Bald heißt es wieder: "Wenn ich du wäre, dann würde ich jetzt nicht noch ein Stück Kuchen essen."

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Hach, na, bist du auch schon bei der lieben Familie auf dem Land? Also wenn du das hier liest, sitze ich gerade wahrscheinlich bei meiner Oma Lilo in der Wohnung im Erdgeschoss ihres Hauses und esse mit ihr vegane Plätzchen, die sie eigens für mich gemacht hat.

Eigentlich freue ich mich immer wahnsinnig, meine Familie zu Weihnachten zu sehen. Diese Nähe, die man zu diesen Menschen hat, bedeutet mir wahnsinnig viel und die intimen Gespräche, die ich mit Familienmitglieder führen kann, bereichern mich jedes Mal. "Irgendwie schön, aber nichts ist schön", wie Rapper Kummer sagen würde. Denn diese enge Bindung zu den eigenen Verwandten ist leider auch ein toller Nährboden für Zurechtweisungen, unterschwellige Kommentare zu Karriere und Beziehung – und vor allem Bodyshaming.

Was für Oma oft nur ein schnippischer "gut gemeinter" Kommentar ist, kann einem schon mal die ganzen Feiertage versauen. Und im schlimmsten Fall Essstörungen triggern oder sogar auslösen. Auf Instagram habe ich Friends und Follower gefragt, wer bereits von der Familie für das eigene Aussehen oder Gewicht verurteilt wurde. 71 Prozent von den 63 Leuten, die teilgenommen haben, haben bereits Bodyshaming erfahren, 29 Prozent nicht. Dabei ist mir aufgefallen, dass besonders viele Frauen bereits von der Familie für ihren Körper geshamt wurden.

Ich kenne das nur zu gut. Meine eine Großmutter nimmt überhaupt kein Blatt vor den Mund. In meiner Anwesenheit klagt sie nicht nur über die Figur meiner Cousine ("stämmig"), sondern teilt mir auch mit, dass ich nach meiner anderen Oma kommen würde und "auch ein bisschen mopsig" wäre. Das Ganze versucht sie dann ab und an mit Sätzen wie "Naja, aber manche Männer mögen das ja, wenn ein bisschen was dran ist" zu relativeren. Okay, danke Omi, mein Körper ist wirklich nur für mögliche Partner da. Mittlerweile rolle ich nur noch innerlich mit den Augen, wenn ich so etwas höre. Doch viele meiner Freund*innen und Kolleg*innen haben weit mehr mit ihrer Familie zu kämpfen.

Magersucht? Egal!

Eine befreundete Kollegin litt drei Jahre lang an Anorexie. Die Zeit, in der sie wieder zunehmen musste, um die Krankheit hinter sich zu lassen, war besonders schlimm. Ihre Familie sagte ihre wohlwollend, dass sie "echt viel zugenommen" hätte. Wie soll eine junge Frau mit Magersucht mit so etwas gesund umgehen? "Schon als Kind wurde mir von meiner Familie vorgelebt, dass 'dick zu sein' etwas sehr Negatives sein muss", erzählt sie mir.

Nachdem sie sich von ihrer Essstörung wieder einigermaßen erholt hatte, ging das Bodyshaming im Familienkreis von vorne los: "Irgendwann, als ich dann tatsächlich mal ein bisschen mehr wog, waren meine Eltern der Meinung, dass es eine gute Idee wäre, mich darauf hinzuweisen, dass es ja langsam schon ein bisschen viel wäre". Noch heute, Jahre später, gibt es jedes Weihnachten zielsicher ungefragt mindestens eine Einschätzung ihres Gewichts. Mittlerweile ist sich die 23-Jährige sicher, dass auch der Umgang ihrer Familie zu gestörtem Essverhalten geführt hat.

Gerade Frauen aus meinem Umfeld haben mir auf meine Nachfrage reihenweise ähnliche Geschichten erzählt. Denn es ist eben so, dass in unserer Gesellschaft vor allem die Körper von Frauen im Mittelpunkt stehen. Das Äußere einer Frau trägt auch 2019 noch viel zu sehr zu ihrem Wert in der Gesellschaft bei. Das predigen uns Frauenzeitschriften, die uns weismachen wollen, dass wir "mit der neuen Tomatendiät fünf Pfund in fünf Tagen loswerden" können. Doch nicht nur "Bild der Frau" und "Cosmopolitan" tragen dazu bei, dass man als Frau den eigenen Körper und dessen Begierde beinahe täglich hinterfragt, sondern manchmal auch die eigene Mutter.

