Die "Harry Potter"-Autorin J.K. Rowling bricht gerade reihenweise Herzen. Geht dir das auch so, dass die trans*feindlichen Aussagen und das neue Buch von J.K. zur Verzweiflung bringen? Dann ist dieser Brief für dich.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse aus einem feministischen Blickwinkel.

Liebe J.K.,

du kennst mich nicht, aber ich kenne dich sehr gut. Wie viele Millennials hat deine Buch- und Filmreihe "Harry Potter" mein Leben unfassbar bereichert. Diese Welt, die du geschaffen hast, ist genial, du bist eine wahnsinnig starke und intelligente Frau. Das merkt man ziemlich schnell, wenn man sich anschaut, was du geschaffen hast. Mit Hermine Granger hast du die erste feministische Ikone in mein Leben gebracht. Sie ist furchtlos, mutig, gibt keinen Fick auf das Patriarchat und lässt sich schon gar nicht die Welt von Männern (looking at you Ron) erklären.

Selbst bevor ich wusste, was Feminismus bedeutet, wusste ich, so wie Hermine sollte man sein.

An der Uni habe ich eine Hausarbeit über "Harry Potter" geschrieben, crazy oder? Es ging um die Repräsentation von Menschen mit Behinderung in der kleinen magischen Welt, die du geschaffen hast. Das Fazit deiner Werke war immer, dass sie empowernt, inspirierend und vor allem inklusiv und feministisch waren. Doch vor ein paar Monaten fing die Scheiße dann an.

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Auf Twitter hast du trans* Frauen das Recht abgesprochen, vollwertige Frauen zu sein. "Sex is real", also das biologisch zugeordnete Geschlecht ist die Realität, wolltest du die Welt wissen lassen. Denn sonst gäbe es ja auch keinen Sexismus und das Schicksal von vielen diskriminierten Frauen sei damit ausgelöscht. Danach folgte eine Reihe von verwirrenden Tweets, die Solidarität mit trans* Personen ausdrückten, obwohl du gerade klargemacht hast, dass eine trans* Frau für dich doch nur ein biologischer Mann ist.

Zur Rettung kam unter anderem Emma Watson und Daniel Radcliffe mit solidarischen Tweets an die trans* Community. Aber ein bitterer Beigeschmack bei jeder Minute "Harry Potter"-Hörbuch ist seitdem da. Du bist doch eine intelligente Frau, warum kannst oder willst du nicht verstehen, dass eine trans* Identität real ist? Dass es Männer* mit Vaginas und Frauen* mit Penisen gibt? Dass sich manche Menschen weder als Frau* noch Mann* sehen?

Du weißt doch auch, dass in einem Muggle-Körper ein*e Zauberer*in stecken kann und dann eben magische Fähigkeiten hat, genauso ausgeprägt wie eine Person aus einer Magier-Familie. Ich weiß, diese Vergleiche werden etwas kitschig, but you get the idea, right? (Deswegen dürfen cis-Frauen übrigens weiterhin in Frieden existieren, und ihre Diskriminierung bleibt weiterhin auf der Agenda von Aktivist*innen.)

Nachdem ich ganz egoistisch deine trans*feindlichen und verwirrenden Tweets irgendwo unter Drakes Kollabos mit Chris Brown oder Donald Trumps Vergewaltigungsvorwürfen vergraben hatte, habe ich kurz vergessen, dass mich die Titelmusik von "Harry Potter" nie mehr so naiv glücklich machen kann wie vor einigen Monaten. Und dann hast du echt noch einen drauf gesetzt, und langsam verliere ich die Hoffnung. Du hast ein neues Buch geschrieben, Props dafür, indem ein (cis-)Mann in Frauenkleidung Menschen umbringt. Ähm, wait a second?

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Vermutlich willst du uns auch noch weiß machen, dass deine Aussagen über trans* Menschen, für die du angeblich sogar protestieren würdest, gar nichts mit dem Plot deines Romans zu tun haben. Hey, J.K., du bist eine intelligente Geschäftsfrau und weißt ziemlich genau, dass solche Storys zur Diffamierung von trans* Frauen beitragen.

Ich muss dir mal was sagen: Wenn du das Existenzrecht von trans* Personen nicht in seiner Gänze anerkennst, dann bist du keine Feministin.

Denn es geht doch genau darum, dass das Geschlecht, egal ob sozial oder biologisch, absolut nichts daran ändert, wie fähig man als Mensch ist oder wie viel Wert die eigene Existenz hat. Das ist doch die gottverdammte Essenz von Feminismus. Und die gilt nicht nur für weiße cis-Frauen!

Egal, wer du bist, du hast das Recht, genauso viele Opportunities in deinem Leben zu haben wie ein weißer Mann. Egal ob du ein trans* Mann, non-binäre Latinx oder eine Schwarze Frau bist. Feminismus kämpft für die Gleichberechtigung aller Geschlechteridentiäten, nicht nur für Frauen.

Ich bin echt immer noch ein bisschen verwirrt, aber habe die Hoffnung bei dir noch nicht aufgegeben. Denn du sagst ja, du willst dich mit trans* Menschen solidarisieren, für sie kämpfen und dass du sie "liebst". Aber, meine Liebe, an der Grundpremisse musst du arbeiten, bevor dir das jemand abkauft. Und deinen neuen Roman solltest du vielleicht noch einmal überdenken und lieber eine neue Edition eines "Harry Potter"-Romans rausbringen und uns alle daran erinnern, dass du doch eigentlich für eine bessere Welt gesorgt hast.

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Ich kann echt nicht noch mehr lieb gewonnene Kunst verlieren, nur weil schon wieder eine*e Künstler*in irgendwelche Scheiße gebaut hat.

Da fällt mir ein, kannst du vielleicht auch Johnny Depp in "Fantastische Tierwesen" recasten, while you're at it? Das wäre toll, danke.

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Lass es dir doch alles noch einmal durch den Kopf gehen, und wenn du dann verstanden hast, dass "trans* Menschen, die Personen sind, die sie sagen, dass sie sind" (Zitat Emma Watson), dann nehmen wir dich auch gerne wieder in unsere feministischen Kreise auf. Bis dahin musst du die öffentliche Ächtung leider (zurecht) ertragen.

Mehr aus meiner Kolumne Fem as Fuck liest du hier. Feministische Rants gerne in meine DMs bei Instagram.

  • Quelle:
  • Noizz.de