Wenn ich mich inspirieren lassen möchte und neue Perspektiven suche, dann finde ich das längst bei TikTok und nicht mehr bei Instagram. Denn in Mark Zuckerbergs Lieblings-App findet sich leider nur noch ein Einheitsbrei, aus dem zumindest ich nicht so recht rausfinde.

Zwei Jahre lang habe ich mich sehr bewusst gegen TikTok aufgebäumt und das auch als aktiven Teil meiner Persönlichkeit gesehen, dass ich dem Trendstrom entgegenschwimmen konnte. Das war wohl ziemlich dumm, denn für mich finden die wirklich weltverändernden Dinge mittlerweile längst nicht mehr bei Instagram statt, sondern bei TikTok – ein Satz, von dem ich vor einigen Monaten noch nicht gedacht hätte, dass ich ihn mal sagen werde.

Instagram ist immer derselbe Brei – mal mehr woke, mal weniger

Instagram gibt es mittlerweile seit zehn Jahren, und vor einigen Jahren habe ich mir dort eine kleine Bubble geschaffen, die alles andere als gesund ist. Dünne Models, stinkreiche Kardashians, Fast-Fashion-Brands und hier und da eine Band bestimmten meinen Feed. Über die Jahre habe ich das hier und da geändert, doch die Geister der Vergangenheit holen mich dort immer wieder ein.

Wenn ich Kylie Jenner entfolge, weil mich ihr Körper triggert und ihr Reichtum so unfassbar neidisch und unglücklich mit meinem eigenen Leben macht, taucht die Olle am nächsten Tag auf meiner Discover-Page wieder auf. Und zack! klick ich doch wieder drauf, und am nächsten Tag sehe ich das nächste Bild von ihr in meinem Feed. Ein endloser Kreislauf. Ich folge und entfolge billigen Mode-Labels, die sowieso alle Influencer*innen in meinem Feed tragen, beinahe wöchentlich.

Vielleicht fehlt mir der Wille, oder Instagram will mich aus der Welt der Schlanken und Reichen einfach nicht so recht gehen lassen. Einen komplett neuen Account starten und nur "Sinnfluencer*innen" und Curvy Girls folgen – dafür bin ich leider zu faul. Und selbst die machen leider alle so ziemlich dasselbe, und das habe ich schon hundertfach gesehen. Immer wieder derselbe Post zu Body Positivity. Dieselbe Grafik zum Sterben des Amazonas. Der gleiche Influencer im immer gleichen Supreme-Drip. Alles ist hier auf die größtmögliche Ästhetik, dem Thema entsprechend, ausgelegt.

Und was ich da selbst poste, ist ebenso wenig spannend, wenn ich mal ganz ehrlich bin. Meine Aufmerksamkeitsspanne bewegt sich dementsprechend bei null. Das fällt einem allerdings erst auf, wenn man mal einen Blick über den Tellerrand wirft. Für mich hieß das:

Mich voll und ganz dem mystischen TikTok-Algorithmus hingeben

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Am Anfang bin ich wirklich durch die Scheiße gegangen. Heißt: Grausame deutsche Comedy, Tanzvideos und dumme TikTok-Challenges. Doch dann habe ich nach nur 48h Content-Hölle meine geilen Nischen-Influencer*innen gefunden. Und plötzlich habe ich gemerkt, wie unfassbar öde und prätentiös der Content bei Instagram ist.

Bei TikTok werden feministische und anti-rassistische Manifestos mit Pickel-Creme im Gesicht und nassen Haaren leidenschaftlich einfach in die Kamera gequatscht. Da werden geile Mode-Looks in Größe 50 von richtigen Bad-ass-Frauen* präsentiert. Da wird das traditionelle Männlichkeitsbild aufgebrochen. Fast immer gibt man dabei einen Fick auf die klassische glattgebügelte Insta-Ästhetik. Und all diese Großartigkeit wird mir einfach so in den Feed gespült. Ich muss die Influencer*innen nicht selbst mühselig finden, sie finden mich. Das ist ziemlich großartig.

Jede*r hat dort die Möglichkeit, jederzeit viral zu gehen. Man braucht keine große Followerschaft, um das Potenzial zu haben, die eigene Message an die richtigen Leute zu tragen. Das scheint die Menschen dazu zu inspirieren, einfach schonungslos sie selbst zu sein. Klar gibt es auch hier die perfekt inszenierten Blogger*innen und toxische Communitys, aber die wischt man sich schneller aus dem Feed, als Instagram eine neue Funktion von einer anderen App klauen kann.

Meiner Erfahrung nach findet man wahnsinnig inspirierenden Menschen bei TikTok, die Blickwinkel aufzeigen und Denkanstöße geben, die man in Instagram-Stories vergebens sucht. Auf keinem sozialen Netzwerk habe ich je so eine Vielfalt an Personen gesehen, egal ob es um Herkunft, Body-Type oder Begabung geht. Und das ist genau der Aktivismus, den wir im großen Stil brauchen, um uns zu einer offenen, diversen, anti-rassistischen und -sexistischen Gesellschaft zu entwickeln. Wir alle müssen gesehen und wertgeschätzt werden. Egal, wer wir sind.

Natürlich hat die chinesische App ihre Schattenseiten ...

... die wir alle längst den Medien entnommen haben, und ich kann komplett nachvollziehen, wenn man deshalb TikTok meidet. Doch wenn ich wirklich Inspiration und Motivation brauche, dann gibt es für mich gerade keinen progressiveren Ort als TikTok.

P.S.: Und ziemlich witzigen Scheiß gibt es da auch, sobald mal man es mal aus der deutschen Comedy-Bubble rausgeschafft hat.

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Alle Folgen meiner Kolumne Fem as Fuck kannst du hier nachlesen.

  • Quelle:
  • Noizz.de