Diesen Film darf sich kein Geschichtsfan entgehen lassen.

"1917" ist kein schöner Film. Bilder in tristen, grau-braunen und verschlammten Landschaften dominieren seine 110 Minuten Laufzeit, er zeigt uns Dinge, die wir so schnell nicht vergessen werden und wir bleiben als Zuschauer am Ende völlig unbefriedigt und ohne jegliches Gefühl der Erleichterung oder Erlösung zurück.

Ein Film, den alle, die sich nur ansatzweise für die Geschichte des Ersten Weltkriegs interessieren, sehen müssen

Oscarpreisträger Sam Mendes (bekannt durch"Skyfall", den wohl besten James Bond der letzten Jahrzehnte) erzählt die Geschichte der beiden britischen Fußsoldaten Schofield (George MacKay) und Blake (Dean-Charles Chapman), die auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs mit einer scheinbar unmöglichen Mission betraut werden:

Nachdem sich die deutschen Truppen völlig unerwartet von der Frontlinie zurückgezogen haben, wittert das britische Oberkommando eine Falle, auf die Hunderte britische Soldaten – unter ihnen Blakes älterer Bruder – geradewegs zusteuern. Von allen Kommunikationswegen abgeschnitten, können diese nur durch eine mündlich überbrachte Warnung vor dem sicheren Untergang bewahrt werden. So nehmen es Blake und Schofield auf sich, die lebensrettende Botschaft zu überbringen und sich alleine durch das Niemandsland der Westfront und die feindlichen Linien zu schlagen.

Zwei Stunden lang auf Augenhöhe mit den Protagonisten

Sam Mendes und Kameramann Roger Deakins (zuletzt mit einem Oscar für seine Arbeit an "Blade Runner 2049" ausgezeichnet) lassen uns als Zuschauer dabei nie von der Seite der beiden Protagonisten weichen. Der Film kommt über seine fast zweistündige Laufzeit ohne sichtbare Schnitte aus und erzeugt den Eindruck einer einzelnen, kontinuierlichen Kameraeinstellung.

Anders als bei Filmen wie "Victoria" handelt es sich hierbei um kein Gimmick der Filmemacher, um dem Film künstlich mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Denn tatsächlich hat man diese erzählerische Besonderheit von "1917" als Zuschauer trotz anfänglichen Staunens spätestens nach fünf Minuten vergessen. Und gerade dadurch entfaltet der Film seine ganz besondere Wirkung. Als Publikum sind wir immer auf Augenhöhe mit den Protagonisten und wissen genauso wenig wie diese, welche Gefahr hinter der nächsten Ecke auf sie und uns lauern könnte. Somit erzeugt "1917" ein konstantes Gefühl der Anspannung und immerwährenden Bedrohung, das sich auch in den ruhigen Momenten der Handlung fest in unserem Hinterkopf hält.

Dabei steht den Protagonisten über weite Strecken eine eher abstrakte und nicht wirklich greifbare Gefahr gegenüber. Feindliche Soldaten sind ähnlich wie in Christopher Nolans "Dunkirk" so gut wie nie zu sehen oder treten lange nur als dunkle, gesichtslose Silhouetten in Erscheinung. Auch das trägt weiter zur Spannung des Films bei, denn gemeinsam mit den Protagonisten fühlen wir uns auch als Zuschauer dieser beinahe unsichtbaren Gefahr häufig schutzlos ausgeliefert.

Leider verpasst der Film es dadurch aber auch, den feindlichen Soldaten ein gewisses Maß an menschlicher Tiefe zu verleihen und verfällt immer wieder in eine hollywoodtypische Schwarz-Weiß-Zeichnung vom Kampf Gut gegen Böse, die sich im Kontext einer differenzierten und realitätsnahen Betrachtung dieses Konflikts etwas fehl am Platz anfühlt.

Dennoch geizt der Film nicht damit, die Grauen des Krieges sehr deutlich und schonungslos darzustellen und schafft es dabei sowohl auf groß angelegte Schlachtszenen wie in "Der Soldat James Ryan" als auch überschwänglichen Hurra-Patriotismus zu verzichten. Ohnehin widmet sich "1917" lieber den menschlichen Momenten und der Frage, was Krieg mit den Menschen macht, die ihn durchleben (wenn auch nur auf britischer Seite). Da brechen selbst gestandene Offiziere im Angesicht der drohenden Gefahr weinend zusammen, und junge Männer verbluten über Minuten hinweg, Tausende Kilometer von zuhause entfernt, völlig sinnlos in den Armen ihrer Kameraden, die nur hilflos dabei zusehen können und komplett traumatisiert davon zurückbleiben.

"1917" ist kein schöner Film – aber trotz einiger Schwächen ist es ein verdammt guter

Und gerade in Zeiten von Brexit und America First ist es nicht verkehrt, sich mal wieder vor Augen zu halten, welche Folgen überbordender Nationalstolz und nationale Abschottung bereits vor hundert Jahren auf unsere Welt losgelassen haben. Alleine dafür lohnt sich der Kinobesuch, wenn der Film am 16. Januar in Deutschland anläuft.

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Quelle: Noizz.de