Shirin David darf sich, wie jede andere Frau, ausziehen und gleichzeitig eine Feministin nennen – oder?

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse aus einem feministischen Blickwinkel.

"Wenn du dich nicht anziehst, dann nehmen sie dich nicht ernst." So oder so ähnlich hieß es in einem Gespräch zwischen Shirin David und ihren Agent*innen, wie sie kürzlich dem "Spiegel" verraten hat. Die Rapperin und ehemalige YouTuberin weiß, wie sie ihren Körper in knappen Outfits perfekt in Szene setzt, wie sie damit Männer und Frauen um den Verstand bringt. "Nicht gewagt, sondern notwendig", ließ uns die 25-Jährige schon 2019 in "Gib ihm" wissen.

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Aber wie passt das zusammen, feministisch unterwegs sein und trotzdem ständig die Hüllen fallen lassen?

Wer in eingestaubten Rollenbildern denkt, könnte jetzt so wie Shirins Agent*innen meinen, wer sich gerne auszieht und viel Booty zeigt, wird in dieser Gesellschaft nicht ernst genommen. Erst Recht nicht als Feministin. Dabei ist natürlich erst mal überhaupt nichts anti-feministisch daran, wenn man den eigenen Körper gerne zeigt. Denn auf die Agenda kommt es immer an.

Wenn auf einem Werbeplakat für einen Burger eine halb nackte Frau ist, dann ist das durchaus sexistisch. Denn was hat denn die leicht bekleidete Frau mit dem Scheiß-Burger zu tun? Nichts. Sie soll nur nach dem Motto "Sex sells" Aufmerksamkeit erregen und einen Traum verkaufen, sie wird als Verkaufsmittel wegen ihres Körpers, der in dieser Werbung garantiert dem gängigen Schönheitsideal entspricht, benutzt.

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Immer wenn der Male Gaze in so einer Art bedient wird, kann man von Sexismus reden. Doch wenn Shirin in einem knappen Bikini in ihrem Musikvideo oder bei Instagram posiert, dann ist das noch mal eine ganz andere Nummer.

Was ist der Male Gaze?

Die Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey hat bereits in den 70ern den mittlerweile geflügelten Begriff des Male Gaze eingeführt. Dabei handelt es sich um einen männlichen Blickwinkel, der Frauen auf mehreren Ebenen objektiviert. Im Klartext sah das zur damaligen Zeit so aus: Frauen in Filmen waren vor allem schmückendes Beiwerk für den männlichen Hauptdarsteller und wurden als erotische Fantasie von ihm und dem Publikum inszeniert. Zur Handlung trugen sie nur passiv bei, zum Beispiel, indem sie den Helden der Geschichte durch ihre Zuneigung oder Sexualität wieder auf den richtigen Weg führten. Ziemlich sexistisch, oder?

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Doch wo ist dann der Unterschied wenn sich Shirin David in "Hoes Up G's Down" dann im Bikini auf einem Jetski rekelt? Die 25-Jährige stellt sich bewusst so dar und spielt mit der Macht, die sie über Männer (und Frauen) hat, wenn sie den Male Gaze bedient. Sie verfolgt damit ihre eigene Agenda – und wird eben nicht einfach von einem Mann als Lustobjekt in ein Musikvideo oder einen Film gestellt. Sie weiß genau, was sie tut und ist die treibende Heldin in ihrer Storyline.

"Ein bisschen nackte Haut schadet keinem"?

So weit so gut, wäre da nicht das ewige Dilemma, dem sich alle feministischen Insta-Girls regelmäßig stellen müssen: Zählt die Agenda überhaupt, wenn das visuelle Endergebnis der Darstellung einer Frau dann doch wieder den Male Gaze bedient? Können wir uns in einer so triefend sexistischen Gesellschaft überhaupt so weit vom Male Gaze und Schönheitsideal entfernen, dass wir damit spielen können? Oder bedienen wir mit unserer feministischen Agenda, die unsere Körper reclaimen soll, doch wieder nur das Idealbild einer attraktiven, freizügigen Frau, auf die sich so viele Typen einen runterholen?

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Oder um es mit den Worten von Diane Nguyen aus meiner Lieblingsserie "Bojack Horseman" zu sagen: "Ich frage mich, ob es Frauen überhaupt möglich ist, ihre Sexualität in dieser tief verwurzelten patriarchalischen Gesellschaft zu reclaimen. Oder ob das eine Lüge ist, die wir uns erzählen, damit wir den männlichen Blick bequemer bedienen können."

Irgendwie ernüchternd ist das Ganze ja schon. Auf der anderen Seite wird man als Frau leider immer noch so oder so zum Objekt einer sexuellen Fantasie, egal ob sie bekleidet ist oder nicht. Billie Eilish kann davon ein Lied singen. Also lautet die Devise vielleicht doch einfach: jede*r wie er/sie Bock hat, solange es selbstbestimmt passiert.

Mehr aus meiner Kolumne Fem as Fuck liest du hier.

  • Quelle:
  • Noizz.de