Lesbos versinkt mehr und mehr im Chaos und Gewalt, ein Zustand den wir dank Corona aktuell sehr schön aus den Augen verlieren können. Doch während man sich in ganz Europa noch darüber streitet 1.500 Kinder zu verteilen, wird fast stündlich klar, was die jahrelange Scheuklappenpolitik der EU und Griechenland selbst für faschistische Früchte trägt und die Insel in ein absolutes Ausnahmegebiet verwandelt.

Ich telefoniere mit meiner Studienfreundin Svenja. Sie arbeitet seit einigen Monaten auf Lesbos in dem kleinen Camp Pikpa , nicht nur, um zu helfen, sondern auch als politischer Akt. Seit dem die türkische Grenze geöffnet wurde, bekommen auch die NGOs den Zorn der griechischen Bevölkerung zu spüren und ihr Hass prasselt, ungebremst von der Polizei, auf die Schutzbedürftigen und Helfer*innen nieder. Ich schreibe ihr fast täglich, um zu erfahren, wie es ihr geht. Klar trifft mich die Lage des lauten Fremdenhasses, klar macht es mich sprachlos, dass seit 2016 das gigantische Camp Moria in menschenunwürdigen Verhältnissen verharrt, doch zu diesem politischen Weltschmerz gesellt sich auch die Sorge um eine wunderbare, gute Freundin. Sie soll mir heute erklären, wieso auf Lesbos aktuell, alles eskaliert.

Frei wegen Corona

Wegen Corona hat sie gerade frei und viele NGOs sind schon evakuiert worden. "Wenn das hier losgeht, dann ist hier Feierabend. Weil dann der Kampf losgeht, um die Krankenhausplätze und wer wann behandelt wird, dann endet das in einem Gewaltspektakel. Wir haben alle wirklich, wirklich große Angst davor." Es gibt ein Krankenhaus auf der Insel, das für die Versorgung aller Inselbewohner*nnen und der mehr als 20.000 Geflüchteten zuständig ist. Es sollen derzeit wohl einige Vorkehrungen und Schutzmaßnahmen getroffen werden, doch das wird wohl kaum ausreichen, um gerade die Menschenmassen, die auf engstem Raum leben, vor der Krankheit zu bewahren.

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Ich habe das Gefühl, dass meine Freundin diese Pause gerade wirklich braucht, um gemeinsam mit ihren Kolleg*innen die Geschehnisse der letzten Wochen verarbeiten zu können: "Vielleicht fahren wir in einen anderen Ort von der Insel. Mal schauen, das ist gerade ganz schön schwer, weil die Mietwagen immer demoliert werden." Ein Zustand, dem sie sich schon angenommen hat, auch dass Svenja auf der Straße beleidigt wird und ihr Dinge hinterhergerufen werden, gehörte schon vor den Ausschreitungen zum Alltag. Seit der Grenzöffnung der Türkei scheint die Anspannung und das Tränengas fast greifbar in der Luft zu stehen. "Zu dem Zeitpunkt war das Klima hier schon so unfassbar angespannt. Die Tage davor gab es sehr heftige Demonstrationen, weil hier ein Detention Center gebaut werden und Moria geschlossen werden sollte, und sowohl rechts als auch links dagegen protestiert haben. Und als dann die Nachricht kam, jetzt gehen die Grenzen auf, war völliger Ausnahmezustand."

Selbstjustiz auf Lesbos

Griechenland hatte geplant ein neues, geschlossenes Flüchtlingslager mitsamt Abschiebezentrum auf Lesbos zu errichten und Moria zu schließen. Doch sowohl von rechts als auch links führte das zu großen Protesten, beide Seiten gegen das weitere Festsitzen der Migranten auf der Insel. Athen hatte eine eigene Polizei-Truppe auf die Insel geschickt, um den Bau durchzusetzen, doch die Bewohner*innen und die gewaltvollen Proteste gegen die sogenannte Riot Police waren stärker. Als schließlich die Truppen aus Athen Lesbos resigniert verließen, wurde fremdenfeindliches Gemunkel zu lautem Gegröle und bestimmte vom einen auf den anderen Tag den Kanon der Selbstjustiz. "Ab da war es einfach so, als ob wir vogelfrei wären. Es wurden massiv Autos zerstört, es werden Menschen aus den Autos gezerrt, um zu checken, ob sie Griechen sind oder nicht. Die Polizei war auch super gewalttätig, ich habe selber Polizeigewalt erfahren. Von einer Freundin wurde auch die Adresse geleaked, Fotos gemacht und da ist neulich auch eine Blendgranate explodiert. Die Schule von 'One Happy Family' wurde abgebrannt. Es ist einfach alles super krass."

