Im Herzen des Sturms: die toxischen Männlichkeit der Trump-Regierung.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Die amerikanische Politik geht gerade zu Grunde – live auf Twitter. Und das nur, weil da gerade ein paar Männer an der Macht sind, die aus einer Zeit stammen, in der man das Level der eigenen toxischen Männlichkeit noch als Badge of Honor trug. In der toxische Männlichkeit noch einfach nur Männlichkeit war. Donald Trump lebt noch immer in einer Welt, in der (einflussreiche, reiche) Männer scheinbar machen können, was sie wollten.

Frauen begrapschen, Mitarbeiter nicht bezahlen und einfach so tun, als ob sie Ahnung haben, obwohl sie das ganz klar nicht tun. Dumm nur für Trump, dass diese Welt größtenteils nur noch in seinem Kopf und den Köpfen seiner unterirdischen Handlanger existiert. Denn es gibt einen Grund wieso man das Verhalten des 45. Präsidenten der USA als toxisch bezeichnet. Es kontaminiert und zerstört alles um ihn herum – auch ihn selbst. Deswegen ist es wenig überraschend, dass es jetzt zu dem Impeachment gekommen ist.

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Man konnte den eigenen Augen nicht trauen, als die US-Regierung vor einigen Tagen verkündete, dass sie den Anführer der Terrororganisation IS in die Enge getrieben und damit zum Selbstmord gebracht hat. Nachdem die Kinnlade dann langsam wieder hochgeklappt war, wurde hoffentlich allen bewusst: Diese Geheimaktion der Regierung war trotz Trump erfolgreich und nicht wegen ihm. Denn Trumps enormes Ego, das auf den wackligen Beinen des alteingesessenen Patriarchats steht, war wohl vermutlich das größte Risiko bei dem Einsatz.

Wir wissen, dass der nichts mehr liebt, als mit (vermeintlichen) Errungenschaften seiner Präsidentschaft anzugeben ("It was a perfect phone call"). Ein paar Stunden mal nicht zu twittern, dass sein Militär gerade versucht, den größten Terroristen unserer Zeit zu schnappen, war sicher verdammt hart für ihn. (Wenn ihm nicht sogar der Geheimdienst einfach sein Handy weggenommen hat.) Schließlich hätte das doch so gut Macht, Überlegenheit und Dominanz demonstrieren können. Diese Eckpfeiler der toxischen Männlichkeit hätten uns vor einigen Monaten ja beinahe schon einen Krieg zwischen Nordkorea und den USA eingebrockt. Wir erinnern uns an die "Little Rocketman"-Chose.

Jared Yates Sextin schreibt in seinem Buch "The Man They Wanted Me to Be" über Donald Trump während seiner Wahlkampfkampagne 2016: "Er ist die Personifikation der weißen amerikanischen Männlichkeit. Sein schroffes Auftreten, seine ständigen Drohungen, sein Rühmen mit Geld und Macht, seine mutwillige Promiskuität, seine Neigung zu eklatanter Grausamkeit und sein Mobbing von Gegnern, das wie etwas aus einer Schulhofsozialisation wirkt, sind alles Eigenschaften, die wir mittlerweile mit Männern in diesem Land verbinden." Dazu kommt unter anderem noch, dass er regelmäßig sexistisch beziehungsweise missbräuchlich mit Frauen umgeht ("Grab them by the pussy") und transphob ist (wie etwa die Trans-Diskrimierung am Arbeitsplatz zeigt). Doch nicht nur das: Der Immobilienmogul ist dafür verantwortlich, dass die amerikanische Innen- und Außenpolitik und ihre Akteure gerade eine wahre Schande für die Founding Fathers sind.

Hinter dem Mann mit dem unnatürlich gebräuntem Teint ist eine ganze Armee an Männern, die ebenfalls die Idee des patriarchalen Männlichkeitsbildes mit ihrem Verhalten huldigen und die erbärmliche Politik Trumps in alle Ecken der Regierung tragen. Zum Beispiel Vizepräsident Mike Pence, dessen Einstellungen extrem homophob und sexistisch ist und die Diskrimierung von LGBTQ-Menschen auf Grund ihrer Identität oder sexuellen Orientierung am Arbeitsplatz unterstützt und Abtreibungen illegal machen will. Oder Rudy Guliani, der so überzeugt von sich und seiner Leistung ist, dass er nicht merkt, dass er vom New Yorker Bürgermeister zur Lachnummer der Nation geworden ist. Hach, das Selbstbewusstsein alter, weißer, heterosexueller, cis-Männer überrascht mich immer wieder. Ich zitiere nur diese Schlagzeile: "Rudy Giuliani butt-dials NBC reporter, heard discussing need for cash and trashing Bidens."

