Adele zeigt sich gerade nur noch selten in der Öffentlichkeit oder auf Social Media und wenn sie es tut, wird danach tagelang über ihren Gewichtsverlust geredet. Was machen wir mit einer Body-Positive-Ikone, die plötzlich immer näher an das traditionelle Schönheitsideal rückt?

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Uff, uff, uff – wo soll ich nur anfangen. Adele, wir kennen sie, wir lieben sie. Die Sängerin aus Großbritannien hat sich vor gewisser Zeit von ihrem Ehemann und dem Vater ihres Sohnes getrennt und seitdem an Gewicht verloren. Das konnten wir alle in den letzten Wochen der Klatschpresse und jetzt auch einem neuen Instagrampost der Sängerin entnehmen. Leider war der Umgang mit diesem Fakt mal wieder so gar nicht fortschrittlich. Erst kürzlich stürzten sich viele Medien auf ein Zitat einer Frau, die Adele getroffen hatte und in einem Beitrag– ob lobend oder abwertend ist nicht ganz klar – als "dünner als ein Komma" beschrieben hat. Hab ich schon uff gesagt?

Weniger Gewicht = mehr Wert in der Gesellschaft

Gewichtsverlust ist für mich ein sehr triggerndes Thema, denn wie darüber geredet wird, egal ob unter Freund*innen, in der Mittagspause auf der Arbeit oder in den Medien hat immer einen faden Beigeschmack. Es schmeckt nach Sexismus und Lookism mit einem heftigen Patriarchat-Nachgeschmack. Kennt ihr das, wenn ihr Gewicht verloren habt, die Kommentare, die man dann hört? Meist sind sie auf den ersten Blick positiv – "Gut siehst du aus, machst du eine neue Diät?" oder "Hast du abgenommen? Steht dir!" wird einem gesagt. Das soll nett gemeint sein.

Es soll nett gemeint sein, weil dein Gegenüber dir damit suggeriert, dass sich dein Wert in der Gesellschaft durch das Abnehmen nun erhöht hat. Adele, die ist jetzt mehr wert, denn obwohl die Medien sie immer für ihre "kurvige Figur" gefeiert haben, haben doch insgeheim alle gedacht: Wenn sie 'ne Diät machen würde, dann würde sie noch besser aussehen, oder? Als Frau hat man immer noch das Gefühl, man wurde geboren, um gut auszusehen beziehungsweise das zufällig ausgewählte Schönheitsideal der aktuellen Gesellschaft zu erfüllen. Und so wird jede Annäherung an dieses gefährliche "Vorbild" weiblicher Schönheit sofort als positiv abgestempelt.

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Schon mal darüber nachgedacht, dass es grundsätzlich ein schlechtes Zeichen ist, wenn der Körper an Gewicht verliert?

Dass das mit Mangel- oder Unterernährung oder sogar Krankheit zusammenhängt? Würdet ihr mir auch noch Komplimente machen, wenn ihr wüsstet, dass ich abgenommen habe, weil ich eine schwere Depression hatte und nicht einmal die Kraft, regelmäßig zu essen und zu trinken? Nein. Oder hat man meiner Oma gratuliert, als ihr nach ihrer Chemotherapie keine ihrer Klamotten mehr nur annähernd gepasst haben? Nein.

Und wer mir jetzt wieder mit diesem verdammten Gesundheitsargument kommt! Mir hat auch noch nie jemand gesagt – und ich habe das auch noch von keiner anderen Person gehört – dass mir dazu beglückwünscht wurde, dass ich nun weniger gefährliches Bauchfett hätte, oder mein Herz-Kreis-Laufsystem entlastet wurde oder dass meine Gelenke durch weniger Belastung nun bis ins Alter super funktionieren werden.

