Laut Friedrich Merz ist gendergerechte Sprache ein Luxusproblem. Deshalb hat er auch keine Lust, darüber zu sprechen. Zumindest nicht am letzten Sonntag in der Talkshow von "Anne Will". Warum er sich das aber vielleicht noch mal überlegen sollte.

Wie wollen wir leben? Darüber diskutierten der Vizekanzler und Kanzlerkandidat der SPD Olaf Scholz, die Grünen-Chefin Annalena Baerbock sowie der Kandidat um den CDU-Vorsitz und damit der mögliche Kanzlerkandidat der Union Friedrich Merz am Sonntag bei Anne Will. Es ging um die Schuldenbremse, Kurzarbeit und zu guter Letzt noch um Geschlechtergerechtigkeit. Will wollte von ihren Gäst*innen wissen: "Wie spricht man gendergerecht?" Merz antwortete:

"Wir diskutieren hier über 'Gläubiger' oder 'Gläubigerin'. Ich glaube, wir müssen auch vielleicht an dieser Stelle unsere Prioritäten mal etwas sortieren und ordnen." Denn er sei ja in die Sendung gekommen, um über die Zukunft und die großen Herausforderungen des Landes zu sprechen.

Anstatt seine Aussage mit Argumenten zu untermauern, beließ er es bei diesem Totschlagargument. Eine Diskursstrategie, die Gegner*innen des Genderns übrigens immer wieder nutzen. Merz wischt das Thema mit einem "Wir haben im Augenblick ein paar andere Probleme, die wir lösen müssen" weg. Gleichzeitig schwingt er sich damit zum Rationalisten der Runde auf, zur vermeintlichen Stimme des normalen Volkes, das mit diesem Gender-Gaga sowieso nichts anfangen kann.

Wo Merz recht hat

Wenn es um das Thema Geschlechtergerechtigkeit geht, greifen Medien tatsächlich immer und immer wieder das Gendern auf. Dabei vermitteln sie schnell den Eindruck, als würde sich der Kampf um Gleichheit an der Frage des Gendersternchens entscheiden. Als hätten die meisten Feminist*innen das Gendern an oberster Stelle ihrer Agenda gesetzt und würden dafür Themen wie häusliche Gewalt oder Chancengleichheit am Arbeitsmarkt ignorieren.

Diese Verzerrung der Wirklichkeit nehmen Medien gerne in Kauf, denn sie generiert Aufmerksamkeit. Bisweilen erscheint es, als würde kein anderes Thema die Deutschen so sehr in Wallung bringen wie die geschlechtergerechte Sprache. Ein Blick in die Kommentarspalten von Artikeln, die das Gendern thematisieren, genügt. Sie sind prall gefüllt mit Sätzen wie "Haben wir keine größeren Probleme in diesem Land?" oder "Uns scheint es zu gut zu geht". Es ist genau die Argumentation, der Friedrich Merz sich in der Talkrunde am Sonntag bediente. Merz, der CDU-Chef werden möchte, hat beim Thema Gendern nicht anderes als ein paar Stammtisch-Parolen zu bieten. Um eine fundierte Medienkritik ging es zumindest nicht.

Moment mal: Haben wir denn nicht wirklich größere Probleme?

Und ja, natürlich hat Friedrich Merz auch recht, wenn er sagt, dass wir momentan drängendere Probleme haben. Die Sache ist: Es hat auch nie jemand das Gegenteil behauptet. Allerdings wird es immer Themen geben, die akuter sind, die größer sind, die krisenhafter sind. Aber jemand, der die Geschicke des Landes in den Händen halten möchte, sollte ein bisschen Multitasking draufhaben. Natürlich muss die derzeitige Regierung momentan vor allem die Corona-Krise in den Griff bekommen. Das befreit sie allerdings nicht davon, sich um den schwelenden Rassismus in Deutschland, die desolaten Straßen oder die Verödung der ländlichen Gegenden zu kümmern.