Dabei muss es nicht so sein. Natürlich ist es schwieriger, sich von traditionellen Gendernormen zu befreien, wenn man bereits ein gewisses Alter hat und auch aktiv in Zeiten gelebt hat, in denen die Idealvorstellung eines einflussreichen Mannes beziehungsweise Politikers noch von Eigenschaften und Verhaltensmuster geprägt war, die wir heute als toxisch bezeichnen. Doch auch das ist möglich, wie Senator Bernie Sanders zeigt, der bereits 1941 geboren wurde und trotzdem liberale Werte vertritt, die mehr Freiheit nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer versprechen.

Der große Moment, der sich gerade in Folge der katastrophalen Führung des Landes auftut, ist aber nicht der Moment für weitere alte, weiße Männer. Sorry, Bernie. Es ist die Zeit, in der aus der Staubwolke der Massenschlägerei auf dem Schulhof großartige Politikerinnen hervortreten und ihren großen Moment bekommen.

Die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi zeigt im Gegensatz zu Donald Trump Kalkül und Bestimmtheit und verdient sich damit viel Respekt – auch bei Kollegen aus der Republikanischen Partei. Elizabeth Warren hebt mit ihrem freiheitlichen und toleranten Umgang mit den Problemen der amerikanischen Gesellschaft ab und zieht immer mehr Wähler auf ihre Seite.

Doch das Licht, das im Schutt der patriarchalen Politik gerade am hellsten leuchtet, ist definitiv AOC. Alexandria Ocasio-Cortez wurde bereits bei ihrer Wahl zur neuen Hoffnungsträgerin einer liberalen, diversen amerikanischen Regierung erhoben. Doch es hätte niemand ahnen können, wie inspirierend die Arbeit der Repräsentantin dann am Ende wirklich werden würde. Ihre Anhörungen in Sitzungen der verschiedenen Committees, in denen die Demokratin das Repräsentantenhaus vertritt, gehen mittlerweile regelmäßig viral. Das beste Beispiel ist wohl ihre Befragung des Facebook-Chefs Mark Zuckerberg, den AOC – man kann es nicht anders sagen – einfach völlig zerlegt hat. Und das mit einer Ruhe und Professionalität, die man sich von Trump oder Guliani nur wünschen kann.

Natürlich kann es sein, dass diese Frauen einfach grundsätzlich bessere Politiker sind als die enttäuschende Riege an Ü60-Männern, die gerade die Regierung leitet. Vielleicht kann man aber auch einfacher empathische, respektvolle und zielorientierte Politik machen, wenn man nicht an alten Werten und Genderrollen festhalten muss, um das eigene Ego zu füttern oder die eigenen Identitätskrise in Zeiten des Wandels zu überspielen.

Der Wille der Mehrheit des Volkes ist für Trump und seine Handlanger schon lange spürbar. Es wird danach verlangt, dass queere Rechte und die Rechte von Minderheiten endlich ins Zentrum der Gesetzgebung rücken und Sexualstraftäter in Machtpositionen dank #MeToo-Bewegung endlich gerechte Strafen sehen. Genau diese Entwicklungen sind es, die dafür sorgen, dass Männer wie Trump mit dem einzigen Abwehrmechanismus reagieren, den sie kennen: noch mehr Dominanz und Machtdemonstration. Und wer hat schon noch Zeit für gerechte Politik und Gesetzgebung, wenn man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, die eigene Dominanz und Männlichkeit beweisen zu müssen.

Dass man dafür aber zumindest so clever sein muss, dass man keine grundlegenden Gesetze verletzt, so weit hat der Präsident in seinem Modus nicht gedacht. Deshalb sehen wir gerade, wie die etablierte Autorität in Washington langsam bröckelt. Denn hinter der Fassade der Männlichkeit, die uns Trump demonstriert, ist nichts weiter als ein verletztes Ego und eine Angst vor der Auseinandersetzung mit Veränderung, mit der der Präsident wohl nie gelernt hat vernünftig umzugehen.

Mehr aus meiner Kolumne "Fem as Fuck" gibt es hier.

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Quelle: Noizz.de