen. Wenn es um Beziehungsprobleme geht, dann hilft es zu behaupten, dass "Männer" scheiße sind – und damit viel Zuspruch von einer großen Community im Mainstream ernten. "Es ist immer einfacher, sich so zu verhalten, wie andere es tun und damit gut ankommen, als vom Mainstream abzuweichen", sagt Schnetzer.

Werden Gender-Stereotype jetzt wieder zur Norm?

Trotz allem können die Jugendforscher meine Befürchtung vor einer neuen Generation an unterdrückten Hausfrauen und überstrapazierten Geschäftsmännern erstmal beruhigen. "Nichts ist schlimmer, als wenn eine moderne Gesellschaft von Stereotypen gezeichnet wird", findet Hurrelmann. Doch die Gesellschaft findet sich nicht in einem stetigen Rückschritt – sondern sie atmet. Immer ein bisschen nach vorne, und dann wieder ein bisschen zurück. Da aber der allgemeine Bildungsgrad von Kindern und gerade von Frauen steigt, sieht er darin eine Vergewisserung, dass gebildete Frauen in Zukunft weniger anfällig für Stereotype sein werden.

Zwar ist TikTok ein Spiegel der gesellschaftlichen Werte, doch auch Simon Schnetzer schätzt die dortigen Gender-Stereotype zwar als "prägend", aber nicht als "gefährlich" ein. Zur Entwicklung der Persönlichkeit gehört nämlich in erheblichem Maß das persönliche Umfeld, so Schnetzer.

Die wahre Gefahr liegt also wohl er darin, wenn Stereotype im Umfeld von jungen TikTok-Nutzern vertreten werden. Und wenn es sich so verhält, wie Klaus Hurrelmann gesellschaftlichen Fortschritt erklärt – drei Schritte nach vorne, zwei zurück – dann kann es wohl noch einige Zeit dauern, bis sich junge Menschen ganz frei von vorgefertigten Rollenbildern ihre Identitäten zurechtschneidern können.

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Quelle: Noizz.de