Die Dokumentation "Jeffrey Epstein: Filthy Rich" lässt die (mutmaßlichen) Missbrauchsopfer von Jeff Epstein gut zehn Monate nach seinem tragischen Ableben zu Wort kommen. Der Backlash dürfte wie nach Dokus über R. Kelly und Michael Jackson nicht lange auf sich warten lassen. Denn Opfer von berühmten Tätern wollen ja sowieso nur Aufmerksamkeit und Kohle machen – wie ihnen leider immer wieder vorgeworfen wird.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse aus einem feministischen Blickwinkel.

Es ist eine komische Sache, wenn erschreckende Missbrauchsvorwürfe gegen eine berühmte oder mächtige Person laut werden. In dieser Zeit kommen einfach wahnsinnig viele Gefühle in mir hoch. Zum einen bin ich oft leider überhaupt nicht überrascht, sondern wahnsinnig ernüchtert, dass noch ein reicher, berühmter, heterosexueller Mann (das ist meist – aber natürlich nicht immer – das Profil des Täters) seine Position missbraucht hat. Zum anderen bin ich froh, dass wir den Diskurs nun soweit geführt haben, dass immer mehr Peiniger als diese erkannt und im Idealfall gestoppt werden. Dann wäre da aber noch dieses mulmige Gefühl, das die Reaktion des Teils der Öffentlichkeit, der sich leidenschaftlich gerne in der Facebook-Kommentarspalte versammelt, auslöst.

Wer es wagt, gegen einen Promi, egal ob aus Entertainment, Politik oder Wirtschaft, auszusagen, der kann ja nur eines wollen: Geld und Aufmerksamkeit

So zumindest die Standard-These, die man nach Bekanntwerden möglichen Missbrauchs schnell im Internet liest oder von den Beschuldigten gerne als Ich-ziehe-mich-jetzt-ganz-einfach-aus-der-Affäre-Abwehr genutzt wird. Besonders die Fälle von R. Kelly und Michael Jackson wecken da böse Erinnerung. Alles Lügner*innen, alle wollen Geld erpressen – unser Michael würde so etwas nie machen! Ich weiß dann immer nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Wer selbst schon einmal sexuelle Belästigung oder Schlimmeres erlebt hat, weiß, was ich meine. Nur Menschen, die das Glück hatten, durch die Statistik gerutscht zu sein und kein Opfer geworden sind, können sich guten Gewissens so einen Müll ausdenken.

>> 7 Erkenntnisse aus der Netflix-Doku über Jeffrey Epstein, die dir den Magen umdrehen

Der Öffentlichkeit als Missbrauchsopfer eines Promis bekannt zu sein ist lebensgefährlich

Obwohl es nicht so sein sollte, müssen wir uns mal kurz den Fakten stellen: Es ist immer noch hart in dieser Gesellschaft offen über sexuellen Missbrauch zu reden. Es ist schambelegt, traumatisch und unangenehm mit der eigenen Erfahrung an andere Menschen oder die Polizei heranzutreten. Noch mehr, wenn es kurz danach die ganze Welt in einer Schlagzeile lesen kann. Als Opfer hat man, so zumindest meine eigene Erfahrung, oft das Gefühl, man hätte etwas falsch gemacht, wäre zu feige gewesen, um sich zu wehren oder zu unvorsichtig gewesen. Das stimmt nicht. Ein Übergriff ist immer die Schuld der Person, die diesen verursacht und nie der Person, die angegriffen wird. Doch Victim- und Slutshaming geben einem das Gefühl, man hätte es in der Hand gehabt, ob man missbraucht würde oder nicht, als hätte man auf magische Art entfliehen können.

