Geld ist in Deutschland noch immer ein Tabuthema. Wenn man nicht gerade ein protziger Rapper oder ein Rich-Kids im Format "Wie viel ist dein Outfit wert?" ist, redet man nicht über Kohle – so ist das eben. Dabei will ich doch nur wissen, wie viel Geld du eigentlich verdienst, was ist daran so schlimm!?

"Wie viel verdienst du eigentlich als Senior?", fragte ich vor einigen Jahren eine Kollegin aus der Redaktion, in der ich Praktikum machte. Ich wollte einfach nur wissen, ob sich der Weg in den Journalismus lohnt oder ob man da ausgebeutet wird – wie beispielsweise im Friseurberuf. "Man kommt gut damit zurecht", oder etwas ähnlich Banales antwortete sie mir. Damit wollte ich mich nicht zufrieden geben, schließlich bringen mir für meine Kalkulation nur "cold hard facts" etwas. "Hm, okay. Und wie viel ist das dann so?", frage ich ungeniert erneut. "Naja es gibt einen Tarifvertrag und es ist etwas weniger", bekomme ich zu hören. SPUCK ES EINFACH AUS, denke ich mir.

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Wenn ich einkaufen gehe, dann steht da genau, wie viel Geld ich für dieses oder jenes Lebensmittel ausgeben muss. Wie viel ein Flug nach Australien kostet, das kann ich meine backpackende Freundin ebenfalls einfach so fragen. "Wie viel kostet noch mal deine Wohnung und wie viel Quadratmeter hat sie?" – noch eine Nachfrage, die eigentlich immer ohne Zögern oder Rumdrucksen beantwortet wird. Wie viel man für eine Jeans ausgegeben hat, meines Wissens auch tabulos. Warum zur Hölle will dann niemand über sein/ihr Gehalt reden?

Woher die Scham kommt, über das eigene Gehalt auszupacken? Keine Ahnung

Hat es vielleicht damit zu tun, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft der eigene Wert auf der Kohle, die wir verdienen, basiert? Oder daran, dass man sich schämt, wenn es weniger ist, als das Gehalt vom Gegenüber, oder dass man Angst hat, dass man arrogant rüberkommt, wenn es mehr ist, als alle anderen gedacht hätten? Dieses Konzept, dass unsere Gesellschaft um Gehaltszahlen herumgestrickt hat, funktioniert – allerdings nur für Arbeitgeber*innen, nicht Arbeitnehmer*innen.

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Viel zu lange wurde die Tabuisierung ausgenutzt, um Frauen und Minderheiten weniger Geld zu bezahlen. War ja auch egal, sie oder er hätte sich ja eh nie getraut, Kolleg*innen zu fragen, ob sie auch nur 2.000 Euro im Monat bekommen, obwohl sie schon fünf Jahre in der Firma arbeiten. Soziale Codes eben. Ein einfacher Weg, für Chefs zu diskriminieren. Wenn wir, als verschriene "Generation Praktikum", endlich faire Bezahlung für unsere Arbeitskraft wollen, dann müssen wir das ändern – sofort.

Nix mehr mit peinlich berührt sein, weil man ein bisschen mehr verdient, als die Freundin, sondern ihr dabei helfen, ebenfalls einen fairen Lohn zu verhandeln. Nix mehr mit viel zu niedrige Gehälter vor anderen verheimlichen, weil es einem unangenehm ist, dass man sich in einer Situation befindet, in der man auf den Job angewiesen ist oder keine Mittel hatte, um zu verhandeln.

Unser Wert als Mensch bemisst sich nicht durch unseren Lohn, der Wert unserer Gesellschaft allerdings schon

Nur wenn wir Zahlen auf den Tisch packen, können wir auch Missstände in Lohnunterschieden zwischen Kolleg*innen erkennen und ansprechen oder uns gegen lächerlich niedrige Praktigehälter (Beispiel: 77 Cent Essenzuschuss pro Tag) aufbäumen und für den Wert unserer Arbeitskraft einstehen. Wenn das nicht passiert und wir weiterhin verlegen schweigen oder rumdrucksen, dann ist es dieser Wirtschaft ein Leichtes, uns abzuziehen.

  • Quelle:
  • Noizz.de