Manchmal sitze ich nichtstuend auf dem Boden, weil ich mich fürs Bewegen entscheiden müsste.

Vor ein paar Wochen saß ich im Tattoo-Studio. Schon einen Monat vorher war der Termin ausgemacht. Die Artistin hatte schon meine Freundin im Sommer tätowiert, nun war ich dran – und eigentlich konnte ich es kaum erwarten. Einen Tiger wollte ich – stark, elegant. Doch es sollte einfach nicht sein. Am Ende sollte ich kein Tattoo haben, einen zerbrochenen Kopf, und den dringenden Entschluss, etwas an mir, und der Art, wie ich Entscheidungen treffe (bzw. nicht treffe) zu ändern. Aber fangen wir von vorne an:

Im Studio angekommen zeichneten wir schon eine ganze Stunde an einer Skizze, bis ich zufrieden war. Eine weitere Stunde später waren beide meine Arme rasiert, mehrfach desinfiziert, und voller dunkelblauer abgepauster Zeichnungen dieses ominösen Tigers. Das Problem: Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, ob wir jetzt anfangen sollten zu stechen, oder nicht. Egal wie ich die Situation drehte und wendete, es kamen keine Wörter aus meinem Mund. Und ich wurde immer frustrierter.

Das wäre er gewesen, der ominöse Tiger. Foto: Luisa Hemmerling

Nach mittlerweile also zwei Stunden saß ich dann da, alleine im Tattoo-Studio, und fragte mich: Warum zur Hölle konnte ich mich nicht entscheiden, diesen Tiger tätowieren zu lassen? Es war nicht mein erstes Tattoo, diese Hürde hatte ich schon hinter mir, es war auch nicht mein zweites. Früher fiel es mir irgendwie leicht, ja oder nein zu sagen. Warum fiel es mir also jetzt so schwer, einfach was zu bestimmen?

Das merkte die Tätowiererin auch, und sagte, wir sollten es jetzt einfach lassen. Ich würde mich nicht mehr entscheiden, es würde nichts bringen. Also verließ ich das Studio und lief (im Regen, wie es die Dramatik des Momentes bedingte), nach einer Ewigkeit des etlichen Hin und Hers, nach Hause. Und ich war so unglaublich traurig. Nicht, weil ich kein Tattoo hatte, sondern weil ich einfach nicht verstand, wie ich so unglaublich unfähig gewesen sein konnte, einfach eine Entscheidung zu treffen.

Wie ich da so im Regen lief und mich fühlte wie Roy Batty in der Endszene von "Blade Runner", dachte ich so darüber nach, dass das nicht das erste Mal war, das ich einfach keine Entscheidung treffen konnte. Das sind nicht nur große Entscheidungen wie lebenslänglich gestochene Tattoos, sondern zieht sich auch in ganz alltägliche Bereiche meines Lebens. Soll ich noch einen zweiten Kaffee bestellen, oder nicht? Soll ich mir Nudeln kochen oder ein Ei in die Pfanne hauen? Soll ich in Jogginghose zur Arbeit gehen, soll ich mich heute Abend noch duschen, oder soll ich mich am Wochenende noch mit einer Freundin treffen?

All das sind Entscheidungen, die keine langwierigen Konsequenzen haben werden, trotzdem kann ich sie nicht treffen. Ich werde müde, sobald sie anstehen und sobald ich eine getroffen habe, denke ich, es sei die Falsche. Manchmal finde ich mich in Situationen wieder, in denen ich dann wie gelähmt auf dem Boden sitze, weil ich mich nicht entscheiden kann, ob ich lieber ein Buch lesen will oder die Wäsche machen. Wirklich. Manchmal, da ist das sehr schlimm. Weil diese Entscheidungsunfähigkeit dich so vom echten Leben löst, das ja nur daraus besteht, Entscheidungen zu treffen.

Du schwebst dann irgendwo zwischen Realität und Gedankenwelt, und dieser Ort ist ein ziemlich gruseliger Zustand, in dem du gefangen sein kannst. In diesen Momenten falle ich gedanklich in eine Spirale, in der ich mir von all den Entscheidungen bewusst werde, die ich in meinem Leben noch treffen werde müssen.

Gerade die alltäglichen Abwägungen sind schrecklich

... weil es Entscheidungen sind, die ich immer und immer wieder machen muss. Und dieser Gedanke macht so müde, dass ich am liebsten gar nichts mehr machen würde. Das Tattoo-Debakel rüttelte mich wach: Höchste Zeit, dass ich mich darum kümmere, was eigentlich das fucking Problem ist.

Ich googelte: Entscheidungsunfähigkeit. 27,500 Ergebnisse in 0,35 Sekunden. Ich kämpfe mich in die Tiefen der Ergebnisliste und finde Doris Wolf und Anke Hasse. Beide sind Psychotherapeuten, die sich mit den psychologischen Auswirkungen von Entscheidungen-treffen beschäftigen. Am Ende unserer beiden Gespräche habe ich die wohl wichtigste Erkenntnis: Es geht nicht darum, eine Entscheidung zu treffen, es geht darum zu einer Entscheidung zu stehen. Und das geht nur, wenn du in dir selbst vertraust.