Die Aufmerksamkeit die man als Missbrauchsopfer bekommt, möchte wohl kein Mensch freiwillig haben. Zum einen gesteht man in den eigenen Augen eine Art Niederlage ein, man wird mit unangenehmen Vorurteilen konfrontiert und bleibt auf ewig die Person, "die von XY vergewaltigt wurde". Das kann eine wahre Identitätskrise auslösen, wenn man plötzlich nicht mehr als man selbst wahrgenommen wird, sondern immer nur noch als Opfer einer berühmten Person, deren Namen, jede*r kennt. Oder eben als Lügnerin und geldgeil, eine Last, die neben dem eigentlichen Missbrauch wohl nur schwer zu tragen ist.

Nicht nur das ist schwer zu verarbeiten, sondern auch die Umstände, die in den meisten Fällen noch immer gegeben sind, wenn sich ein mögliches Opfer von mächtigen Menschen wie Epstein, Trump, Weinstein und Co. öffentlich bekennt oder Anzeige erstattet. Das Machtgefälle, das vermutlich den Missbrauch von vorne herein begünstigt hat, ändert sich so schnell nicht. Jeffrey Epstein ist das perfekte Beispiel.

Jeffrey Epstein (r.) und sein mutmaßliches Opfer Chauntae Davies

Jeff Epsteins Opfer erhielten von ihm laut eigenen Angaben Morddrohungen

Shawna Rivera gibt an, von einer Freundin in Epsteins Haus gebracht und dort von ihm missbraucht worden zu sein. Es blieb nicht das einzige Mal, erklärt Shawna in der Netflix-Doku über den Finanzier. Nachdem sie sich allmählich aus den Fängen Epsteins befreit hatte und gegen ihn bei der Polizei in Palm Spring ausgesagt hatte, erhielt sie Morddrohungen und Drohungen, dass ihrer Familie etwas passieren könnte. Handlanger Epsteins haben sie danach während der Nacht beschattet, ihr Haus mit den Scheinwerfen eines Autos beleuchtet, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine ist. Das beweisen Videoaufnahmen eines Polizeibeamten, der zum Schutz Shawnas ebenfalls vor Ort war.

Maria Farmer, ein weiteres mutmaßliches Opfer musste mehrmals ihren geheimen Wohnort wechseln und daraufhin in die Berge fliehen, weil Epsteins Angestellte sie immer wieder auffanden und telefonisch terrorisierten. Virgina Roberts lebt aus Angst vor Epstein – sie war drei Jahre lang von ihm missbraucht und gehandelt worden, so ihre eigene Aussage – seit ihrer Flucht in Australien.

Aussagen von Opfern sexueller Gewalt sind wichtig – aber schmerzhaft und gefährlich

Mittlerweile ist Jeffrey Epstein tot und doch scheint es noch genug mächtige Mittelmänner und -frauen zu geben, die Opfern das Leben noch immer zur Hölle machen könnten und so haben sich nach meiner Einschätzung bei Weitem noch nicht alle Frauen gemeldet, die Teil von Epsteins Missbrauchsnetzwerk waren. Denn es war ja nach aktuellen Informationen nicht nur der New Yorker, der Minderjährige missbrauchte und mit ihnen handelte, sondern auch seine Partnerin Ghislaine Maxwell und hochrangige, mächtige Männer.

Kannst du dir wirklich vorstellen, dass man so ein Leben riskiert wegen Geld und Aufmerksamkeit? Ich nicht. Es ist wahnsinnig wichtig, sich zu äußern – wenn man die Kraft dazu hat – das steht für mich außer Frage. Viel zu lange sind mächtige und prominente Männer mit ihren Machenschaften davon gekommen, weil sie Opfer eingeschüchtert und terrorisiert haben. Doch immerhin der Fall Harvey Weinstein gibt Hoffnung, dass diese Zeiten vorbei sind. Dass sich niemand mehr wie Jeff Epstein 2008 schon beinahe freikaufen kann, nur weil er die richtigen Menschen kennt.

>> Fem as Fuck #11: Warum wir kein Mitleid mit Harvey Weinstein haben dürfen

Falsche Beschuldigungen von Sexualmissbrauch gibt es übrigens nur in zwei bis acht Prozent der Fälle, je nach Land (Quelle).

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Quelle: Noizz.de