Mit der Mutter haben die meisten Menschen eine extrem enge Bindung. Leider kann das auch dazu führen, dass Grenzen überschritten werden. Meine Freundin musste sich nach einem Bild aus dem Urlaub von ihrer Mutter Sätze wie "nicht vorteilhaft" und "frivol" anhören. Ihr Chef würde doch dieses Bild sehen, "Willst du dich so öffentlich ausstellen?", fragte der Elternteil empört. Man hat manchmal das Gefühl, alleine einen weiblichen Körper zu haben ist schon ein Verbrechen. Wenn man ihn nicht zeigt, ist man prüde – und wahrscheinlich deswegen Single. Wenn man ihn zeigt, dann ist man "frivol" und bringt einen anderen Mann, wie den Chef, in Verlegenheit.

Wenn wir "zu dick" sind, dann müssen wir am Heiligabend fiese Sprüche verpackt in einem angeblich harmlosen Witz anhören, wenn wir genauso oft nachschlagen, wie unsere Geschwister mit "normaler" Statur. Wenn wir zu dünn sind, werden wir von Oma dagegen regelrecht gemästet: "Sonst fällst du mir vom Fleisch" oder "Du bist nur Haut und Knochen" heißt es dann.

Bodyshaming ist eben nicht nur ein offensichtliches "Du bist ganz schön dick geworden"

... sondern fängt viel früher an. Eine Bekannte schreibt mir, dass sie bereits als Teenager von ihrer Mutter immer zu hören bekam: "Wenn ich du wäre, dann würde ich jetzt nicht noch einen Teller essen." Dabei wäre sie nie übergewichtig gewesen, hätte immer nur "ein paar Kurven" gehabt. "Das hat diesen Hass auf das Bild, wie ich ihrer Meinung nach aussehen soll, kreiert", so die Studentin weiter.

Doch nicht nur Frauen leiden unter der eigenen Familie, wenn es um das eigene Aussehen geht. Die Brüder einer Freundin mussten als Teenager andauern Kommentare über ihre Ernährung ertragen, da sie etwas "pummeliger" waren. Schon mit 14 Jahren ging es los. Einer der beiden hat danach viel abgenommen, doch die Komplexe und das verstörte Verhältnis zu Nahrung sind geblieben. Heute ist er 19.

"Fast die Hälfte der Mädchen und ein Fünftel der Jungen im Alter von 15 Jahren empfindet sich als zu dick, obwohl sie normalgewichtig sind", schreibt die Bundeszentral für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Webseite zum Thema Essstörungen,"Mehr als die Hälfte der Mädchen hat in diesem Alter bereits Diäterfahrungen gesammelt, jedes vierte Mädchen sogar mehrfach." 20 Prozent aller 11- bis 17-Jährigen in Deutschland hat außerdem ein gestörtes Essverhalten.

Ich will jetzt gar nicht unterstellen, dass die Familie mit ihren dummen Kommentare immer daran Schuld ist, doch solche Probleme können dadurch durchaus gefördert und getriggert werden. Meine Kollegin Luisa fühlt sich heute noch unwohl, wenn ihre Familie darüber redet, dass sie als Kind "eigentlich mal dick war". Obwohl sie jetzt ein besseres Verhältnis zu meinem Körper hat, sind solche Erinnerungen noch immer nicht nur eine lustige Anekdote: "Es hebt einen immer als die hervor, die kein normales Gewicht hatte – ein Attribut, das ich in beiden Extremen vermeiden möchte."

Gerade an Weihnachten kommen diese Sprüche und Anmerkungen oft vor, auch von Verwandten, die man lange nicht gesehen hat und die dann Veränderungen des Körpers ungeniert kommentieren. Mich persönlich nervt es besonders, dass man nur nette Worte hört, wenn man schlanker ist als zuvor. Selbst wenn das daran liegt, dass man krank war, Beziehungsprobleme hat oder an Depressionen leidet. Gewichtsverlust wird immer noch als dieses große Achievement dargestellt.

Leider sind die Feiertage für Menschen, die an einer Essstörungen leiden oder gelitten haben, sowieso schon eine schwere Zeit. Solche Kommentare, selbst wenn sie nicht mutwillig verletzten sollen, dürfen sich Oma, Opa und Co. meinetwegen gerne endlich mal sparen. Ich nehme mir ja auch nicht das Recht heraus, das Gewicht oder den Körper meiner Verwandten zu bewerten und zu verurteilen.

Mehr aus meiner Kolumne Fem as Fuck kannst du hier lesen. Meinen Instagram-Account findest du hier.

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Quelle: Noizz.de