Greta Thunberg ist eine feministische Ikone.

In ihrer Kolumne "Fem as Fuck" betrachtet NOIZZ-Autorin Juliane Reuther aktuelle Geschehnisse von einem feministischen Blickwinkel.

Im März hat mir ein Typ, den ich auf Tinder kennengelernt habe, erklärt, dass "Fridays for Future" schon längst nicht mehr wichtig und das öffentliche Interesse daran nicht mehr vorhanden sei. Ich war für einen Artikel bei einem der Proteste in Berlin unterwegs und konnte ihm zurecht widersprechen. "Du kannst mir ja dann sagen, wie relevant dein Artikel ist, wenn du ihn fertig hast", pfefferte er mir in einer DM vor die Füße. Needless to say, danach war es vorbei zwischen uns.

Fast ein halbes Jahr später gibt es gefühlt stündlich eine Eilmeldung zur schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg und ihrer Reise zum Klimagipfel nach New York. Unsere westliche Gesellschaft scheint einfach nicht genug von ihr zu bekommen, manche Medien haben ihr bereits eine Unterkategorie auf ihrer Webseite gewidmet. Doch wenn ich viele der Artikel in der Kategorie "Greta Thunberg" aktuell so lese, rolle ich so hart mit den Augen, dass ich das Innere meines Schädels sehen kann.

Die Berichterstattung über die Schwedin ist in weiten Teilen alles andere als fair. Journalisten bedienen sich sexistischer Rhetorik, sprechen ihr Mal eine Propaganda zu, mal eine Agenda ab, je nachdem wie sich die oftmals fragwürdige Kritik an ihrer Person am besten verpacken lässt. Genderstereotypen helfen, diese Kritik berechtigt wirken zu lassen. Die sexistische Berichterstattung deutscher Medien nutzt die Identität der 16-Jährigen, um ihre Werte, ihren Aktivismus und ihre Vision kleinzureden. Ageism trifft auf Sexismus und degradiert eine unabhängige, hartnäckige 16-Jährige zum kleinen Mädchen mit Zöpfen, das uns allen den Spaß versauen will und sowieso nur eine Marionette der Grünen ist.

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Dabei betreibt Greta mit ihrem Klimaaktivismus intersektionellen Feminismus und nutzt ihre Privilegien, um sich für Menschen einzusetzen, denen es im Alltag nicht möglich ist, klimafreundlich zu leben. Und die – mal ganz davon abgesehen – auch nicht in großen Teilen für die Erderwärmung verantwortlich sind. Denn es ist ein wahres Privileg, dass vielen Menschen in Deutschland, und der westlichen Welt im Allgemeinen, eine derartige Gleichgültigkeit an den Tag legen, obwohl uns eine wahrhafte Klimakrise bevorsteht. Klar, uns Europäer*innen beispielsweise wird wohl vorerst nicht viel passieren. Denn wir leben in reichen Ländern, unberührt von vielen Naturkatastrophen, die die Erderwärmung zur Folge haben wird.

Wer dagegen darunter leiden wird, sind überproportional Frauen aus armen Ländern, wie das Georgetown Institute for Women, Peace & Security in dem Bericht "Women and Climate Change" darlegt. Gerade Wasserknappheit wird unweigerlich zu mangelhafter Hygiene führen, die "Auswirkungen auf die Gesundheit von Müttern, die wirtschaftliche Produktivität von Frauen und die Bildung von Mädchen" haben wird. Dass sich Greta also nicht auf ihrem White Privilege ausruht, sondern sich für Menschen in einkommensschwachen Ländern einsetzt, die wegen des Klimawandels womöglich als erstes ertrinken, verhungern oder verdursten werden, verdient definitiv Anerkennung – nicht nur aus feministischen Reihen. Aber stimmt ja, so weit kann eine junge Schülerin mit Asperger-Syndrom ja nicht denken.

