Der Feind in meinem Bett.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Gleich zu Beginn: Das Hilfe-Telefon für Frauen, die Gewalt erfahren, erreichst du unter der Nummer 08000116016 oder hilfetelefon.de.

Am 25. November ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Ein Gedenk- und Aktionstag, der leider nicht einmal in meinem Kalender vermerkt war. Deswegen war ich mehr als überrascht, als meine Instagram-Timeline plötzlich voll von Informationen war, die mein Herz in die Hose rutschen ließen. "UN Women" schreibt, dass 1 von 3 Frauen weltweit körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren hat – meist vom Partner. 137 Frauen sterben laut der BBC täglich durch Partner oder Familienmitglieder. Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland, seine Freundin umzubringen. Jeden dritten Tag gelingt es ihm. Das ermittelte das Bundeskriminalamt.

Diese Zahlen sind wahnsinnig schockierend und machen auch ganz ehrlich einfach Angst. Doch wie kann es sein, dass selbst Menschen, die sich eingehen mit dem Thema Feminismus auseinandersetzen (wie ich), diese schockierenden Statistiken nicht vor Augen haben?

Aber was ist mit den Männern?

Tatsächlich wird meiner Meinung nach noch viel zu selten über häusliche Gewalt gesprochen. Das hat viele Gründe, die alle nicht ganz leicht zu lösen sind. Zum einen wäre da der altbekannte Whataboutism, der einem gerne entgegenklatscht, wenn man solche Themen auf Instagram oder im Real Life anspricht.

Aus irgendeinem Grund wird einem gerade von Männern sofort vorgeworfen: Ja, aber Männer erleben auch häusliche Gewalt. Glaub mir Brudi, das ist mir bewusst. Und mir ist auch bewusst, dass es genauso schlimm ist, wenn eine Partnerin ihren Partner schlägt. Doch wieso wird einem mit solchen Aussagen immer sofort vorgeworfen, man würde sich nicht für den Missbrauch von Männern in Beziehungen interessieren? Der Feminismus lehrt uns doch, dass wir alle gleich sind, dass wir alle Sicherheit und Freiheit verdienen.

🔴 TW 🔴 Im folgenden Post erwarten Euch Studienergebnisse (Zahlen, Fakten, gesundheitliche Folgen) zum Thema Gewalt an Frauen. . . 🔸Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen 🔸 . . 🔸Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gilt Gewalt, insbesondere häusliche Gewalt, als eines der weltweit größten Gesundheitsrisiken für Frauen und Kinder (Krug, Dahlenberg, Mercy et al., 2002). Gewalt hat ernsthafte kurz-, mittel- und langfristige gesundheitliche und psychosoziale Folgen für die Betroffenen (WHO, 2003). Die Forschung zeigt: bundesweit war etwa jede vierte Frau in ihrem Erwachsenenleben Gewaltübergriffen durch Partner ausgesetzt. Jede zweite bis dritte in Deutschland lebende Frau, war darüber hinaus im Laufe ihres Lebens mit sexueller und/oder körperlicher Gewalt in unterschiedlichen (häuslichen und außerhäuslichen) Lebenszusammenhängen konfrontiert worden (Schröttle & Müller, 2004). Weiterhin wird davon ausgegangen, dass mindestens jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens geschlechtsbezogene Gewalt mit Folgen für ihre Gesundheit erfahren hat (Wagemann-White & Bohne, 2003; Schröttle & Khelaifat, 2008). Eine weitere Studie zeigt, dass etwa jede dritte bis fünfte Frau (in den untersuchten Ländern Deutschland, Schweden, Frankreich, Finnland und Litauen) im Verlauf ihres Lebens körperliche Gewalt durch einen aktuellen und/ oder früheren Partner erfahren hat und 6–12% nach eigenen Angaben von sexueller Gewalt durch aktuelle/frühere Partner betroffen waren. Außerhalb von Partnerschaften hatten 9– 23% körperliche und 8– 19% sexuelle Gewalt erlebt (Schrötte, Martinez, Condon et al., 2006). Eine deutsche Repräsentativuntersuchung zu Gewalt gegen Frauen zeigt, dass etwa jede vierte Frau in ihrem Erwachsenenleben mindestens einmal körperliche und/oder sexuelle Übergriffe durch einen Beziehungspartner erlebt hat (Schrötte & Müller, 2004). . . #internationalertaggegengewalt #frauen #feminismus #forschung #psychotherapie #tiefenpsychologie #missbrauch #tabu #entstigmatisierung . . ⬇️⬇️⬇️

4 von 5 Opfern von Partnerschaftsgewalt sind weiblich

Es ist aber eben auch so, dass 2019 laut dem BKA 140.755 Fälle von Gewalt durch den Partner in Deutschland registriert wurden und dass 81 Prozent der Opfer weiblich waren. Diese Zahlen beinhalten nur angezeigte Fälle, die Dunkelziffer dürfte daher viel höher sein. Familienministerin Franziska Giffey geht laut der ARD davon aus, dass nur jeder fünfte Fall angezeigt wird. Denn ein Grund, wieso wir wenig über häusliche Gewalt reden, ist, weil es für Opfer noch immer schwer ist, nach Hilfe zu fragen oder diese zu bekommen.