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Ich will jetzt gar nicht suggerieren, dass es Adele schlecht geht, weil sie abgenommen hat. Das ist ja nicht immer so, aber in meinen Augen ein wichtiger Diskurs. Und eine schöne Narrative ist das Ganze ja schon, wenn man das mit einem gebrochenen Herzen in Verbindung bringt, wie viele Beispiele aus den internationalen und nationalen Medien zeigen. Mit Clickbait-Titeln à la "Fans machen sich Sorgen" wird ein Gewichtsverlust nach einer Trennung schnell als emotionaler Tiefpunkt einer Frau gedeutet.

Abnehmen wie Adele – so schaffst du es auch!

Die Berichterstattung über Adeles Gewichtsverlust zeigt allerdings auch die toxische Abhängigkeit, die Gesellschaft und Medien in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut haben. Frauenzeitschriften werfen sich wie Aasgeier auf die Diät- und Sportgeheimnisse der Sängerin, die angebliche Insider nun reihenweise verraten. Und Artikel wie "Exactly how Adele lost 100 Pounds" oder "Adele's personal trainer reveals real reason she managed to lose seven stone" werden dann mit vermutlich schwindelerregenden Klickzahlen besucht. So ändert sich natürlich nichts. Abnehm- und Sporttipps sind weiterhin Opium für das Volk, das gar nicht genug von dem Rausch der Möglichkeit kriegt, endlich doch noch wie ein Victoria's Secret Model auszusehen.

Die Personaltrainerin der Sängerin verrät übrigens, dass Adele zu Beginn ihrer Diät nur 1.000 Kalorien zu sich genommen hat und viele Säfte aus grünem Gemüse getrunken hat. Das ist gerade einmal die Hälfte der täglichen Empfehlung an Kalorien für Frauen mit "Normalgewicht". Dazu soll sie auch noch Sport gemacht haben. Das ist absolut nicht gesund, denn wer so wenig isst, bekommt nicht genug Nährstoffe und riskiert so sich und dem eigenen Körper dauerhaft zu schaden. Das solche Diättipps gerade so öffentlichkeitswirksam verbreitet werden, ist äußert problematisch.

Den Diätwahn abzulegen ist ein wahrer Kampf

Wo wir wieder bei der Anfangsthematik wären: dass wir trotz Body-Positivity-Movement eben trotzdem unser Leben lang gelernt haben, dass es im Zweifel immer besser ist, abzunehmen oder es zumindest zu versuchen. Und wie viele Menschen anfällig sind, sich ohne ärztliche Anweisung oder Unterstützung auf solche Hungerkuren einzulassen, nur um ein bisschen mehr Bestätigung und Liebe basierend auf ihrem Aussehen zu bekommen. Diesem Trigger zu widerstehen ist verdammt schwer, das kann dir sicher jede Person sagen, die schon einmal mit einer Essstörung zu kämpfen hatte.

Ich bin mir sicher, dass Adele für viele Frauen ein Vorbild ist oder war, weil sie in einer relativ eintönigen Branche mal einen anderen Bodytype repräsentiert (hat). Zu sehen, dass sie sich eventuell nun auch dem Druck der Gesellschaft beugt (das wissen wir so natürlich nicht) kann sich auf jeden Fall frustrierend anfühlen. Doch Gewicht, Diäten und Weiblichkeit sind mit so vielen toxischen Mechanismen und Idealvorstellungen verknüpft, dass es wohl am besten wäre, wenn man das Thema ganz und gar sein lässt.

Wenn du jetzt denkst, Juliane, warum hast du das Thema dann überhaupt erst kommentiert? Wenn solche toxischen Artikel im Internet rumfliegen, dann finde ich es durchaus wichtig, das Ganze mal einzuordnen. Die problematischen Reaktionen auf Adeles Gewichtsverlust kann oder muss man durchaus kommentieren. Das Thema an sich lässt man in meinen Augen am besten einfach so stehen. Adele war schon immer eine beeindruckende Frau, die mit ihrem Talent zu Recht Hallen füllt. Welche Kleidergröße sie auf der Bühne trägt, sollte daneben vollkommen irrelevant sein.

Mehr aus der Kolumne Fem as Fuck kannst du hier lesen.

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Quelle: Noizz.de