Sollte man als Feminist*in Rapper hören, die mit mutmaßlichen Frauenschlägern zusammen Musik machen? Ganz klares Nein. Blöd nur, dass ich es trotzdem mache.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse aus einem feministischen Blickwinkel.

"I mean where the fuck should I even start?" – Sich als Feminist*in in dieser Welt zu bewegen, kann so unglaublich frustrierend sein. Tagtäglich wird man mit sexistischer Kackscheiße konfrontiert. Aber natürlich hat man nach ein paare Jahren oder Jahrzehnten bei weitem nicht mehr die Energie, sich gegen alles zu wehren, geschweige denn, sich über alles aufzuregen. Schließlich ist man am Ende auch selbst der/die Leidtragende, wenn man mal ganz pragmatisch ist. Das geht mir so unendlich auf den Sack.

>> Wer sich als Frau gerne auszieht, ist nicht gleich anti-feministisch

Als Feminist*in verpflichtet man sich quasi für die Gleichberechtigung aller einzustehen und problematische Inhalte oder Personen entweder zu boykottieren oder gezielt zu verändern, wenn das möglich ist. So weit, so löblich. Nur kann das beim besten Willen niemand wirklich immer so einhalten. Denn Sexist*innen, vermeintliche Frauenschläger*innen und Rassist*innen lauern überall und machen mir den Spaß am Leben kaputt.

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Wenn ich so richtig konsequent wäre, dann dürfte ich den kanadischen Rapper Drake längst nicht mehr laut in meiner Bude hören. Denn zum einen bedient auch er sich immer wieder frauenverachtenden Ausdrücken und dementsprechenden lyrischen Bildern, zum anderen arbeitet er mal eben mit Chris Brown zusammen, der vermutlich die gemeinsame Ex Rihanna verkloppt hat. Wie egal kann einem eine Frau oder (Ex-)Freundin denn bitte sein?

Doch ohne Drizzy geht halt irgendwie auch nicht.

Ich rede mir immer ein, er wäre einer der Guten

Stimmt ja auch irgendwie, denn Hip-Hop und hierzulande vor allem Deutschrap sind sexistischer Atomkrieg. Da werden Wörter und Sätze gedroppt, da wird einem ganz anders. Und eine breite Masse zieht sich den Scheiß dann rein und hat mit jedem Song mehr dieses krass sexistischen Gedankenguts in der Birne und handelt im echten Leben dann im Zweifel dementsprechend. Beispiele von Gzuz und Co. erspare ich dir und mir hier mal, sonst kotze ich auf meine Tastatur und ich wollte ja noch mal über Drizzbert schwadronieren.

Im Gegensatz zu bereits erwähnten Rappern ist es ja quasi schon harmlos, was Drake da in seinen Texten fabriziert. Und man kann als Feminist*in auch nicht ohnehin, mal ein verdammtes Guilty Pleasure zu haben. Denn unsere ganze Gesellschaft ist so durchzogen von Sexismus, dass man ehrlich fast alles boykottieren müsste und das beschissenste Leben haben würde. Ohne bisschen Spaß und Tunes kann man sich dann eben so schlecht den dringlichsten Problemen der Bewegung wie Menschen à la Wedel, Epstein, Nassar und Weinstein zuwenden.

>> Das Dilemma der weißen Frau

Uff, jetzt habe ich mich wirklich verdammt angreifbar gemacht. Aber macht nix, manchmal muss man die schmerzhafte Wahrheit einfach ins Internet klatschen. Mir ist durchaus bewusst, dass auch Kleinvieh Mist macht und wir auch gegen Microaggressions wie ein "Hoe" hier und ein "Bitch" da in einem Darke-Track vorgehen müssen. Dass ich natürlich "Fantastic Beasts" boykottieren müsste, weil J. K. Rowling transphob ist und Johnny Depp vermutlich auch regelmäßig Amber Heard verprügelt hat. Ich will aber doch manchmal auch nur mal kurz die Probleme der Welt, wie genau solche Menschen, vergessen und mir einfach einen nicen Film im Kino reinziehen. Klingt paradox, ich weiß.

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Sorry, Patriarchat, ein Drake-Song noch, dann kämpfe ich weiter

In meinen Augen kann man den/die Künstler*in und die privaten Taten beziehungsweise Ansichten nie von der Kunst trennen. Nie. Denn damit unterstützt man diese problematischen Menschen und signalisiert, dass es egal ist ob man trans* Menschen ihren Wert abspricht oder Frauen verkloppt, man kann trotzdem erfolgreich sein. Das geht in meinen Augen gar nicht. Natürlich gibt es auch wahnsinnig viele tolle, inklusive, feministische Künstler*innen, die unsere Aufmerksamkeit und Kohle auch wirklich verdienen. Ich versuche auch wirklich, die zu finden und zu konsumieren.

Aber verzeiht mir, wenn ich auch ganz ehrlich zugeben muss, dass man jeden Tag neue Kämpfe austragen muss, on- und offline, und manchmal einfach eine Pause braucht. In einer idealen Welt würde ich Drake und seine Musik längst scheiße finden und sonst noch etliche Kulturgüter aus meinem Alltag verbannen. Leider sieht die Realität anders aus und manchmal braucht man ein Guilty Pleasure damit man nicht zum "Feminist Killjoy" des eigenen Lebens wird. Die Drake-Songs zusammen mit Chris Brown höre ich mir übrigens schon aktiv nicht an. Baby-Steps.

Mehr aus meiner Kolumne Fem as Fuck liest du hier. Feministischen Drake-Ersatz und Co gerne per DM an mein Instagram.

Quelle: Noizz.de