In einer Beziehung, in der ein Mann eine Frau körperlich misshandelt, gibt es oft ein klares Machtgefälle, dass eine Frau wie in einem Käfig gefangen hält. Über den Missbrauch zu reden, macht vielen Frauen Angst, denn sollte der Mann davon Wind bekommen, droht meist noch schlimmerer Missbrauch. Oft ist auch eine räumliche und finanzielle Abhängigkeit gegeben, die es Opfern erschwert, einen gewalttätigen Partner zu verlassen oder anzuzeigen.

Doch auch eine emotionale Abhängigkeit kann zum Problem werden. In unserer patriarchalen Gesellschaft wird Frauen noch immer häufig vermittelt, dass man einen Mann verändern kann. Wer diese unrealistische Ideal nicht erfüllt, fühlt sich oft beschämt oder als hätte man versagt. Noch viel zu oft werden wir als Frauen dafür verantwortlich gemacht, wie uns andere Menschen behandeln. Viel zu oft wird uns vermittelt, dass es besser ist, einen gewalttätigen Partner zu haben, als eine einsame Jungfer zu sein. Uns wird sogar beigebracht, dass Gewalt ein Zeichen von Liebe sein kann. Emotionale Manipulation ist in vielen Fällen von Partnerschaftsgewalt gegeben. Emotionale Selbstmanipulation genauso wie Manipulation durch den Freund oder Ehemann, der schwört, dass er dich liebt und dass es jetzt wirklich das letzte Mal war.

Opfer sind nicht dafür verantwortlich, dass sie häusliche Gewalt erfahren

Natürlich ist die Ursache von solchen erschreckenden Statistiken eine patrarichale Gesellschaft, die auf der Unterdrückung und Dominierung von Frauen basiert. Die Männern mehr Macht und Einfluss zuspricht und Frauen in Abhängigkeiten drängt, die Gleichberechtigung in vielen Fällen noch immer unmöglich macht. Das Symptom und die reale Ursache sind die Täter, die oft in dem Glauben aufgewachsen sind, dass sie ihre Männlichkeit am einfachsten dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie sich gewalttätig oder hypersexuell verhalten oder Frauen und andere Männer dominieren.

Natürlich müssen wir bei all diesen Problemen ansetzen. Wir dürfen aber auch nicht die Frauen vergessen, die gerade in missbräuchlichen Beziehungen stecken und die mit Männern, die von dieser patriarchalen Männlichkeit geprägt sind, in einem Bett schlafen müssen. Wir müssen uns bewusst machen, welche Probleme oder Hindernisse es in unserer Gesellschaft gibt, die es Frauen erschweren, dieser Gewalt zu entfliehen.

Wir müssen Partnerschaftsgewalt ansprechen, nicht nur am 25. November, sondern jeden Tag. Und anderen Opfern die Angst nehmen, indem wir uns trauen, über unsere eigenen Erfahrungen zu reden, wenn wir persönlich stark genug dafür sind. Wir sollten nie unterschätzen, wie schon eine einzige geteilte Geschichte einer anderen Person Mut machen kann oder ihr auch einfach das Gefühl geben kann, nicht allein zu sein.

Laut einer Dunkelstudie des Bundesfamilienministeriums wird jede dritte deutsche Frau in ihrem Leben einmal Gewalt erleben. Nach dieser Statistik müssten wir alle ein Opfer von körperlicher Misshandlung kennen. Vielleicht bist es du, die das hier gerade liest, oder deine Mutter oder deine Oma. Vielleicht ist es deine Freundin oder deine Exfreundin. Vielleicht bin ich es.

Als ich ein Teenager war, hat mir mein betrunkener Partner mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Zwei Mal an einem Abend. Andere Männer und Frauen haben sich danach schützend vor mich gestellt und mich gefragt, ob alles okay sei. Ich hoffe, dass wir nicht nur am 25. November alle diese Menschen sein können, die Opfern beiseite stehen können.

>> Jungfräulichkeit ist ein soziales Konstrukt, das Frauen und ihre Sexualität unterdrückt

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Alle Folgen meiner Kolumne Fem as Fuck kannst du hier nachlesen.

Quelle: Noizz.de