Die Überrechste von 'One Happy Family'

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Als die Türkei die Grenzen öffnete

In der Nacht, als die Türkei die Grenzen öffnete, war Svenja am Strand und an der Küste unterwegs und hielt Ausschau nach Booten. Das macht sie zweimal die Woche, um beim Erreichen der Insel zu helfen. "An dem Sonntag[...], habe ich zwei Boote an den Strand gebracht. Beziehungsweise, bin ich auch nicht richtig ran gekommen, weil wir von der Polizei ferngehalten wurden. Diese Arbeit, Menschen aus dem Wasser zu holen, wird zunehmend kriminalisiert.[...] Die Schlauchboote wurden wieder aufs Wasser raus gedrückt, es sind bewaffnete Menschen auf die Schlauchboote zugefahren, haben die Motoren zerschossen und versucht die Dingis zu zerstechen."

Seit vier Jahren herrscht auf der Insel quasi absoluter Stillstand. Svenja arbeitet in einem kleineren Camp namens Pikpa am Strand von Mitilini. "Es ist quasi der Ort für 'the most vulnerable cases'. Da gibt es Listen mit den [am meisten gefährdeten] Menschen von der UNHCR, die auch Moria betreiben. Was genau das heißt, weiß ich auch nicht, weil jeder der hier ankommt, ist 'vulnerable'. Es gibt [in Pikpa] kleine Holzbungalos, es gibt einen Language Support, es gibt einen Women's Support, den ich auch mache, und einen Kindergarten. Die Leute bekommen Essenspakete. Sie haben aber ihre eigene Cuisine, das ist auch ganz wichtig, dass sie weiter für sich und ihre Familien sorgen. Das ist aber eine relativ kleine Blase. Es hat nichts mit der Realität von Moria zu tun.“

Geld gegen schlechtes Gewissen

Vor dem Deal 2016 war Pikpa nur eine kleine Transitzone, wo Menschen ankamen und etwa zwei Tage blieben, bevor es weiter ging. Im Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur sagte ARD-Korrespondent Thomas Bormann: "Die EU, die überweist Geld und kauft sich damit quasi frei." Auch Svenja nutzt diese Wortwahl. Denn der sogenannte Flüchtlingsdeal war nicht nur ein Pakt mit der Türkei, sondern schreibt auch fest, dass die Geflüchteten auf den Inseln Lesbos, Chios und Samos ausharren müssen, bis das Asylverfahren geprüft ist, was Monate, teilweise auch Jahre dauert.Um das Camp Moria herum, das für 3000 Leute bestimmt war, wurde 2016 ein Slum aus Planen und abgehackten Olivenbäumen gebildet, direkt auf den Feldern einiger Bauern. Der Tourismus, der Einkommensschwerpunkt der Locals ist, ist fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Svenja erzählt mir, wie laut und eng das Camp ist, weil es so klein ist und zwischen zwei Bergen liegt, was zusätzlich einengt. "Da leben 20.000 Leute. Wenn man das mal mit einem Technofestival vergleicht ... Das wäre eher ein kleines Festival, nur eben mit einem Bruchteil des Campingplatzes". Ein harter Vergleich, der aber trifft. Marek Lieberberg schafft es beispielsweise, jährlich mit 80.000 Menschen umzugehen, die zu Rock am Ring pilgern.

Die Frauen in Moria

"Dieses System in Moria ist außerdem ein reines patriarchisch designtes Gefängnis. Das ist eine doppelte Oppression für Frauen. Es ist irgendwie dieser Ort, der von griechischen Soldaten und Polizisten bewacht wird (das ist hier manchmal schwer, zu unterscheiden) und dann ist es zusätzlich diese männliche Oppression." Deshalb sind einige Frauen Ende Januar demonstrieren gegangen. Es war ein empowernder Freiheitsmoment, der den Frauen so viel Freude und Kraft spendete und auch kleines Stückchen Macht zurückgab, indem sie sich Seite an Seite gegen die patriarchalen Bedingungen stellen.

