Kein Sex ist auch keine Lösung.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse aus einem feministischen Blickwinkel.

Das die Welt sexistisch ist, ist echt nichts Neues. Bei vielen Dingen weiß man auch, dass sie sexistisch sind, beziehungsweise nur aus diesem Grund überhaupt existieren. Bei anderen Dingen ist es dagegen so: Je mehr man sich damit befasst, desto mehr versteht man, welche sexistische Kackscheiße man da vor sich hat.

Ist mir kürzlich so gegangen, als ich mich mal wieder intensiv mit dem Thema Verhütung beschäftigt habe. Ich behaupte mal, es gibt wenig gesundheitliche Themen, die sexistischer sind als Verhütung. Sich vor einer unerwünschten Elternschaft zu schützen, das ist am Ende eben der Schutz vor einer Schwangerschaft und damit mal schön die Sache der Frau. Ein Typ kann ja schließlich wegrennen, ein Phänomen, bekannt aus Film und Fernsehen, eine Frau steht dann eben da und muss sich vor die Entscheidung stellen: Kind kriegen oder nicht.

Free The Uterus

Aber darum geht es heute nicht. Es geht darum, dass Verhütung seit Jahrzehnten systematisch auf Frauen abgewälzt wird und deren Gesundheit aufs Spiel gesetzt wird, während es bei Männern das Höchste der Gefühle ist, sich eine dünne Latexhülle über den Penis zu ziehen. Schon klar, Kondome sind eines der beliebtesten Verhütungsmittel und werden von Männern benutzt - und sind das einzige Verhütungsmittel, das vor Geschlechtskrankheiten schützt! Doch der entscheidende Unterschied ist, dass sie nicht in die physische und psychische Unversehrtheit von Menschen mit Penis eingreifen.

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Mit 14 Jahren wurde mir die Pille das erste Mal von meiner Frauenärztin verschrieben

Schon damals hatte ich Schiss davor, was sie mit meinem Körper macht. Ich kannte die Horrorstorys von Partybekanntschaften und Freund*innen, die dadurch zugenommen haben. Denn darüber wurde als Teenie gut getuschelt. Und ich hatte Schiss vor der Frage der Ärztin: Rauchst du? Mir wurde von allen anderen Girls aus meinem Freundeskreis schon beigebracht, wenn ich bei dieser Frage lüge, wird es gefährlich. Denn dann kann man Thrombose bekommen.

Ich hatte keine Ahnung, was genau das überhaupt bedeutete, aber ich wollte es auf keinen Fall bekommen. Ich konnte mit 14 aber doch auch nicht vor meiner Mutter zugeben, dass ich am Wochenende aus Gruppenzwang und Coolness-Wunsch eine Packung Zigaretten paffte. Die Frage stellte meine Ärztin nicht. Doch ich war nicht erleichtert, sondern saß nervös Zuhause und hatte Schiss vor Thrombose. Seitdem gehörte die Pille zu meinem Alltag – und ab da zusätzlich ein Kondom zu benutzen, empfand niemand der Beteiligten als notwendig. Ich und die Hormone machten das schon.

Irgendwie habe ich mich damit immer sicher gefühlt

Ich war selbst dafür verantwortlich, nicht mit 16 schwanger und verzweifelt zu sein. Doch es hat mich auch unglaublich gestresst, jeden Morgen zur etwa selben Zeit diese kleine rosa Pille mit bitterem Geschmack runterzuwürgen. Mit Anfang 20 hatte ich dann eine erste Erleuchtung: Wieso zur Hölle muss ich mir diesen Scheiß eigentlich jeden Tag in den Rachen hauen? Gerade als Single ohne große ONS-Erlebnisse habe ich das nicht mehr eingesehen, am Ende habe ich es auch einfach dafür getan, dass ich nicken konnte, wenn Typen mich gefragt haben, ob ich die Pille nehme.

