Sorry, aber nein, mein Vadder ist nicht dafür verantwortlich, dass ich [Name von geilem Ü50-Schauspieler] heiß finde.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse aus einem feministischen Blickwinkel.

Kennst du den Fall "Dora" von Sigmund Freud? Dabei handelt es sich um einen Bericht über die Behandlung der Österreicherin Ida Bauer – anonymisiert eben Dora – aus dem Jahr 1905. Die damals 18-jährige Ida erzählte in ihren Sitzungen mit Freud 1900 davon, dass sie von einem älteren Mann, nur Herr K. genannt, auf dessen Kinder sie oft aufpasste, wiederholt sexuell belästigt wurde.

Und der alte Sigmund, bekannt für seine Liebe zu Penissen, deutete das Ganze nicht etwa als eine junge Frau, die mit dem Trauma von sexuellem Missbrauch kämpft und sich ihm anvertraut, nein, er attestierte Ida stattdessen ein sexuelles Verlangen nach ihrem eigenen Vater, dass sie durch die Missbrauchserzählungen auszudrücken versuchte. Dass sie wirklich missbraucht wurde, glaubt der Siggi ihr nämlich nicht so richtig.

Denn im Leben von jungen Frauen dreht sich am Ende eben doch nur alles um den eigenen Vater. Keine Person hat laut unserer Gesellschaft so viel Einfluss auf uns wie der Patriarch der Familie. Mütter? Neeee, die sind doch Frauen, die haben garantiert nicht genug Einfluss. Großeltern, Geschwister oder etwa Erziehende? Auf gar keinen Fall.

Das Patriarchat erklärt sich mit dem Vaterkomplex selbst zu einer validen Gesellschaftsordnung

Egal ob unser Vater abgehauen ist, gestorben ist, sich von unserem anderen Elternteil getrennt hat oder eine wahnsinnig positive Person in unserem Leben ist – alle Probleme von jungen Frauen, vor allem was Beziehungen angeht, haben mit Daddy zu tun. Sobald man diesen Begriff in den Raum wirft, diskreditiert man die Frau, um die es geht, sofort.

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Oh, du datest einen älteren Mann? Hast wohl Daddy Issues, würde ich sagen. Dir hat wohl immer eine Vaterfigur gefehlt, die sich um dich kümmert. Macht ja auch nur Sinn, dein Papa hat dich und deine Geschwister ja mit sieben verlassen, ist ja klar, dass du ihn jetzt mit deinem Freund ersetzen willst.

Diese Narrative ist a tale as old as time (und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich früher auch schon mal solche Scheiße gelabert habe). Diese Erzählung suggeriert sofort, dass man als Frau keinen freien Willen hat und garantiert keine Präferenz haben kann, die sich nicht durch ein psychisches Trauma oder Verlangen nach Zuneigung – ausgelöst durch den almighty Patriarchen – erklären lässt.

Oh, dein Freund ist genau das Gegenteil von deinem Vater? Was ist denn da los, habt ihr keine gute Beziehung? Das ist ja schon auffällig, dass du da einen Mann gesucht hast, der auf keinen Fall so ist wie dein Papa. Merkste selbst oder?

Man kann nicht gewinnen

Auch cool, dass Daddy Issues eigentlich nur bei Frauen ein Thema sind. Hast du schon mal mitbekommen, dass das Sex- oder Beziehungsleben eines Mannes auf das Verhältnis zu oder Verhalten seines Vaters zurückgeführt wurde? Eben. Denn da kommen wir wieder bei Freud an.

Für Frauen ist der einzig wichtige Mann der Vater, der ihr Leben von Grund auf beeinflusst, denn in einer patriarchalen, heteronormativen Gesellschaft steht eine Frau immer in ungleichen Beziehung zu einem Mann. Und so werden auch alle Probleme, Traumata oder simple Identitätsmerkmale in eine ungleiche Beziehung zu einem Mann gesetzt.

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Wenn wir das reproduzieren, dann reproduzieren wir auch die Vorstellung, dass Männer so einen unfassbaren Einfluss auf Frauen haben, dass er nur lebensverändernd sein kann. Dass eine Frau von ihrem Vater so geprägt ist, dass sie nicht mehr rational handeln kann und ihr (Liebes-)Leben damit verbringt, ihren Vaterkomplex zu heilen. Wir reproduzieren die Narrative, dass eine Frau den emotionalen Machenschaften ihres Vaters wehrlos ausgesetzt ist und es nicht um die Frage geht ob sie Daddy Issues hat, sondern nur wie sehr.

Natürlich haben unsere Eltern einen enormen Einfluss auf unsere Leben

Positiv und negativ. Doch in meinen Augen wird der Vaterkomplex mitunter nur genutzt, um Frauen zu diskreditieren und auf ihren Platz in der patriarchalen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Und das zeigt mal wieder, dass es hier um eine sexistische Gesellschaftsordnung geht, in der nur Männer Einfluss haben.

Mehr aus meiner Kolumne Fem as Fuck liest du hier. Feministische Rants gerne in meine DMs bei Instagram.

  • Quelle:
  • NOIZZ