Feministische Moral vs. deutsches Trash-Fernsehen.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Pinke Prosecco-Dosen in den Händen, diese kleinen Kuchen von Dr. Oetker auf dem Tisch und kreischende Mittvierziger. So stellt man sich wohl den typischen "Der Bachelor"- oder "Die Bachelorette"-Mädelsabend vor. Puh, ich hasse wenig mehr als das Wort Mädels.

Wenn ich mit meinen Arbeitskolleg*innen RTL-Trash schaue, stehen auf unserem Konferenztisch drei Kilo Pommes und sechs vegane Burger. In gammeliger Leggings sitze ich neben Luisa, die noch nicht einmal einen BH unter ihrem Oberteil trägt, denn Trash-Time is Comfort-Time. Schließlich regt einen als Feministin der Inhalt der Show schon derart auf, dass man sich echt nicht noch mit einer einschneidenden High-Waist-Jeans oder einem BH-Bügel, der einem in die Rippe spießt, auseinandersetzen kann – so zumindest die Theorie. Aber geht das denn generell überhaupt zusammen: Bachelor(ette) gucken und das Patriarchat stürzen wollen?

2014 hat mich Bachelorette Anna Hofbauer das erste Mal in den deutschen Reality-TV-Strudel gezogen. Danach hatte ich es kurzzeitig wieder rausgeschafft, bis ich 2016 mit der "Der Bachelor"-Staffel von Leonard Freier einen Rückfall erlitt, der mit meiner frisch-gewonnenen feministischen Attitüde nur so semi vereinbar war. Denn wir wissen: Frauen werden in eine Villa gesteckt, vermutlich wochenlang von Redakteuren angestiftet, so zickig und hysterisch wie möglich zu sein – und von ganz Fernsehdeutschland auf ihr Aussehen reduziert und danach bewertet.

Schon vor Beginn von "Der Bachelor" werden Bikini-Fotos veröffentlicht, die den Körper der Kandidatin präsentieren und den konstanten Male-Gaze der Staffel etablieren. (Das heißt beispielsweise Kameraführung und redaktionelle Darstellung der Frauen werden so gestaltet, dass sie lediglich zum erotischen Vergnügungsobjekt eines hypothetischen heterosexuellen, männlichen Zuschauers – oder in diesem Fall des Bachelors – werden.)

Die Fotos sehen dabei oft so aus, als hätte ein schmieriger Dorffotograf mit einer Spiegelreflex richtig hart gearbeitet, um einen Abklatsch von einem Cover der "Sports Illustrated" zu schießen. Und selbst wenn es ihm so vorkommt, als hätte er die beste Arbeit seines Lebens geleistet, sieht der Rest der Welt doch nur einen weiteren Abklatsch ausgelutschter "Playboy"-Fotos. Die Prämisse von "Der Bachelor" ist also schon von Grund auf sexistisch: Der Marktwert der Frauen ist vor allem ihr Äußeres und ihre "Fickbarkeit", wenn man mal ganz ehrlich ist. (Wenn man mal drüber nachdenkt, ist das ja eigentlich gar nicht so anders als im wahren Dating-Leben, wie frustrierend.)

Trotzdem liebe ich diese verdammte Sendung – nicht ohne Folgen. Natürlich werfen mir viele in meinem Umfeld vor, dass man so etwas als Feministin nicht schauen kann. Das geht ja gegen die eigenen Prinzipien. Ich rede mich dann gerne raus, mit meinem beliebtesten Argument: Ich denke ja reflektiert darüber nach, bin mir der Vorurteile und Stereotypisierung der Darstellung der Kandidat*innen bewusst und kann das alles von der Realität trennen.

Deshalb darf ich über peinliche Aussagen und kitschige Gespräche bei Einzeldates auch mal lachen und mich über den sexistischen Kern der Show aufregen, sowieso. Diese Begründung habe ich Familie, Freund*innen und Kolleg*innen schon so oft vorgetragen, dass ich mittlerweile selbst fest davon überzeugt bin.

Dabei muss man natürlich ganz ehrlich zugeben: Es ist so verdammt einfach, bei solchen Steilvorlagen, die einem die RTL-Redakteure da liefern, mal mit dem Strom zu schwimmen. Hier ein Witz über schlechte Extensions bei der einen Kandidatin, da ein dummer Kommentar über das Nacht-der-Rosen-Outfit der anderen. Doch bleibt es bei kleinen banalen Witzen oder lässt man sich dann doch in diese sexistische Welt fallen?

