Feminismus und Blowjobs passen echt nur so semi-geil zusammen.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse aus einem feministischen Blickwinkel.

Wie zur Hölle reclaime ich als Feministin Blowjobs? Und muss ich die überhaupt reclaimen oder wer ist dafür zuständig? Diese Fragen sind mir in letzter Zeit ziemlich oft durch den Kopf gegangen. "It's hard to talk with your dick in my mouth" – sangen die Mitglieder von Bikini Kill schon vor meiner Geburt, 1992, in ihrem Song "White Boy". Und sie hatten Recht. Mit dem Schwanz des Patriarchats im Mund ist es für Frauen (und homo- oder bisexuelle Männer) ziemlich schwer, ihre Meinung zu äußern und die sexistische und queerphobe Weltordnung infrage zu stellen.

Blowjobs dienen zur Selbsterhaltung der patriarchalen Machtstruktur, das habe ich so gelernt. Denn seit ich anfing, mich als Teenager aktiv mit dem Thema Sexualität zu beschäftigten, war Oralsex bei Männern in der Welt um mich herum immer mit einer relativ klaren Message verknüpft, die wir noch heute in unserer Gesellschaft finden.

"Als Rapper lutschen Nutten deinen Schwanz"

... schon 2000 rappte Kool Savas diese Line, um zu zeigen, wie geil das Leben als Rapper so ist. Farid Bang rappte 2014 in dem Song "Maskuliner" dann: "Das sind billige Hoes / Dann kommt der legendäre Spruch 'Eigentlich bin ich nicht so' / Vor einer Stunde hat sie noch an meinem Schwanz bisschen rum gelutscht". Klar, wer Schwänze lutscht, der ist 'ne billige Hoe. Denn keine respektable Frau macht das, ist doch logisch!?

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Jetzt denkst du vielleicht – na ja das ist ja schon 'ne Weile her. Ja, stimmt. 2020 rappt Sierra Kid aber eben noch immer "Ihr macht Schwanzlutschen für Vertriebsdeals." Blowjobs sind nicht geil und erniedrigend, aber da müssen andere Rapper eben durch, weil sie keine so erfolgreichen Ficker wie er sind. Und der stets ehrenwerte Bonez MC haute vor einigen Monaten dann noch diese brillanten Blowjob-Lyrics raus: "Hab' aus langer Weile wieder eine Nutte herbestellt / Weil mein Schwanz lutscht sich nicht von selbst." Die homophoben Beispiele habe ich mir an dieser Stelle mal zum Seelenheil aller erspart.

Dieser Müll wird uns seit Jahrzehnten beigebracht. Wir lernen: Schwänze lutschen Nutten und Homosexuelle, beides Gruppen, die heterosexuellen Männern unterlegen sind und das gefälligst auch bleiben. Die Porno-Industrie tut ihr übliches, das Machtgefälle zwischen Mann und Frau bei einem Blowjob als Masturbationsfantasien für Hetero-Boys aufrecht zu erhalten. Die Popkultur lehrt uns überall: Männer haben das Recht, ihren Schwanz gelutscht zu bekommen, Frauen haben Schwänze zu lutschen. Ein selbsterhaltendes, patriarchales System.

Ein bisschen Erniedrigung ist immer dabei

Ich kann mich nicht davon frei machen, dass Blowjobs (in der Theorie) zur Beleidigung und Erniedrigung verwendet werden. Dass sie noch viel zu oft symbolisieren sollen, dass ein anderer weniger dominanter Mann schwul und damit – genauso wie Frauen – weniger wert ist. Glaubst du, wenn man solche Lyrics im Hinterkopf hat, fühlt man sich geil dabei vor einem Typ zu knien, der dir, wenn er ein richtiger Depp ist, auch noch seinen Schwanz so tief in den Hals rammt, dass du fast kotzen musst? Also ich nicht.

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Ich fühle mich sofort in ein Machtgefälle katapultiert, das wir aus unserer sexistischen Gesellschaft nur zu gut kennen. Ich fühle mich dabei weder wohl noch sexuell empowert, sondern einfach nur degradiert. Und wenn ich mir dann noch vorstelle, der Typ sagt am nächsten Tag zu seinen Kumpels "Die hat meinen Schwanz gelutscht", könnte ich als Feministin auch ohne Penis im Rachen auf den Boden kotzen.

In meinem Kopf bin ich durch die gesellschaftliche Prägung und Stigmatisierung von Blowjobs dabei sofort zu einem Objekt degradiert. Ob das Männer bei Oralsex an Frauen genauso geht? Das wage ich ehrlich zu bezweifeln. Denn Pussys zu lecken wurde eben nie so systematisch instrumentalisiert, um die Dominanz von cis hetero Männern zu demonstrieren.

Das heißt jetzt nicht, dass es nicht auch wertschätzende Beziehungen gibt, in denen man von Männern nicht so behandelt wird, wie es die oben genannten Rapper wohl tun würden. Aber so richtig ablegen kann ich dieses Vorwissen einfach nicht. Und genau deswegen habe ich auch nie so richtig gelernt, Spaß an Blowjobs zu haben. Vielleicht muss man diese Praktik ja so reclaimen. Aber was habe ich dann am Ende davon?

Mehr aus meiner Kolumne Fem as Fuck liest du hier.

  • Quelle:
  • NOIZZ.de