In Krankenhäusern herrscht 76 Prozent Frauenanteil. Deshalb sind es gerade größtenteils Frauen, die versuchen mit allen Mitteln die Verbreitung des Covid-19 weltweit einzudämmen. Dabei müssten sie gerechterweise eigentlich erst ab dem 19. März beginnen, zu arbeiten.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Wuhan und Corona, das lässt sich nicht trennen. Es ist die erste Stadt, in der das lebensbedrohliche Virus ausgebrochen ist. Die erste Stadt, in der eine Epidemie den Ausnahmezustand gefordert hat. Und die erste Stadt, die temporäre Coronakrankenhäuser wieder schließen konnte. Und mittendrin waren Frauen, haben an vorderster Front den Krieg gegen das Virus geführt. Krankenpflegerinnen, medizinische Angestellte und Pflegekräfte aller Art sind überproportional weiblich und damit die Hoffnung unserer Gesellschaft, wenn es um die Bekämpfung von Covid-19 geht. Dafür gehen sie ans äußerte, das beweisen Bilder und Videos aus Hochzeiten der Krise in Wuhan.

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Krankenhausmitarbeiterinnen in Wuhan rasieren sich die Haare ab – aus Hygiene- und Praktikabilitätsgründen

Pflegerinnen und Krankenschwestern trugen Windeln, weil ihre Vorgesetzten ihnen nicht dabei halfen, Tampons und Binden in die abgeriegelte Stadt zu bekommen. Das berichtet die "New York Times". Eine freiwillige Spende von Erwachsenenwindeln war das einzige Mittel, mit denen die Frauen in Wuhan ihre Periode überstehen mussten, während sie Tag und Nacht schufteten, um Corona-Infizierten das Leben zu retten. Andere konnten ihre Menstruation durch die dauerhafte Einnahme der Anti-Babypille verschieben. Ihre Kleidung konnten sie – ob blutig oder nicht – während den stundenlangen Schichten nicht wechseln, da Schutzanzüge Mangelware sind. Krisen fordern eben von allen das Äußerste – vor allem von Frauen, die nebenbei im Alltag noch gegen die Benachteiligung des Patriarchats kämpfen.

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Diese Woche, am 17. März, war Equal Pay Day in Deutschland. 2018 verdienten Frauen im Durchschnitt 21 Prozent weniger als Männer. An diesen Zahlen hat sich seit fast 20 Jahren nichts geändert. In Zeiten von Corona müssen wir endlich umdenken. Frauen sind die Foundation unseres Sozialsystems, auf das wir in Krisenzeiten wie jetzt angewiesen sind. Nicht nur in Krankenhäusern, dort herrscht 76 Prozent Frauenanteil laut "Statista", und Altenheimen würde ohne sie nichts laufen, auch Kinderbetreuung und Erziehung(-sberufe) werden fast gänzlich von ihnen getragen. Über 92 Prozent der Angestellten in Kindergärten und Vorschulen sind weiblich.

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Als Krankenpflegerin arbeiten? Sorry, Corona, ich kann erst ab 19. März

Übrigens: Der Equal Pay Day ist nicht etwas nur ein zufällig gewählter Aktionstag, es ist der Tag im Kalenderjahr, bis zu dem Frauen quasi unbezahlt arbeiten, wenn man ihren Lohn mit dem eines Mannes vergleicht.

Stellen wir uns einfach mal vor, Frauen hätten tatsächlich die letzten Wochen nicht gearbeitet. Dann wäre unser Gesundheitssystem wohl längst zusammengebrochen und an eine Eindämmung der Pandemie wäre nicht zu denken. Pflegeberufe sind unterbezahlt, das weiß jede*r. Und es weiß auch jede*r, dass sich das endlich ändern muss. Es ist noch immer so, dass vor allem Frauen in diesem Berufsfeld arbeiten, vielleicht weil es als "logische Konsequenz" eines femininen Klischees dargestellt wird. Frauen werden in unserer Gesellschaft zu fürsorglichen, geduldigen und emotional intelligenten Wesen herangezogen – alles basierend auf dem Mutterinstinkt, den angeblich jeder Mensch mit einem Uterus haben soll. Dementsprechend würde es vor allem Frauen in eine bessere Finanzlage bringen, wenn Jens Spahn endlich mal die Mindestlöhne in den Pflegeberufen erhöhen würde. Aber wieso kommt es einfach nicht dazu?

Geboren, um andere zu bemuttern

Vielleicht ja gerade weil Frauen ein Mutter- und Fürsorgeinstinkt eingepflanzt sein soll. Der macht den Job als Krankenschwester oder Pflegerin im Altersheim doch zum Kinderspiel, oder? Natürlich nicht. Männer sind ebenso prädestiniert dafür, in diesen Bereichen zu arbeiten. Jungs wird allerdings noch immer suggeriert, dass sie mehr werden können, als "nur Krankenpfleger". In vielen Teilen der Gesellschaft gelten solche Berufe immer noch als niedere Wahl, als weniger Wert als Arzt, Anwalt oder Wissenschaftler – Jobs, die Jungs und Männern sowieso aufgrund ihres Geschlechts als viel wertvollerer Karrierepfad verkauft werden. Aber immer noch gute genug für Frauen, die sich doch sooo gut um alle kümmern.

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Man kann wohl relativ eindeutig argumentieren, dass die Covid-19-Krise zeigt, dass Pflegeberufe zu den (überlebens-)wichtigsten Karrieren unserer Gesellschaft gehören und wir weiter dafür kämpfen müssen, dass diese auch entsprechend entlohnt werden. Damit wird nicht nur die Aufopferung der Menschen in diesem Berufsfeld endlich wertgeschätzt, sondern Frauen auch für ihre Benachteiligung durch Gender-Stereotypen entschädigt und wir sind einen Schritt weiter, die Gender Pay Gap zu schließen.

Mehr aus der Kolumne Fem as Fuck kannst du hier lesen.

Quelle: Noizz.de