Am 8. März ist internationaler Frauen*kampftag. In Berlin ist dieser Tag mittlerweile ein Feiertag – kein Wunder, dass Männer schon wieder etwas davon abhaben wollen.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Ich sitze mit meinen Kolleg*innen in einer Bar. Ein Kollege fragt in die Runde, ob wir einen Shot haben wollen. Ich bejahe, mit der Bedingung, dass er zahlt. Verwundert und mit einem Lächeln schaut er mich an: "Ne, wieso?" Ich kann mir nicht helfen und entgegne etwas wie:"Na, um die Ungerechtigkeit des Patriarchats aufzuwiegen." Der Witz kam bei ihm leider nicht so an. Und obwohl es nur ein Joke war, ist die Kernaussage schon irgendwie wahr. Wann wird mir als Frau* denn endlich das ausgezahlt, was mir aufgrund von strukturellem, wirtschaftlichem und sozialem Sexismus vorenthalten wurde? Zum Beispiel die Lohndifferenz von 21 Prozent, die ich statistisch habe (Quelle). Bisher habe ich noch keine konkreten Abrechnungen in meinem Postfach gefunden, aber immerhin ist in Berlin der 8. März – also der internationale Frauen*kampftag – nun ein gesetzlicher Feiertag. Gott sei dank.

Seit 2019, also erst zum zweiten Mal, haben Frauen* – unabhängig von Mutterschaft – ihren ganz eigenen Feiertag. Schade nur, dass sobald man nur langsam Luft holt, um darüber zu reden, wie wichtig das ist, schon der Zeigefinger eines Mannes mit einem lauten Poing in die Höhe schnellt, der seinen Männertag fordert. Es ist wirklich immer das Gleiche. Wenn ich einen Artikel über Gewalt an Frauen* schreibe, sagt mir ein Freund sofort ganz eindringlich, dass doch Männer die viel höheren Opferzahlen verzeichnen. Seine Quelle? Auf die warte ich noch heute. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht heißt, dass ich mich nicht für die Problematik interessiere, nur weil ich mich entschieden habe, über Frauen* zu schreiben, die rein statistisch eben doch 81 Prozent der Opfer ausmachen.

Mehr dazu hier: Brauchen Männer ihren eigenen Feiertag?

Ich habe wirklich versucht, so neutral wie möglich, über diese Frage nachzudenken. Aber die Antwort ist eben einfach so ein verdammt klares Nein. Wenn man Männer kritisiert, outcallt oder sich mal über toxische Männlichkeit lustig macht, so als gesunder Coping Mechanism, dann klatscht einem sofort der Satz ins Gesicht: "Stell dir vor es wäre andersrum und das würde ein Mann über eine Frau sagen." Nichts für ungut, aber das Problem ist ja genau das, dass diese fröhliche Gender-Wechseldich einfach nicht funktioniert. Denn während Frauen jahrelang nahezu keine Rechte hatten, gab es geschichtlich wohl keinen Zeitpunkt, an dem die Rechte von weißen cis hetero Männer jemals eingeschränkt waren, weil sie einen Penis und keine Vagina hatten. Durften sie jemals in der Ehe vergewaltigt werden? Nein. Durften sie jemals nicht wählen? Nein. Durften sie jemals nicht mal ihr eigenes Geld auf einem eigenen Konto anlegen? Nein. Deswegen brauchen Männer auch keinen Feiertag für sich, jeder Tag ist Männertag, dem Patriarchat sei dank.

Ich verstehe schon, woher der Impuls kommt. Feminismus kämpft doch für Gleichberechtigung, da muss doch alles gleich sein. Ist es aber ja eben noch nicht und leider ist es aber auch nicht so einfach, diese Gleichstellung zu erreichen. Und ganz von selbst scheint sich das Problem in unserer ach so progressiven Gesellschaft ja auch nicht zu lösen, wie unter anderem die Liste der reichsten Menschen der Welt, die deutsche Regierung oder sonst noch jede Führungsetage zu zeigen scheint. Deswegen brauchen wir unterstützende, ausgleichende Maßnahmen für Frauen*, damit sie endlich mal die drei Schritte – oder deutlich mehr bei nicht-weißen und trans* Frauen – einholen können, die Männer uns schon von Geburt aus voraus sind. Sexismus und die Benachteiligung der Frau, auf der bloßen Grundlage von anatomischer Differenz, ist ein historisches, soziales, gesellschaftliches, politische, religiöses, wirtschaftliches (usw.) Problem, das weiterbesteht.

>> Der ehrlichste Text über Vaginas, den du heute lesen wirst

Ich könnte dir hier auf der Stelle 100 Situationen beschreiben, in denen man das auch 2020 noch spürt. Da ist ein Frauen*tag, ehrlich gesagt, dann doch nur ein schwacher Trost. Aber immerhin haben wir diesen Tag mal ganz für uns, das kann man in der Gesellschaft leider von wenigen Dingen behaupten. Denn überall mischt sich die privilegierte Mehrheitsgesellschaft – in diesem Fall vor allem weiße, cis, hetero Männer – ein und will ein Stück von dem Kuchen abhaben. Das ist nicht nur bei Frauen* so, sondern auch bei allen anderen benachteiligten Gruppen unserer Gesellschaft. Stellt euch doch nur mal vor, es würde ein White History Month gefordert werden, weil es ja auch einen Black History Month gibt. Lord, jeder Monat ist White History Month.

Ich teile meinen Frauen*kampftag garantiert nicht

Ganz ehrlich, ich würde es befürworten, wenn an diesem Tag wirklich auch nur Frauen* frei hätten. Einfach als ziemlich konkrete Ausgleichsmaßnahme. Frauen* arbeiten viel mehr für das selbe Geld, wie Männer. Frauen* zahlen mehr für banale Hygieneprodukte, wie Rasierer. Frauen* arbeiten statistisch gesehen öfter in Berufen mit geringerem Einkommen, als Männer. Dafür haben wir doch zumindest unseren mikrigen, freien Tag verdient, oder? Warum sollten denn die Menschen, die von unserer Unterdrückung profitieren, jetzt auch noch selbst frei haben? Not today satan!

Natürlich großes Sorry an alle Männer, die sich als Feministen definieren. Wir freuen uns wahnsinnig, dass ihr unsere Verbündeten seid. Wirklich. Aber seid euch doch bitte trotzdem eurem Male Privilege bewusst und dem Fakt, dass ihr Tag ein, Tag aus von dem System profitiert, dass Frauen* seit Jahrzehnten unterdrückt und wertloser als euch definiert. Da könnt ihr ja auch nur semi etwas dafür, das ist schon klar, aber seit euch dem Privileg bewusst, setzt euch damit dafür ein, dass diese Privileg langsam schrumpft und alle die gleichen Chancen haben und fordert verdammt noch mal keinen Männertag.

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Quelle: Noizz.de