In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse aus einem feministischen Blickwinkel.

Wisst ihr noch Anfang 2020, als ich eine Kolumne darüber geschrieben habe, dass ich in diesem Jahr nur Sex mit Feministen haben will? Das waren noch Zeiten, als ich das Hauptaugenmerk nur auf dieses Thema legen konnte und noch guten Gewissens Typen gefunden habe, die dieser Vorstellung entsprochen haben. Doch dann kam eben 2020 so richtig in die Gänge und meine Suche nach einem moralisch passenden Gegenüber ist vollkommen außer Kontrolle geraten. Denn wer sich nicht aktiv anti-rassistisch einsetzt, ganz klar gegen Queerphobie ist und sich stolz als Feminist bezeichnet, kommt mir nicht mehr ins Haus.

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Die Suche nach dem woken Hetero-Mann endet immer mit Kopfschmerzen

In unserer liberalen Regenbogenbubble in Berlin findet man da ja bestimmt trotzdem noch genug Hetero-Männer, die man mit gutem Gewissen daten beziehungsweise ficken kann, oder? Was soll ich sagen – bisher habe ich noch keine gefunden. Kurze Klarstellung: Natürlich kenne ich viele großartige woke Männer, doch mit denen bin ich eben befreundet oder verwandt und es geht hier gerade ums Dating. "Die sind halt nicht auf Datingapps", wirft mir meine Freundin Käthe mit ernstem Blick zu. Na danke. Ich bin aber doch auch woke und auf (allen nicht ganz so räudigen) Datingapps unterwegs? Faulheit, Corona und Social Anxiety sei Dank.

Das Problem ist, dass jedes Date zum Horror wird, wenn man sich nicht bei den Werten einig ist. Ich diskutiere ja sowieso schon on- und offline viel über Frauen- und LGBTQ-Rechte und in den aktuellen Wochen natürlich auch viel über Alltagsrassismus und Diskriminierung gegen People of Color. Das ist ja auch wichtig, aber ich habe doch echt keine Nerven besonders ganz grundsätzliche Fragen noch mit einem Typen zu diskutieren, den ich seit fünf Minuten kenne, eh nicht attraktiv finde und nach diesem Date garantiert nie mehr sehen werde.

Nicht diskutieren ist irgendwie auch nicht die Lösung

Denn so dumme Aussagen einfach stehenzulassen, das kann ich schon rein charakterlich nicht. Denn ich muss einfach immer diskutieren und meine Meinung äußern, wenn ich das Gefühl habe, dass die andere Person ein eingestaubtes Weltbild hat, dass gewisse Menschen unterdrückt, und auch einfach irgendwie dumm ist. Lol.

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Kürzlich wollte ich mich mit einem Typen relativ spontan am Samstagabend treffen. Eigentlich hatten wir schon ausgemacht, dass er vorbeikommt. Doch dann hat es in meinem Hirn an der Tür geklopft und meine Moralabteilung wollte noch mal wissen, ob sich dieser Abend überhaupt lohnt. Denn ich hatte einfach Zero Energy, jetzt noch mal darüber zu diskutieren, warum es aktuell wichtiger denn je ist, sich dem eigenen White Privilege bewusst zu werden. Und was das überhaupt ist.

"Wie stehst du so zu Feminismus und Anti-Rassismus?", frage ich ihn und weiß schon, dass ich mich damit ins Aus schieße – vielleicht sogar bewusst. "Ich bin ein weltoffener Mensch, muss man da noch mehr dazu sagen?", kommt zurück. Alter natürlich, als weltoffen bezeichnet sich ja heutzutage schon jede*r, der/die mal außerhalb von Europa einen Backpack-Urlaub gemacht und eine weite Pluderhose am Strand getragen hat. Rassistisch, sexistisch oder homophob kann man da ja immer noch sein. Nach meiner nächsten Nachricht hat er mich fix aus seinen Kontakten gelöscht und ich war einfach nur froh, den Abend nicht verschwendet zu haben.

"Also für Frauenrechte würde ich nicht auf die Straße gehen"

Diesen Satz hat sich eine Freundin kürzlich von einem Hetero-Kumpel anhören müssen. Es ist teilweise wirklich überraschend, welche Aussagen man noch so hört und das Schlimmste ist, dass viele dieser Typen auch wirklich der Überzeugung sind, sie wären aufgeklärt und diskriminerungssensibel. Das ist das, was mich dann am meisten aufregt und damit dazu bringt, einfach endlos über Werte und Moral zu ranten.

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Aber man kann halt auch einfach keinen Typen daten, mit dem man sich nicht zumindest bei Grundwerten der Gleichberechtigung und sozialen Verantwortung einig ist. Dann flammen diese Gespräche ja die ganze Zeit auf und wir wissen alle, wie auslaugend es ist, wenn man zum hundertsten Mal erklären muss, warum trans* Frauen Frauen sind und deshalb weibliche Pronomen erfordern. Oder warum eben nicht Frauen* oder PoC Schuld daran sind, dass sie weniger verdienen als weiße Männer. Oder dass eben rassistische Witze auch Rassismus sind. Ihr wisst, was ich meine.

All diese Themen sind mir einfach unglaublich wichtig

Und was würde es denn über mich aussagen, wenn ich diese Werte nur nach außen trage und von Freund*innen verlange aber dann bei einem Partner, nur weil er vielleicht heiß aussieht oder gut im Bett ist, darauf verzichte? Das ich eine Heuchlerin bin, natürlich.

Was ich jetzt also machen soll, das weiß ich auch nicht so genau. Am Ende muss ich immer an einen meiner eigenen Tweets von April 2019 denken: "Dass man zu wenig masturbiert, merkt man immer daran, dass man ernsthaft Sex mit anderen Menschen in Erwägung zieht". In diesem Sinne einen großen Dank an meinen Vibrator, der nie latent rassistische Kommentare droppt, wenn wir zusammen abhängen.

Mehr aus meiner Kolumne Fem as Fuck liest du hier.

Quelle: Noizz.de