NOIZZ hat mir am Donnerstag vor der #BlackLivesMatter-Demonstration einen Gastbeitrag angeboten. Ich war die ganze Woche schon komisch gestimmt. Es hat mich überfordert, dass jetzt plötzlich das ganze Land über ein Thema spricht, dass ich und meine Leute schon seit Jahren in den Vordergrund stellen wollen.

Ich bin als Deutscher auf die Welt gekommen und lebe in diesem, meinem Land seit 2006. Bis heute bekomme ich jeden Tag von meinen Mitbürger*innen zu spüren, dass ich angeblich anders sei. Ich bin so berührt von dem Zuspruch, den wir zur Zeit erhalten. Ich habe aber auch einfach Angst und bin skeptisch.

>> Hör bitte auf so zu tun, als sei Rassismus nur ein Problem der anderen!

"Wir wollen uns auch geschützt fühlen"

Ich sehe den ganzen Aktivismus hier im Internet und hoffe einfach so sehr, dass er ernst gemeint ist. Ich hoffe so sehr, dass das nächste Mal, wenn mir ein Hitlergruß am Flughafen Tegel gezeigt wird oder ich gebeten werde, mir einen Platz in der zweiten Klasse zu suchen (trotz eines Tickets der 1. Klasse) oder Menschen ihre Handtaschen an sich reißen, wenn ich mit meinem Vater die Straße entlang laufe oder wenn "Kollegen*innen" sagen, ich würde meine Rollen nur bekommen, weil ich schwarz bin oder ich ausgelacht werde, weil ich kein Blackfacing am Set toleriere, dass ein weißer Mitbürger, eine weiße Mitbürgerin, aufsteht und für mich Wort ergreift.

Aktivist*innen und Polizist*innen bei der Demonstration am Alexanderplatz in Berlin

Ich würde mich so freuen. Ich würde mich so stark fühlen. Das ist mir bis heute noch nie passiert. Noch nie. Wir wollen auch geschützt werden. Wir wollen uns auch sicher fühlen.

Egal, was passieren sollte, muss ich betonen, wie verliebt ich bin in meine deutschen Schwestern und Brüder.

Und an alle anderen, passt auf euch auf. Bleibt gesund.

Langstons Rede bei der Silent Demo am Alexanderplatz

Am Freitag stand fest, dass ich im Rahmen der Demonstration am Samstag sprechen und ein Gedicht des US-amerikanischen Dichters Langston Hughes (1902-1967) vortragen konnte. Hier möchte ich meine Rede noch einmal mit euch teilen.

Langston (Mitte) auf der Bühne der Silent Demo in Berlin

Berlin, Alexanderplatz Samstag, 06.06.2020 (15:40)

"I, too, sing America.

I am the darker brother.

They send me to eat in the kitchen

When company comes,

But I laugh,

And eat well,

And grow strong.

Tomorrow,

I’ll be at the table

When company comes.

Nobody’ll dare

Say to me, “Eat in the kitchen,”

Then.

Besides,

They’ll see how beautiful WE are

And be ashamed—

I, too, am America.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Familie,

Ich bin so froh heute hier zu sein. Ich bin so froh heute mit euch hier zu sein. Ihr seht so gut aus. Guckt euch mal um, wie gut ihr aussieht und ich hoffe so sehr, dass uns jetzt mal zugehört wird. Langston Hughes hat dieses Gedicht 1925 in Amerika veröffentlicht. Jetzt stehe ich hier hundert Jahre später mit dem gleichen Namen und genau dem gleichem Problem. Uns geht es immer noch genauso. Und ja, auch in Deutschland. Wir sind müde, wir sind erschöpft und wir haben keinen Bock mehr. Wir haben keinen Bock mehr. Und by the way, 'we can’t breathe'. Ich habe Berlin original noch nie so schön gesehen. Vielen vielen Dank, dass ihr hier seid."

>> Du willst für #blacklivesmatter spenden, hast aber kein Geld? So easy kannst du via YouTube helfen

Quelle: Noizz.de