Beim Finale von "Die Bachelorette" mit Gerda Lewis habe ich genau das versucht, was ich immer predige: Reflektiert darüber nachdenken – allerdings darüber, was das deutsche Trash-TV aus mir macht. Schon nach wenigen Minuten schieße ich mich total darauf ein, wie unprofessionell Gerdas Flechtfrisur aussieht und komme so schnell nicht mehr runter: "Das sieht aus, als hätte ich mir besoffen die Haare geflochten. Hat die keinen Hairstylisten?"

Eigentlich ja gar nicht schlimm, denke ich mir während ich mich so aufrege, aber du bist doch im Fernsehen, Girl! Machen einen solche Aussagen gleich zum Sexist? Ich weiß es nicht. Als der Anblick von Gerdas Frisur dann verdaut ist, wird in unserer Runde viel darüber diskutiert, ob man sich in Keno verlieben könnte oder nicht. Ich finde die Formulierung meiner Kollegin perfekt, schließlich sollte es beim ernsthaften Dating, das uns "Die Bachelorette" vorgaukelt, nie nur um "Fickbarkeit", sondern um ein Rundumpaket aus Charakter, Chemie und Attraktivität gehen. Als die Familie des Kandidatens dann allerdings sagt, dass die Bachelorette genau sein Typ sei – "typisch blond" – schrecke ich hoch wie nach einem Albtraum, in dem Voldemort mein Vater war. Plötzlich lüftet sich der dünne Schleicher über meinem feministischen Bewusstsein, der mich zu dummen Witzen über das Aussehen der Teilnehmer verleitet hat.

Und wenn das Biest erstmal geweckt ist, dann leuchten überall die Alarmglocken. Mit einem pinken Fahrrad läuft Gerda durch eine Landschaft geschmückt mit putzigen Ponys und lässt mein Frauenbild aus der 3. Klasse wieder auferstehen. Dabei wirkte die 26-Jährige vor ihrer Teilnahme an der RTL-Sendung auf ihren Social-Media-Kanälen und bei GNTM immer wie das genaue Gegenteil einer solchen Frau. Passte dem Sender also eine extrovertierte, sexy Gerda am Ende doch nicht?

Mir fällt nach dem Ende der Sendung, als Frauke Ludowig ihr strahlendes Grinsen zeigt, auf, dass eigentlich das ganze Finale ein sexistischer Kackhaufen war. Denn Polizist Tim hat es mit dem Ablehnen der Rose doch tatsächlich geschafft, Gerda ihrer ganzen Macht zu berauben. Das (einzig?) Erfrischende an der Dating-Show ist doch, dass endlich mal eine Frau entscheiden darf.

Tja, diese Entscheidung war im wohl dümmsten Finale der Show-Geschichte dann auf einmal futsch. Und statt als selbstbewusste Frau dann ihren "Traummann" auszuwählen, stand Gerda dann ziemlich verloren da und musste hoffen, dass ihre letzte Rose auch wirklich angenommen wird. Schließlich hatte sie ja nur diese eine Chance, mit Keno, der "typisch blond" mag.

Nach dem Motto "Know your enemies" darf man in meinen Augen gerade als Feministin dieses Trash-TV ansehen. Denn wer bereits ein Bewusstsein für Klischees, Gender-Stereotyping und den Male-Gaze hat, kann vermutlich schon ganz gut beurteilen, was da gerade auf dem Bildschirm passiert und das am Besten auch auf Twitter einordnen. Natürlich unterstützt man mit dem Einschalten oder dem TVNow-Abo trotzdem die Maschinerie hinter dem schlanke-blonde-Frau-und-muskulöser-mutiger-Mann-Komplex. Das ist nicht geil, aber vielleicht ist es das aber wert, um zu sehen, welche Formate das Potenzial haben, das Bewusstsein und Dating-Verhalten von Frauen in Deutschland großflächig beeinflussen.

2,21 Millionen Deutsche haben sich das Staffelfinale am Mittwoch reingezogen, für die Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen ist das ein Marktanteil von 14,4 Prozent, wie "DWDL" vermeldete. Das ist in Zeiten des Internets noch immer eine beachtliche Zahl an Menschen, die über die Darstellung von Kandidat*nnen vielleicht nicht unbedingt aktiv nachdenken, sondern Gender-Stereotyping unterbewusst verinnerlichen könnten. Deswegen müssen wir, wenn wir uns Trash-TV reinziehen und solche Muster erkennen, diese öffentlich anprangern und andere darauf aufmerksam machen, dass nicht alle Frauen und nicht alle Männer so sind oder so sein müssen, wie uns das RTL verzweifelt verklickern will.

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Quelle: Noizz.de