In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse aus einem feministischen Blickwinkel.

"Black Lives Matter, Black Lives Matter, Black Lives Matter", rufen die Demonstrant*innen um mich herum immer und immer wieder. Ich halte still mein Schild hoch und traue mich nicht so ganz, einzustimmen. Am 6. Juni fand am Alexanderplatz in unserer Hauptstadt Berlin ein Protest gegen systematischen Rassismus und Polizeigewalt statt. Der Mord an George Floyd hatte das Fass weltweit zum überlaufen gebracht und internationale Proteste und Anteilnahme nach sich gezogen. Diesmal, diesmal wird sich wirklich etwas verändern, sagen wir uns und sind hoffnungsvoll, dass wir sauer genug sind, um unser White Privilege endlich anzuerkennen und zu nutzen, um das System und das Leben von PoCs weltweit zu ändern.

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Viele Gespräche habe ich mit meinen weißen Freund*innen und meiner weißen Familie darüber geführt. Nicht nur Anteilnahme und Willen zur Veränderung, sondern auch ein gewisses Unverständnis bekommt man da manchmal zu hören. Klar, dass man dann als vermeintlich woke Person (dafür halte ich mich), die gerade versucht, so anti-rassistisch wie möglich zu werden, nach Beispielen sucht, um Rassismus nahbarer für Menschen zu machen, die das selbst nicht erleben und sich auch noch nie mit systematischem Rassismus beschäftigt haben. Und schon fällt man als weiße Frau in die Falle: Man vergleicht Rassismus mit Sexismus.

Die weiße Frau bewegt sich zwischen zwei Realitäten

Man geht der Illusion auf den Leim, man hätte als selbst systematisch unterdrückte Person einen Einblick in Rassismus-Erfahrungen und könnte sie mit Sexismus-Beispielen, die für viele weiße Menschen noch immer nahbarer erscheinen könnten, anderen Weißen erklären. Blöd nur, dass Rassismus und Sexismus einfach nicht dasselbe sind. Aber das will man zunächst einfach nicht so recht verstehen, wenn man in sich selbst nach Schmerz und Benachteiligung sucht, um den Schmerz und die Benachteiligung anderer Personen nachzuvollziehen.

Die aktuelle Debatte offenbart das offensichtliche Dilemma der weißen Frau: Sie ist gleichzeitig Unterdrückte und Unterdrückerin.

Doch wie kann man damit umgehen? Und wie kann man diesen Status überwinden, Solidarität zeigen und PoCs im Kampf gegen das rassistische System zur Seite stehen – wenn man selbst das rassistische System ist?

Wenn man weiß ist, hat man leider die Möglichkeit, einfach still zu sein, wenn es um Rassismus geht

Feminismus ist eine fast ausschließlich weiße Bewegung der Mittelschicht – gerade in den Medien leider nach wie vor. Wir setzen uns für Klimaaktivsmus ein und huldigen Greta Thunberg, können uns aber an den Namen keiner nicht-weißen Aktivist*in erinnern – sollte uns in unserer biodeutschen Bubble überhaupt mal eine begegnet sein. Wir denken es wäre intersektionaler Feminismus, wenn wir Beyoncé hören und "We Should All Be Feminists" von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen haben. Da sei die Frage (an uns selbst) erlaubt: Was zur Hölle bringt es Schwarzen Frauen, dass ich "Formation" einwandfrei mitsingen kann?

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Ich habe das Gefühl, dass wir weißen Frauen uns schnell aus der Verantwortung nehmen, weil wir eben denken, dass wir sowieso schon gestraft genug sind, weil wir vom Patriarchat unterdrückt werden. Als hätten wir als Opfer den Vertrauenvorschuss verdient, nicht anerkennen zu müssen, dass wir selbst Täter*innen sind. Oder vielleicht denken wir auch schmerzhaft naiv manchmal, dass wir damit gar nichts zu tun haben, mit diesem "Rassismus". White Fragility auf dem Silbertablett serviert.

Jede weiße Person profitiert enorm von rassistischen Strukturen und systematischer Benachteiligung von People of Color und religiösen Minderheiten

Klar, allein der Kampf gegen das Patriarchat ist auslaugend und zermürbend – jeden Tag aufs Neue. Aber wir dürfen eben auch nicht vergessen: Weiße Frauen – und nicht nur der so oft beschuldigte weiße Mann – profitieren Tag ein, Tag aus von systematischem Rassismus. Schwarze Frauen und andere People of Color haben Nachteile, weil wir Vorteile haben. Das müssen wir uns eingestehen und verstehen, dass wir gleichzeitig gegen Rassismus und Sexismus kämpfen müssen, auch wenn das ermüdend ist und viel Energie kostet. Denn es ist noch ermüdender für nicht-weiße Frauen, die halt auch keine Wahl haben, rassistische Diskriminierung einfach zu ignorieren und zu sagen: Ich hab' ja schon mit Sexismus zu kämpfen, Rassismus kann ich jetzt nicht auch noch angehen.

Ich möchte – nein das ist das falsche Wort: Ich muss – mich endlich aus meiner flauschigen, privilegierten Blase bewegen und dieses Dilemma überwinden und ich möchte alle meine weißen Friends einpacken und mitnehmen. Nur weil ich selbst Opfer systematischer Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts bin, bin ich nicht gefeit davor, selbst systematisch zu diskriminieren, wenn eine andere Frau beispielsweise eine andere Hautfarbe oder Religion hat. Schon kleine "unschuldige" Vorurteile (auch vermeintlich positive) sind die verinnerlichten Folgen einer rassistischen Gesellschaft.

Kein Mensch möchte von sich selbst zugeben müssen, dass man Rassist*in ist, vor allem wenn man alles dafür tut, das nicht zu sein.

Doch in meinen Augen ist schon alleine die Existenz einer weißen Person in unserer westlichen Gesellschaft von Grund auf rassistisch – weil wir eben Erfolg haben, während andere ums Überleben kämpfen. Manchmal hilft es schon als erster Schritt in die richtige Richtung das mal glasklar auszusprechen – findest du nicht auch?

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Quelle: Noizz.de