Wenn ihr eure "Side-Hoe" schon "Hoe" nennt, dann lasst sie wenigstens jeden Tag eine sein.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Laut Wikipedia geht es an Halloween um irgendetwas mit Wintergeister vertreiben oder irgendeinen anderen heidnischen Kram, den 2019 niemanden mehr interessiert. In Wahrheit ist der 31. Oktober der Tag, an dem wir in unsere Urform zurückfallen, Jäger und Sammler spielen und sexistische Rollenbilder mal sexistische Rollenbilder sein lassen.

Männer verkleiden sich als Hulk, Terminator oder Godzilla und machen Jagd auf leichtbekleidete Frauen in sexy Katzen-, Hasen- oder Magdkostümen. Da gehen Männer befreit von feministischer Denkweise ihrem animalischen Jagdtrieb endlich mal nach und zelebrieren die patriarchale Wunschvorstellung , dass Männer stark sind und Frauen schwach – dass wir gerettet und begattet werden müssen, um die Menschheit zu erhalten.

Ich kann mir keinen schöneren Abend vorstellen ...

Darf ich uns außerdem an die legendäre Slut Rule aus "Mean Girls" erinnern: "In der Girly-Welt ist Halloween die einzige Nacht im Jahr, in der ein Mädchen rumlaufen kann wie eine Schlampe, ohne dass die anderen was dagegen sagen können." An Halloween geben Männer und manchmal sogar Frauen (sich selbst) die unausgesprochene Erlaubnis, sich mal so richtig "nuttig" zu kleiden, ohne Rücksicht auf Verluste. Der 31. Oktober birgt freie Fahrt dafür, sich in Unterwäsche oder extrem knappen Kostümen zu zeigen, ohne von anderen verurteilt zu werden.

Momentchen mal – wofür denn bitte verurteilt werden? Wieso sollte man denn eine leichtbekleidete Frau verurteilen können? Weil eine Frau, die knapp bekleidet ist, automatisch eine "Hoe" ist? Weil sie deshalb bestimmt "jeden ran lässt"?

Eine nice Doppelmoral, mit der man sich als weibliches Individuum schon wieder auseinander setzen muss. Zum einen soll man als Frau an Halloween den eigenen Körper zeigen, damit sich andere daran ergötzen können, zum anderen soll man aber nicht die Frau sein, die es wagt, sich an den 364 anderen Tagen in der Öffentlichkeit so freizügig zu zeigen. Denn man darf wirklich nur an Halloween eine "Schlampe" sein, das hat das Patriarchat so vorgesehen. Im Alltag sollen eure Freundinnen und Ehefrauen doch auf gar keinen Fall den Anschein erwecken, sie wären diese billige Alte, die jedem ihre Titten und ihren Hintern zeigt und schon die ganze Stadt durchgebumst hat. (Ich glaube ungefähr so eklig lautet das Klischee ...) Ihr habt ja einen Ruf zu verlieren, oder?

Und was, wenn Frauen einfach jeden Tag eine "Schlampe" sein wollen? Wenn wir jeden Tag das tragen wollen, was wir an unserem Körper gut finden – egal, ob das in die Weltsicht der Männer in unserem Umfeld passt oder nicht?

Wenn ich meine Brüste in einen engen Body quetschen will, dann mache ich das. Wenn ich einen Bikini mit String im Freibad tragen will, dann mache ich das. Ich brauche keinen Freifahrtsschein an Halloween oder generell die Erlaubnis eines anderen Menschen, um mich freizügig zu kleiden. Was eine andere Person in mein Outfit reininterpretiert, ist doch nicht mein Problem. So ist es auch nicht mein Problem, wenn ich mich einfach nie freizügig zeigen will. Wenn ich an Halloween kein sexistisches Kostüm tragen will (es ist nämlich schon sexistisch, dass es nur sexy Verkleidungen für Frauenkörper gibt), keine sexy Katze sein will, sondern mir eine clevere Verkleidung ausdenken möchte oder einfach gar keinen Bock habe, mich zu verkleiden.

In diesem Sinne: "Be a slut! Do whatever you want, life is short."

Mehr "Fem as Fuck" gibt es hier.

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Quelle: Noizz.de