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Als ich dann noch gehört habe, dass tatsächliche (großartige) Typen die Hälfte der Pille bezahlen und auch mal zum Arzt laufen und das Rezept klarmachen, war meine Seifenblase endgültig geplatzt. Frauen sind nicht allein für die Verhütung verantwortlich. Man muss die Nebenwirkungen der Pille oder von anderen Verhütungsmitteln nicht leise hinnehmen, während es Typen oft nicht mal schaffen, eine Packung Kondome für 'nen Zehner am Start zu haben. Man kann zumindest den Versuch von Gleichberechtigung wagen.

>> Ich will die Pille absetzen: 7 Frauen erzählen, wie ihre Partner reagierten

Leider war meine Frauenärztin, zu der ich seit ein paar Jahren ging, nicht so feministisch wie ich. Als ich bei ihr nachfragte, welche Wege es denn noch gebe, zu verhüten, ohne so viele Nebenwirkungen zu haben, wie bei der Anti-Baby-Pille, zuckte sie nur müde mit den Schultern. Da kommt für mich eigentlich nichts anderes infrage, so ihre Antwort.

Frauenärzt*innen sind nämlich Teil des Problems

Neben der gesellschaftlichen Norm, dass Frauen eben zu verhüten haben, wenn sie nicht schwanger werden wollen, verdienen sich die Frauenärzt*innen sich einen Arsch voll Kohle mit Rezepten. Die Pille zu verschreiben, machen sie nicht immer unbedingt, weil es die beste Lösung für eine Frau oder eine Person mit Uterus ist. Vor einigen Monaten daher der neue, bereits resignierte Versuch meinerseits. Ich frage mein Ärztin: “Haben Sie auch eine günstigere Pille, die die ich jetzt habe, kann ich mir eigentlich nicht leisten!?” Sie würdigt mich keines Blickes. Ich zahle pro Halbjahr so um die 55 Euro, alle meine Freund*innen nur 35. “Nein, also Sie haben schon eine der Günstigeren.” Na geil. Danke für Nichts, again.

Dann bleibt wohl erst einmal nur, die Pille absetzten und nach über einem Jahrzehnt Hormonbombadierung mal wieder klarkommen. Macht einem ganz schön Angst. Ich habe von Perioden gehört, die fast jahrelang ausbleiben, Knoten in der Brust, die von Horomonablagerungen stammen. Ich höre aber auch davon, nach Jahren endlich wieder klar denken zu können, nicht mehr depressiv zu sein und endlich wieder eine Libido zu haben. Die Nebenwirkungen der Pille greifen gravierend in den Charakter, die Gesundheit und den Alltag ein, das wird oft erst bewusst, wenn man sie – entgegen der gesellschaftlichen Norm – absetzt.

Die feministische Alternative existiert leider noch nicht so recht

Kondome reißen (selbst erlebt), die Pille für den Mann gibt es nicht. Das liegt schlicht daran, dass die Nebenwirkungen einfach so verdammt schlimm sind, dass man das Männern nicht zumuten könnte. Was diese schlimmen Nebenwirkungen sind? Das kann man zum Beispiel im Beipackzettel einer handelsüblichen Anti-Baby-Pille für Frauen nachlesen. Oder eben im vorangegangenen Absatz.

Die Temperaturmethode ist zwar natürlich und greift nicht in den Hormonhaushalt ein, doch dann muss man als Frau beziehungsweise Person mit Uterus wieder jeden Tag die Temperatur messen. Das nervt. Erkältungen und Co. können außerdem das ganze Konzept zunichtemachen. Wie sicher und angenehm zum Beispiel ein Diaphragma ist, dass kann ich dir an dieser Stelle leider nicht sagen. Meine Frauenärztin wollte mich ja dazu nicht aufklären. Über die Kupferspirale habe ich quasi auch nur Horror-Stories gehört. Und irgendwie war ich wohl zu resigniert, um selbst noch einmal nachzulesen.

Ja was nun? Kein Sex ist auch keine Lösung.

Alle Folgen meiner Kolumne Fem as Fuck kannst du hier nachlesen.

Quelle: Noizz.de