"Hinterher ist man immer schlauer" – dieser Satz wurde mir schon so oft in Begleitung eines bemitleidenden Schulterklopfers hinterhergeseufzt. Doch laut Anke Hasse bringt der so gar nichts. "Du entscheidest dich ja nicht hinterher, sondern in dem Moment. So ist die Welt", erzählt sie mir am Telefon. Deswegen ist bei einer Entscheidung auch der Moment im Nachhinein wichtiger. Denn wenn du lernst im Nachhinein keine Reue für eine Entscheidung zu empfinden, dann ist dein Kopf schon im Vorhinein nicht konditioniert, sich vor einer Entscheidung und ihrer Konsequenzen zu scheuen.

Macht Sinn?

Schon. Aber so einfach ist es nicht, das auch umzusetzen. Weil, um mit einer Entscheidung zufrieden zu sein, musst du ja ein viel grundlegenderes Problem in dir behandeln. Dir selber genug zu vertrauen, dass deine Entscheidungen dich weiterbringen werden. "Es mangelt uns am nötigen Selbstvertrauen", so Doris Wolf. Es gibt keine richtigen Entscheidungen, es gibt nur eine gute Umgehensweise mit den Entscheidungen.

Doris Wolf argumentiert auch, dass es heutzutage auch nicht mehr so viele klare Richtlinien und Konventionen gibt (z.B. die Kirche) wie früher. Menschen sind in ihren Entscheidungen freier – und müssen im Umkehrschluss auch mehr von ihnen treffen. Diese "Flut von Entscheidungen kann auch mal überfordern", stimmt Anke Hasse zu.

Wenn man ständig Entscheidungen treffen muss, dann zieht das Energie, weil du nachdenken musst. Irgendwann hast du dann keine Kraft mehr und keine Lust auf Entscheidungen.

Das erklärt Anke Hasse.

Relatable, denke ich mir während unseres Gesprächs. Entscheidungsunfähig ist das falsche Wort: Entscheidungsmüde – das passt schon eher.

Wenn wir uns nicht mit unserer Entscheidungsschwierigkeit auseinandersetzen, dann kann das auch Konsequenzen haben, sagt Doris Wolf. Zum Beispiel hindert es dich daran, deine Lebensziele zu verwirklichen: "Wir schieben wichtige Aufgaben auf oder meiden sie und können unsere Talente nicht umsetzen", erzählt sie mir. Der daraus resultierende Stress kann auch gesundheitliche Probleme auslösen, z.B. "Schmerzen in der Muskulatur, Magen-Darm- oder Herz-Kreislauf-Probleme. Depressionen, massive Selbstwert-Probleme, eine Suchtmittelabhängigkeit oder eine Angststörung".

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Cool.

Gar kein Stress also, wenn ich mal wieder nicht weiß, ob ich meine Haare waschen, oder noch einen Tag warten sollte. So langsam denke ich, dass es vielleicht alles ein bisschen komplexer ist, als einfach "mit einer Entscheidung zufrieden sein". Doch dann macht Doris Wolf es mir ganz einfach.

Münzen werfen schlägt sie mir vor, um schneller eine Entscheidung zu treffen. Eine Pro-Contra-Liste und Zukunftsszenarien aufstellen – das kann ich gut. Was sich simpel anhört, ist auch simpel. Denn eine Entscheidung treffen ist einfach verdammt noch mal nicht schwierig. Mach es einfach, das ist meine größte Lesson aus der ganzen Aktion. Aber wenn du die Entscheidung getroffen hast, dann musst du die auch akzeptieren. So einfach ist das.

Das alles ist natürlich leichter gesagt als getan. Menschen, die sich in einer Depression befinden und deswegen entscheidungsunfähig sind, werden nicht mit einer Pro-Contra-Liste zum Glück finden. Aber wenn es darum geht, mehr Vertrauen in sich selbst aufzubauen, dann ist das ein Ansatz, der auch längerfristig guttut. Selbst, wenn es banal scheint, die Entscheidung über das Abendbrot auf der Grundlage von Selbstbewusstsein aufzubauen – einen Sinn hat das schon. Einfach weniger sich selbst hinterfragen.

Ob ich mit diesen Erkenntnissen jetzt ein Tiger auf meinem Oberarm gestochen hätte? Vermutlich nicht. Aber ich wäre weniger enttäuscht von mir gewesen im Nachhinein, und im Endeffekt war das ja der einzige Grund, warum das Tattoo-Debakel mich beschäftigte. Richtig was für das Leben gelernt, würde ich mal behaupten. 

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Quelle: Noizz.de