Da hilft auch kein hochgeschlossenes Dirndl von Lena Gercke mehr.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

"Also mit meiner Freundin würde ich da nicht hingehen", sagt mir ein männlicher Kollege mit vielsagendem Blick zum Thema Wiesn. Das Oktoberfest ist der alljährliche Dorn im Auge meiner sonst so blinden Herbstverliebtheit. Jeden Sommer vergesse ich aufs Neue, dass das Oktoberfest auf der Theresienwiese existiert. Jedes Jahr werde ich wie aus dem Nichts mit Instagram-Stories von ehemaligen Klassenkamerad*innen und Promis bombardiert, die auf dem Volksfest den Alltag und teilweise ganz selbstverständlich auch ihre Moral hinter sich lassen.

Auf der Wiesn in Bayern, da ist die Welt noch in Ordnung. Da ist die Frau noch Lustobjekt, da darf man noch zupacken, ohne dass einem gleich #MeToo um die Ohren fliegt. In diesen zwei Wochen im September und Oktober dürfen Brüste begrapscht und dabei dumm gekichert werden, als hätte sich seit den 50ern nichts getan. Da darf dem weiblichen Gegenüber noch schamlos die Zunge in den Hals gesteckt werden, auch wenn man so besoffen ist, dass man droht, ihm gleich in den Mund zu kotzen. Oder dafür (zu Recht) eine Schelle zu kassieren. Vorher abchecken, ob die andere Person auch an einem Kuss interessiert ist? Come on, wo bleibt da der Nervenkitzel. Consent has left the chat.

#MeToo who?

Sexuelle Belästigung gehört hier zur Erfahrung vieler Frauen, was man schon alleine daran merkt, dass es der Hilfestation "Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen" auf dem Gelände benötigt. 14 Besucherinnen haben sich laut dem Bayrischen Rundfunk in den ersten zehn Tagen des Volksfestes bei den Mitarbeitern der Aktion gemeldet, elf von ihnen sind Opfer schwerer sexueller Übergriffe geworden. Außerdem wurde eine Touristin auf ihrem Nachhauseweg von einer Wiesn-Bekanntschaft vergewaltigt. Drei Taten auf dem Gelände, die "in Richtung Vergewaltigung" gehen, wie es der BR diplomatisch ausdrücken will, sind aktuell ebenfalls polizeilich gemeldet.

75 Prozent mehr Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen verzeichnet "Sichere Wiesn" damit im Vergleich zum Vorjahr. Wie kann das sein, wenn sich unsere Gesellschaft nach der auslaugenden und schmerzhaften #MeToo-Debatte doch endlich (langsam) zu ändern scheint?

Willkommen auf der Neverland-Ranch der deutsche Folklore

Das Oktoberfest ist eine Parallelwelt, die sich bewusst vom realen Alltag abgrenzt und sich einen auf ihre konservativen, antiquierten Werte runterholt. Hier findet man es geil, dass man selbst gestandene Feministinnen dazu bringt, ihre Schleifen zu binden und ihre Brüste in der engen Tracht zu quetschen. Klar, das Kleidungsstück an sich ist nicht das Problem, doch das, wofür es steht eben schon. Es ist eine Art Einwilligung in die Traditionen der Wiesn, die von patriarchalen Flirtstrukturen, Lookism und purem Machotum besoffener "Buam" geprägt sind. Sich da als Frau so zur Schau zu stellen, dass der Male Gaze möglichst ohne Umwege befriedigt wird, gehört fragwürdigerweise trotzdem "einfach dazu". Doch wieso machen das so viele Freund*innen und Bekannte mit, die im Alltag vehement dafür kämpfen, nicht auf ihr Äußeres und ihre Fickbarkeit, wenn mans mal ganz direkt sagt, reduziert zu werden?

Vielleicht ist es der Einfluss des Post-Feminismus, der uns auf tückische Art und Weise seit einigen Jahren wieder traditionelle Genderrollen unterjubelt und uns vermittelt: Wenn ich als Frau eine Wahl habe, dann kann ich mich ja auch dafür entscheiden, dass ich es einfach toll finde, wenn mich Männer wegen meines Körpers mögen. Blöd nur, dass das kein freier Wille ist, sondern einfach die Erfüllung einer anti-feministischen, sexistischen Propaganda, die auf dem Oktoberfest an jeder Ecke lauert.

Wo einem als Frau vorgegaukelt wird, unser Wert als Mensch wäre daran messbar, wie geil unsere Titten in Tracht aussehen und wie bereitwillig wir mit irgendwelchen alkoholisierten Jockeln rummachen, um unser Ego mit ein bisschen Aufmerksamkeit von Männern zu füttern, da ist Frauenfeindlichkeit und Unterdrückung vorprogrammiert. Denn was wir in der realen Welt längst wissen, ist in der Neverland-Ranch der deutschen Folklore noch nicht angekommen: Der Wert einer Frau ist nicht an ihrem Aussehen messbar und auch nicht daran, wie viel Aufmerksamkeit sie von Männern bekommt.

Solange wir Frauen diesen Scheiß mitmachen und uns dem Patriarchat auf dem Oktoberfest hingeben, ohne Widerstand zu leisten, wird sich so schnell nichts ändern. Denn damit unterstützen und bekräftigen wir Strukturen, die Männer schon fast dazu ermutigen, sexuelle Belästigung – und im schlimmsten Fall sexuelle Gewalt – auszuüben. Frei nach dem Motto: Das interessiert hier eh keinen.

Und schließlich wissen wir Frauen aus der schmerzlichen Geschichte der Frauenrechtsbewegung ja auch: Den Männern die Gleichberechtigung zu überlassen, hat noch nie funktioniert.

Mehr Folgen Fem as Fuck:

>> #1: Wie sexistische Berichterstattung Greta Thunberg ihre Agenda klauen will

>> #2: Darf ich als Feministin "Bachelor(ette)" schauen?

>> #3: Kann man Sexualstraftätern wie Bryce Walker in "Tote Mädchen lügen nicht" verzeihen?

Quelle: Noizz.de