"Kein Mensch ist illegal" Demonstration geflüchteter Frauen

Der Erfolg der Demo sprach sich herum und es gab eine zweite Demonstration der Geflüchteten, die radikal niedergeschlagen wurde. "Und da ging dieser Hass auch auf die NGOs, weil die dachten wir haben sie angestachelt zu demonstrieren, oder denen gesagt, was sie auf ihre Schilder schreiben sollen. Was Bullshit ist, die Frauen und Männer hier haben allen Grund zu demonstrieren." Svenja selbst ist im Friedenschor und erzählt mir von ihren Demonstrationen, die immer härter und radikaler beendet wurden. "Es war ein total surrealer Moment, es war Sonnenuntergang. Wir haben gesungen. … Und, oh mein Gott, ich habe noch nie in meinem Leben so viel Tränengas abbekommen. Wir haben so viel Gewalt erfahren, als Chor. Wir hatten wirklich Angst."

Friedenschor auf Lesbos

Aufhebung des europäischen Asylrechts

Dass sich Ursula von der Leyen im Namen der EU nun mit der griechischen Bevölkerung solidarisiert, die in Teilen so klar, so fremdenfeindlich handelt, ist dabei ein herber Schlag. Es ist nicht nur Lesbos, die Grenzen Griechenlands werden als EU-Grenze gesehen und die Härte, mit der die griechische Regierung gegen die Geflüchteten aktuell vorgeht, wird von der Europäischen Union unterstützt. Auch dass das Land selbst, durch die Ausrufung eines Notstands das europäische Asylrecht außer Kraft setzen kann, ohne dafür zumindest gerügt zu werden, ist höchst beunruhigend.

Hier keine Vergleiche zum Ermächtigungsgesetz von 1933 zu bringen ist schwer. Im Interview mit der Deutschen Welle sagte der deutsche EU-Parlamentarier Erik Marquardt, der vergangene Woche die Insel besuchte: "Man muss auf der einen Seite von Griechenland einfordern, die Rechtsstaatlichkeit durchzusetzen, da gibt es massive Versäumnisse. Ich bin persönlich schockiert davon, dass die lokale Polizei mich eher bedroht als beschützt. Ich bin aber trotzdem der Meinung, dass man auch Griechenland nicht alleinelassen darf."

Ursula von der Leyen an der Griechischen Grenze

Forderungen, die eigentlich schon seit dem Arabischen Frühling und dem Revolutionsversuch Syriens 2011 von allen Seiten geäußert werden, denn die Krise ist nicht von einem Land allein zu lösen. Der Deal 2016 hat die Probleme, mit denen ganz Europa nicht fertigwurde, nur auf eine Region konzentriert, was die Situation an Orten wie Lesbos über vier Jahre konsequent verschlechterte. Svenja erklärt: "Klar gibt es hier auf Lesbos auch Locals die sich von Anfang an solidarisiert haben, die gemacht und getan haben, die aber auch einfach unglaublich fertig sind, die müde sind, weil ganz egal was du machst und wie viel du tust, seit diesen vier Jahren wird es hier faktisch einfach immer, immer schlimmer."

Die Möglichkeit zu gehen

Wir beide sind voller Sorge und Erschütterung. "Diese europäische Idee ist für mich einfach so gescheitert", sagt Svenja und ich stimme ihr zu. "Svenja, ich mach mir Sorgen um dich", sag ich, " Denkst du drüber nach, nach Hause zu kommen?" Ich fühle mich schuldig, weil ich frage, sie fühlt sich schuldig, weil sie sich diese Frage stellen kann. Sie zögert: "Für mich ist diese Fähre aufs Festland halt etwas Mögliches, was für andere etwas völlig Symbolhaftes ist. Ich kann hier auf die Fähre zur Türkei steigen, fahre 30 Minuten und zahle 8 Euro und die Menschen fahren auf einem Schlauchboot für ein paar Tausend Euro und unter lebensgefährlichen Bedingungen in der Nacht hier rüber."

Es zeigt die Absurdität der Grenzsituation, die Absurdität, dass der reichste Kontinent nicht mit 20.000 Menschen fertig wird, die Absurdität, die an diesem Ort seit vier Jahren wütet und nun um sich schlägt.

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Quelle: Noizz.de