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Bei "Focus" schreibt Birgit Kelle deshalb über die 16-Jährige, sie sei "bedauernswert, fremdgesteuert, gehypt und instrumentalisiert" – mit der Einschränkung "in Teilen" soll die Kritik irgendwie gerechtfertigt wirken. Angeblich habe die Aktivistin "Eltern, [von denen sie] bis zum Erbrechen auch schon ganz ohne Atlantik-Überfahrt vor jede Kamera und auf jedes Cover gezerrt wird." Na klar, ein junges Mädchen kann ja auch gar keinen eigenen Willen haben, kann sich nicht für die eigenen Werte stark machen und Medien für die eigene Agenda nutzen. Ein 16-jähriges Mädchen ist brav und unschuldig und wird sicherlich von "Geschäftemachern" gegen ihren Willen instrumentalisiert. Kelle, die, so wie viele Journalisten, Greta abspricht eine willensstarke, umsichtige junge Frau zu sein, hat übrigens so Bücher verfasst wie "GenderGaga". Darin geht es darum wie die "absurde Ideologie" hinter der Gleichberechtigung aller Geschlechtsidentitäten von "zweifelhaftem Sinn und Nutzen ist, dafür aber zielsicher Steuergelder vernichtet". Na, wenn ich einer Frau vertraue, eine ausgeglichene und keinesfalls sexistische Berichterstattung zu wahren, dann dieser.

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Unter der Rubrik "Meine Meinung" bei "Tag24" lässt sich Patrick Hyslop über die Atlantiküberquerung von Greta aus, die aufgrund der beteiligten Personen für mehr CO2 verantwortlich ist, als zunächst angenommen. "Vielleicht nimmt sie von der Aktion ja sogar mit, dass es so einfach mit dem CO2-Einsparen halt nicht geht, wie man sich das (vielleicht auch etwas naiv) denkt", urteilt er, im Kontext kurz ausgeführter Kritik der 16-Jährigen. Der Titel des Stücks: "Der makellose Heiligenschein der Klima-Ikone hat 'ne ordentliche Delle."

In seiner Kolumne "Post von Wagner" bei "Bild" hat Franz Josef Wagner nur Mitleid für die Teenagerin übrig, die "wenn [sie] in New York ankommt, [stinken wird]". "Mir tut das Mädchen Greta leid, dass sie kein Mädchen sein darf, das Angst vor Wellen hat, vor dem Meer", schreibt der 76-Jährige. "Er tut mir leid, dass er kein Junge sein darf, der Angst vor Wellen hat" – ob es diese Zeile über einen 16-Jährigen Klimaaktivisten wohl auch gegeben hätte? Oder hätte man den Mut des ganz und gar nicht naiven, sondern rationalen und zurecht radikalen, kleinen Abenteuers gefeiert, der sich da auf einem Boot in die USA begibt, um unsere Welt zu retten? Sagen uns doch schon die Klamotten in der Kinderabteilung: Mädchen wollen Prinzessin spielen und Jungs Piraten sein.

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Die Klatschseite "ExtraTipp.com" gönnt sich in Anlehnung daran die volle Breitseite Sexismus und zieht auch noch Gretas Mutter da rein. Die Webseite versucht ernsthaft, der 16-Jährige ihre Seriosität zu rauben, weil sie eine "heiße Mutter" hat, die Operensängerin ist und sich in einer "Rolle in Unterwäsche zeigt". Denn wo kommen wir denn da hin, wenn intelligente Töchter von selbstbestimmten Frauen auch noch was zu sagen haben wollen, in unserer Gesellschaft? 1950 hat angerufen, sie möchten ihre sexistische Sensationsgeilheit zurück.

Wie genau die Berichterstattung aussehen würde, wenn sich statt Greta ein 16-jähriger Mensch mit männlicher Cis-Identität für das Klima einsetzen würde, wissen wir natürlich nicht. Doch dass viel Kritik einfach hinfällig wäre, wenn wir es mit einem "erwachsenen", mutigem Jungen zu tun hätte, davon kann man ausgehen. Denn ein männlicher Teenager ist in der Regel nicht "naiv" oder "bedauernswert" – er ist ein Held.

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Und: Die ständigen Anspielungen auf Gretas Frisur wären uns wohl auch erspart geblieben. Denn Männer oder eben Jungs werden einfach so gut wie nie derart auf ihr Aussehen reduziert, wie es Frauen und Mädchen jeden Tag erleben. Eigentlich ist es egal, wie Greta aussieht, es würde so oder so darüber geschrieben werden – einfach nur weil sie sich als weiblich identifiziert. Dass ihre Lieblingsfrisur dann noch zur Narrative der naiven kleinen Maus passt, ist natürlich gefundenes Fressen für jeden Chauvi-Redakteur.

Nur eins dürfte die sexistischen Medienmenschen gerade ziemlich sauer machen: Greta ist ruhig und bestimmt. Als hysterisch kann man sie daher leider nicht bezeichnen, dabei hat dieses Wort in der Vergangenheit doch immer so toll funktioniert, um Frauen als irrationale Wesen darzustellen. Schade aber auch.

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  • Quelle:
  • Noizz.de