Alt, gebrechlich, krank? Egal.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Es kommt einem vor, als wäre es verdammt lange her: Am 5. Oktober 2017 wurde die #MeToo-Debatte entfacht. Mit einem Enthüllungstext über den mutmaßlichen Sexualstraftäter Harvey Weinstein von Jodi Kantor und Megan Twohey, der in der "New York Times" veröffentlicht wurde. Darin überspannen die Autorinnen drei Jahrzehnte sexuellen Missbrauchs, der gerüchteweise in der Traumfabrik schon seit Jahren die Runde machte und für weniger subtile Anspielungen und Witze über Harveys ominöse "Besetzungscouch" sorgte.

Danach berichtete Ronan Farrow in "The New Yorker" über die Anschuldigungen von 13 Frauen gegen die Film-Größe. Spätestens damit war eine wahre Lawine losgetreten: Innerhalb weniger Monate meldeten sich rund 80 Schauspielerinnen, Kolleginnen und Angestellte, die angeben, von dem erfolgreichen Hollywood-Produzenten sexuell belästigt, genötigt oder sogar vergewaltigt worden zu sein. Darunter Hollywood-Größen wie Angelina Jolie, Selma Hayek, Rose McGowan und Gwyneth Paltrow.

Fast zweieinhalb Jahre später beginnt nun endlich der Gerichtsprozess gegen Weinstein – zunächst in New York, doch auch in Los Angeles ist er aktuell angeklagt. Kurz vor Beginn hatte der Unternehmer noch einen außergerichtlichen Deal geschlossen, bei denen er, beziehungsweise die Versicherer seiner mittlerweile bankrotten Produktionsfirma, 25 Millionen an 30 Frauen zahlt, die ihn anklagen, sich an ihnen vergangen zu haben.

Viele mutmaßlichen Straftaten aus den 80ern und 90ern sind bereits verjährt, deswegen muss er sich vor Gericht aktuell "nur" dafür verantworten, dass er 2006 eine Frau zum Oral-Sex gezwungen und ein anderes anonymes Opfer 2013 vergewaltigt haben soll. Der erste Prozesstag war bereits am 6. Januar, auch der 67-jährige Angeklagte tauchte vor dem Criminal Justice Court in Manhattan auf – und wie, vor allem. Harvey Weinstein wirkte alt, gebrechlich und vom Leben gezeichnet, stütze sich auf eine Gehhilfe, als könne er die Last seines eigenen Körpers nicht mehr tragen.

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Hey, Harvey, weißt du, wer die Last deines Körpers noch nie tragen konnte? Die Frauen, die du (ziemlich vermutlich) unfreiwillig darunter begraben hast, als du deine sexuelle Begierde über das Recht der Unversehrtheit eines anderen Menschen gestellt hast.

>> Vergewaltigung und sexuelle Nötigung: Weitere Anklage gegen Harvey Weinstein

Wir dürfen jetzt wirklich nicht anfangen, Mitleid mit diesem Typ zu haben. Schließlich hat sich der Millionär nicht nur einen Fehler, einen Ausrutscher, wenn man so will, erlaubt. Er hat Frauen durch seine Machtposition systematisch ausgenutzt und das anscheinend so schamlos, dass ganz Hollywood davon wusste. Wieso niemand jemals etwas darüber gesagt hat? Das ist eine andere große Frage.

Mitleid ist so eine komische Sache, die man schwer kontrollieren kann

Wieso haben manche Menschen jetzt mehr Mitleid mit dem gefallenen Star, der nach einer aktuellen Rückenoperation sichtlich gezeichnet ist und nicht mehr ohne Gehhilfe laufen kann? Wieso haben manche kein Mitleid – nein, nicht Mitleid, sondern eher Mitgefühl – für die Frauen wie Rose McGowan, die vor dem Gerichtsgebäude in Manhattan protestieren, die ihre Geschichten von sexuellem Missbrauch und Nötigung mit lauter Stimme der anwesenden Presse erzählen?

Als Survivor von sexuellem Missbrauch ist Stärke zeigen eine Überlebensstrategie. Gerade, wenn man Opfer einer machtvollen Person der Öffentlichkeit geworden ist. Mehr und mehr werden Frauen, die sexueller Belästigung, Nötigung oder Vergewaltigung erfahren haben, in der Öffentlichkeit bloßgestellt und ihre Erfahrung zunichtegemacht.

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Die wollen nur von der Berühmtheit profitieren, heißt es dann schnell. Die wollen Geld erpressen und Aufmerksamkeit der Medien. Jede Person, die einen sexuellen Übergriff selbst erfahren musste, weiß, wie absurd diese Argumentationen sind. Denn es braucht verdammt viel Mut, die Scham zu überwinden, die man empfindet, wenn man Opfer geworden ist und nicht mehr Herr über den eigenen Körper war. Mal ganz abgesehen davon, dass die Zahl der Falschaussagen, je nach Land, gerade einmal bei zwei bis acht Prozent liegt (Quelle).

Die Missbrauchsopfer versuchen also, keine Angriffsfläche zu bieten, versuchen zu zeigen, dass sie stark genug sind, auch gegen einen Mogul wie Harvey Weinstein vorzugehen und bereit sind, ihr eigenes Trauma im Gerichtssaal zu überwinden. Und der angeklagte Millionär? Der scheint sich im Gegenzug ganz bewusst als schwach zu inszenieren, als Held in seinem eigenen Film. Oder: Als Opfer des Feminismus, den viele allzu gerne als Männerhass verstehen. Rein psychologisch scheint es in dieser Konstellation Sinn zu machen, dass unser Gehirn auf der Seite des Opfers ist. Doch genau in diesem Moment müssen wir unsere Moral einschalten.

Alter und Krankheit machen diesen Menschen nicht weniger schuldig

Und damit verdient er auch kein milderes Strafmaß. Klar ist es beschissen, wenn man sein Lebensende im Knast verbringt. Aber cry me a river: Dann hättest du eben nicht jahrelang mutmaßlich Frauen missbrauchen dürfen. Solange keine diagnostizierte, psychische Erkrankung vorliegt, die die Straftaten ausgelöst oder beeinflusst hat, ist für mich keine Milderung des Strafmaßes drin.

Dass Harvey Weinstein Menschen, systematisch manipulieren kann, dass hat er bereits mehrfach bewiesen. Ohne diese Fähigkeit ist es gar nicht möglich über Jahrzehnte Dutzende Frauen zu bedrängen, zu belästigen und in manchen Fällen sogar zu vergewaltigen. (Unterstützung gab es – klar – von schweigenden Hollywood-Stars und Sendern wie NBC, die wegen "Druck Dritter" keine Anschuldigen gegen den Filmproduzenten hervorgebracht haben.)

Genau das versucht er jetzt wieder, vor den dutzenden Paparazzi, die ab jetzt jeden Tag vor dem Manhattaner Gericht warten werden, um ein weiteres Bild des kläglich gescheiterten Mannes zu bekommen. So schön inszeniert er sich als das eigentliche Opfer, als "der vergessene Mann".

So hat sich der Produzent vor Kurzem in einem Interview mit der "New York Post" beschrieben. Darin bettelte er schon fast darum, dass die Welt seine Verdienste für Frauen anerkennt. Er betont darin, dass er schon vor 30 Jahren Frauen in der Branche gefördert habe. Seine Verdienste würden in Vergessenheit geraten. Keine Sorge Harvey, deine "Verdienste" für Frauen, die werden nach diesem Gerichtsprozess niemals vergessen werden.

>> Weinstein will Anerkennung für seine Verdienste für Frauen

  • Quelle:
  • Noizz.de