Dass Merz kein Freund des Genderns ist, dürfte natürlich die wenigsten überraschen. Anstatt zu argumentieren, stempelt er die geschlechtergerechte Sprache als Luxusproblem ab. Dabei gibt es natürlich Argumente, die gegen das Gendern sprechen. Denn: Ja, das Gendern macht unsere Sprache komplizierter und unsere Texte länger. Zudem wäre das Gendern ein direkter Eingriff in den Sprachgebrauch mit dem Ziel, die Welt ein bisschen inklusiver und damit gerechter zu machen. Zwar wandelt sich Sprache ständig. Jedoch passt sie sich in der Regel schrittweise gesellschaftlichen Veränderungen an. Somit erscheinen diese Änderungen fast schon natürlich und weniger menschengemacht.

Zudem ist selbst unter Befürworter*innen des Genderns unklar, wie Inklusivität in der Sprache am besten ausgedrückt werden kann. Das erklärt die zahlreichen Möglichkeiten des Genderns: Binnen-I, Unterstrich und Sternchen um ein paar zu nennen. Zudem haben laut einer Infratest-Dimap-Umfrage im Auftrag von "Welt am Sonntag" 56 Prozent der Deutschen schlicht und ergreifend keinen Bock aufs Gendern. Wenn Merz gewollt hätte, hätte er also tatsächlich Argumente liefern können.

Zudem, so ein weiteres Gegenargument, sind mit dem generischen Maskulinum, also der maskulinen Personenbezeichnung, sowieso schon alle Geschlechter mitgemeint. Das mag zwar auf rein grammatikalischer Ebene stimmen. Auf der kognitiven sieht es allerdings ganz anders aus.

In einer Studie forderten Forscher*innen eine Gruppe von Teilnehmer*innen dazu auf, entweder "drei Sportler", "drei Sportler und Sportlerinnen" oder "drei SportlerInnen" zu nennen. Das Ergebnis: Wurde die Frage im generischen Maskulinum formuliert, nannten die Teilnehmer*innen mehr Männer, als bei den gegenderten Varianten. Hören Personen nur das generische Maskulinum, stellen sie sich also eher einen Mann vor.

Eine Studie aus dem Jahr 2015 hat zudem untersucht, wie sich gegenderte Sprache auf die Berufswünsche von Kindern auswirkt. 600 Kinder sollten einschätzen, ob sie sich zutrauen, einen bestimmten Beruf auszuüben. Die Kinder schätzten die Möglichkeit, selbst einen bestimmten Beruf erlernen zu können, deutlich höher ein, wenn zuvor mit gendersensibler Sprache über die jeweiligen Personen in dem Beruf gesprochen wurde, als bei der Verwendung des generischen Maskulinums.

Das unterstreicht die Annahme vieler Gender-Wissenschaftler*innen, dass unsere Sprache die Realität nicht nur widerspiegelt, sondern aktiv formt. Ausgehend von dieser Erkenntnis könnte eine geschlechtergerechte Sprache also tatsächlich dazu beitragen, männlich dominierte Berufe weiblicher werden zu lassen.

Natürlich wird ein Gendersternchen oder ein Binnen-I die Benachteiligung von Frauen nicht aus der Welt schaffen. Hätten wir aber schon immer von Politker*innen anstatt nur von Politikern gesprochen, säßen heute möglicherweise mehr Frauen im Parlament und im Kabinett. Hätten wir schon immer von Chef*innen gesprochen anstatt nur von den Chefs, säßen heute vielleicht mehr Frauen in den Vorständen deutscher Unternehmen.

Das kann Merz natürlich mit einem “Wir haben im Augenblick ein paar andere Probleme" abtun. Kanzlerformat beweist er damit allerdings nicht.

>> Liebes Deutsch, wir brauchen endlich ein geschlechtsneutrales Pronomen!

  • Quelle:
  • NOIZZ.de