Der Kapitalismus ist sexistisch: Friseursalons liefern den Beweis. Denn beim Haarschneiden zahlen Frauen meist mehr als Männer, und das wegen ihres Geschlechts. Warum diese uralte Praxis nicht nur finanziell betrachtet bescheuert ist, sondern auch diskriminierend ist, lest ihr hier.

Deos. Haarshampoo. Rasierer. Alles, was scheinbar nach Geschlecht vermarktet werden kann, wird es auch. Bei zahlreichen Produkten, die sich eigentlich ähnlich sind, unterscheiden sich Image und Preis nur nach dem Geschlecht des/der Käufer*in. Bei Dienstleistungen wie Haarschneiden sieht es meist genauso aus. Nicht der Aufwand, sondern das Geschlecht bestimmt, wie viel jemand für eine neue Frisur zahlen muss.

Um dieser Marketingstrategie entgegenzuwirken, hat New York am 30. September ein neues Gesetz eingeführt, das geschlechtsspezifische Preisgestaltung verbietet. Der Bundesstaat will dadurch Geschäfte und Unternehmen anregen, ihre Preise anhand der finanziellen Kosten, der Arbeitszeit oder dem Arbeitsaufwand einer Dienstleistung zu berechnen. Vermutlich wird das Gesetz auch Haarsalons treffen, in denen bis heute noch häufig zwischen Damen- und Herrenschnitten unterschieden wird. Handelt es sich bei dieser Praxis um Diskriminierung – und wird es langsam Zeit, dass Deutschland auch ein solches Gesetz einführt?

Symbolbild: Friseursalon

Frauen zahlen durchschnittlich mehr als Männer – für die gleiche Frisur

Dass der Kapitalismus sexistisch ist, wundert die meisten schon lange nicht mehr. Verwunderlich ist aber, dass es uns beim Haarschneiden fast gar nicht auffällt. Wir sind es von Kind auf gewöhnt, entweder zum Frauen- oder zum Männerfriseursalon zu gehen. Selbst die unterschiedlichen Preise nehmen wir einfach so hin: Laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) aus 2017 zahlen Frauen für einen vergleichbaren Kurzhaarschnitt 12,50 Euro mehr als Männer.

Zusätzlich sind unsere Annahmen übers Frisieren von Vorurteilen und Schönheitsidealen geprägt. Damenfrisuren seien "aufwendiger" als Herrenfrisuren, so die gängige These bei vielen Haarsalons, außerdem seien Frauen "anspruchsvoller" als Männer. Gerade der zweite Punkt lässt sich jedoch leicht zurückweisen, denn statistisch betrachtet gehen Männer öfter zum Friseur. 2017 lag die jährliche Zahl der Friseurbesuche in Deutschland bei Männern durchschnittlich bei 8,1. Frauen wiederum besuchten ein*e Friseur/Frisöse im Durchschnitt nur 7,7 Mal im Jahr. Woher stammen diese Vorurteile also?

Eric Fattler aus dem Berliner Haarsalon "Zu den Schnittigen" meint, er könne sich das nur so erklären: "Die Idee der klassischen Damen-Frisur ist ein Überbleibsel der 60er und 70er Jahre. Da hat man bei Frauen geföhnt und bei Männern quasi trocken gepustet."

Aus seiner eigenen Erfahrung kann der Berliner Friseur bestätigen, dass der Hauptsatz des aufwendigen Damenhaarschnitts oftmals während der Ausbildung zum Friseur/ zur Frisöse vermittelt wird. Dabei wurde in den Salons, wo er später gearbeitet hat, nicht mehr zwischen Männer und Frauen differenziert.

Der Grund dafür ist naheliegend: Es entspricht der derzeitigen Realität einfach nicht mehr. Sowohl Menschen, die sich als Männer, Frauen oder nicht-binär definieren, lassen sich die Haare waschen, schneiden, färben und föhnen. Eric legt es anhand von Beispielen dar: "Die Frisur bei einem Mann kann dreimal länger dauern als bei einer Frau, wenn der Mann sehr akribisch ist. Im Gegenzug dazu gibt es Damen, die ihre Haare selber föhnen und kurz haben wollen."

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Preisgestaltung nach Geschlecht ist Diskriminierung

Der Diskussion halber spiele ich kurz des Teufels Anwalt. Unsere Beobachtungen bisher basierten auf der kunterbunten, progressiven Stadt Berlin. Ist es nicht möglich, dass die Lage woanders in Deutschland ganz anders aussieht? Vielleicht stimmt es sogar, dass sich bundesweit tendenziell eher Frauen eine zeit-, kosten- und arbeitsaufwendige Frisur geben lassen als Männer. Hieraus sollte aber das eigentlich entscheidende Merkmal bei der Preisgestaltung schon hervorgehen, nämlich der Aufwand für die Dienstleistung.

Symbolbild: Friseur

"Unter Friseuren gilt die Faustregel: pro Minute ein Euro," sagt Eric. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Kinder-, Frauen- oder Männerhaare sind. Wer seine Preise anders berechnet, begeht Diskriminierung. Eine ähnliche Ansicht vertritt auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. 2017 erklärte die Leiterin, Christine Lüders: "Wenn eine Person allein wegen ihres Geschlechts mehr zahlen muss, dann verstößt das im Grundsatz gegen das Diskriminierungsverbot."

Damen- und Herrenpreise grenzen nicht-binäre und trans* Personen aus

Dort hört die Diskriminierung aber nicht auf. Durch die zweigeschlechtliche Vermarktung des Haarschneidens werden nicht-binäre oder trans* Personen finanziell eingeschränkt und ausgrenzt. Daran wollen Geschäfte wie "Zu den Schnittigen" etwas ändern. Der am S-Bahnhof Schönhauser Allee gelegene Friseursalon richtet seine Preise nach der benötigten Arbeitszeit einer Frisur und nicht nach der Geschlechts-Identität des/der Kund*in. "Nicht-binäre und trans* Personen lieben uns dafür", freut sich Eric.

Und Sidenote: In Deutschland ist es in keiner Branche erlaubt, die Geschlechtsidentität eines Menschen zu missachten. Warum sollte das bei Friseursalons also üblich sein? Der Berliner Haar-Stylist sagt da klar: "Friseure haben nicht das Recht, das Geschlecht zu bewerten."

Selbst zu behaupten, dass es "rein finanziell betrachtet" mehr Umsatz bringt, wenn man nach Damen- oder Herrenfrisuren die Preise bestimmt, ist fragwürdig. Schließlich grenzt man damit potenzielle Kund*innen aus. "Wer von dem geschlechtsbasierten Auspreisen weg geht, hat bessere Chancen an der Kasse", behauptet Eric.

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Veränderung ist in Deutschland also nicht nur zwingend notwendig. Es wäre auch für alle Beteiligten von Vorteil: Kund*innen würden gerecht und gleichgestellt behandelt werden, Friseure* und Frisösen* würden entsprechend ihres Aufwands vergütet werden. Die Frage ist, ob dieser Fortschritt hierzulande auf sozialer Ebene erreicht, oder nur gesetzlich geregelt werden kann, sowie in New York. Auf diese Frage weiß Eric Fattler zwar keine Antwort. Was er dafür weiß: "Es ist geboten und richtig, diesen Unterschied weg zu nehmen."

  • Quelle:
  • Noizz.de